Zwei Bundesligaprofis mit Ostwurzeln: Unions Robert Andrich und Leonardo Bittencourt vom SV Werder Bremen.
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BerlinLänderspielpause, das heißt nach den vergangenen Wochen gerade für den 1. FC Union vor allem: durchpusten! Während andere Trainer lediglich mit einem Häuflein an Spielern üben, ändert sich für Urs Fischer nicht viel. Na gut, Sebastian Andersson und Christopher Trimmel sind nicht da, aber sonst? Wer weiß, vielleicht ist das sogar ein Vorteil. Sogar gegenüber dem nächsten eisernen Gegner SC Freiburg, denn auch die Breisgauer stellen inzwischen elf Mann für diverse Auswalteams ab.

Bei manchem Länderspiel, gerade wieder beim heutigen gegen Argentinien und dem am Sonntag in Estland, kommt mir, weil beide kurz nach dem Tag der deutschen Einheit stattfinden und weil mit Union mal wieder eine echte Mannschaft aus dem Osten im Oberhaus spielt, etwas anderes in den Sinn: Wie viel Osten steckt eigentlich im DFB-Team, wie viel Osten in der Bundesliga?

Es hat Zeiten gegeben, 1996 war das, da hätte es ohne einen Leader aus Dresden, Matthias Sammer nämlich, keinen EM-Titel gegeben und da reichten die Finger einer Hand nicht aus, um die DFB-Stars mit Wurzeln zwischen Rostock und Aue, Magdeburg und Frankfurt (Oder) zu zählen. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea jedenfalls stammten sieben der 23 Spieler – Michael Ballack, Jörg Böhme, Carsten Jancker, Jens Jeremies, Thomas Linke, Marko Rehmer, Bernd Schneider – aus dem Osten. Fast ein Drittel also. Aktuell, und das seit Jahren, ist Toni Kroos der letzte der Mohikaner.

Die Bundesliga überschwemmt

Die Bundesliga ihrerseits wurde nach dem Fall der Mauer geradezu überschwemmt mit klasse Spielern aus der DDR-Oberliga. Ihre Zahl war locker dreistellig. Natürlich hat es auch daran gelegen, dass die Plätze für ausländische Spieler damals arg limitiert waren. In erster Linie aber waren die Jungs, die nahezu ausnahmslos ihre Entwicklung in den Kinder- und Jugendsportschulen erfahren hatten, grandios ausgebildet.

Selbst bei Hertha BSC standen während der besten Zeit, in der Champions-League-Saison 1999/2000, sieben Spieler unter Vertrag, die ihr Fußball-Abc im Osten gelernt hatten: mit Marko Rehmer sogar ein ehemaliger Unioner, dazu Andreas Thom, Michael Hartmann, Hendrik Herzog, René Tretschok, Sixten Veit und Dariusz Wosz. Noch Fragen?

Eine wenigstens, und zwar die: Wie sieht es heute, exakt 20 Jahre später, aus? Von „nicht so gut“ bis „könnte besser sein“ ist alles dabei. Aber das grenzt an Schönfärberei, denn ein einziges Wort trifft es am besten: katastrophal! Und zwar ligaweit. Die Bundesligaspieler „von hier“ sind eine aussterbende Spezies.

Nur vier Stammspieler

Weil Steven Skrzybski, der Ex-Unioner aus Kaulsdorf, auf Schalke diese Saison noch nicht zum Zuge kam und Marcel Schmelzer (stammt aus Magdeburg) in Dortmund keine Rolle mehr spielt, haben Experten in den 18 Bundesligateams gerade mal vier (!) Stammspieler ausgemacht, die aus einem der fünf neuen Länder kommen. Ihre Namen: Maximilian Arnold (Wolfsburg) aus Riesa, Nils Petersen (Freiburg) aus Halberstadt, Felix Uduokhai (Augsburg) aus Annaberg-Buchholz und – auch der 1. FC Union ist dabei – der Potsdamer Robert Andrich. Natürlich könnte ihre Zahl steigen mit den Bremern Leonardo Bittencourt (in Leipzig geboren) und Kevin Möhwald (aus Erfurt), mit dem Schalker Markus Schubert (Freiberg) und dem Mönchengladbacher Tony Jantschke (Hoyerswerda). Auch in Köpenick gibt es Luft nach oben. Felix Kroos, wie sein Weltmeister-Bruder Toni in Greifswald zur Welt gekommen, sollte es draufhaben.

Nicht falsch verstehen, das ist kein Ruf und noch weniger ein Schrei nach einer Ost-Quote im Fußball. Aber sich Gedanken darüber zu machen, dass es so gekommen ist wie es ist, sollte man durchaus.