Ein bisschen Nähe muss sein: Fans und Spieler des 1. FC Union begegnen sich am Zaun.
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BerlinMit größtem Interesse verfolgt man in diesen Tagen beim 1. FC Union die politische Diskussion um die Frage, ab wann wie viele Zuschauer bei Großveranstaltungen zugegen sein dürfen. In der Konsequenz geht es dabei eben auch um die Zukunft des Vereins. In Köpenick ist man sich nämlich bewusst, dass man seine Fans noch dringlicher als jeder andere Klub der Bundesliga braucht, um in der höchsten deutschen Spielklasse bestehen zu können. Wobei der finanzielle Aspekt nicht unwichtig, der emotionale Aspekt letztlich der wesentliche ist. Die Aussicht, dass die Eisernen im Stadion An der Alten Försterei auch im zweiten Bundesligajahr erst mal vor einer Geisterspielkulisse um Punkte für den Klassenerhalt spielen müssen oder die Heimspielstätte nur zum Teil besetzt werden darf, bezeichnet Christian Arbeit, der Geschäftsführer Kommunikation bei Union, jedenfalls als „gruselig“.

Am Dienstag hatte ja die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) schon mal dargelegt, wie die Rückkehr des Stadionpublikums in ihrem Bundesland vonstatten gehen könnte. Wenn entsprechende Hygieneregeln befolgt und Kontakte gegebenenfalls nachverfolgt werden könnten, seien bereits ab dem 1. September Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern möglich, erklärte die SPD-Politikerin. Allerdings sollten die Fans doch bitte „rufen, singen und schreien vermeiden“. Im Rahmen dieses Konzepts wäre es beispielsweise dem Bundesligisten RB Leipzig erlaubt, zum Saisonstart, der vorläufig für den 18. September terminiert ist, die Leipziger Arena mit 21.000 Zuschauern zu füllen. Was in etwa auch der Zahl an Dauerkarten entspricht, die der Klub in der kommenden Spielzeit an Frau, Mann und Kind bringen will. Das Fassungsvermögen der Leipziger Arena liegt, um die Absicht in Relation zu setzen, wiederum bei knapp 42.000 Zuschauern.

So viel Mut und etwas weniger Vorsicht wünscht man sich beim 1. FC Union auch von den Berliner Behörden. Wenngleich man die Vorstellung von durchweg schweigenden Anhängern doch als aberwitzig erachtet. Genauso wie das Szenario, dass die Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln dicht gedrängt zum Stadion reisen, im Stadion dann aber auf die Abstandsregeln achten sollen.

Klubpräsident Dirk Zingler hatte dahingehend bereits beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison im Vorwort des Stadionheftes seine Überzeugung kundgetan. Er schrieb: „Emotionen mit anderen Menschen zu teilen ist unmöglich, wenn uns anderthalb Meter trennen. Beharren wir über einen langen Zeitraum auf Abstandsregeln bei Sport- oder Konzertveranstaltungen, verändern bzw. beschädigen wir diese Erlebnisse nachhaltig. Wir zerstören das, was wir bisher auf genau diese Weise liebten und was Teil unseres sozialen Lebens war: menschliche Kontakte bei Sport oder Musik.“ Mit aller Kraft arbeite man deshalb darauf hin, dass man schon bald wieder einer eisernen Losung gerecht werden könne. Zingler betonte: „Wir spielen Fußball für Menschen, und zwar in erster Linie für Menschen im Stadion.“ Eine künstliche, von einem DJ eingespielte Atmosphäre, wie das da und dort schon ausprobiert wurde, ist für die Köpenicker jedenfalls undenkbar. Ein volles Haus voller Leben soll es sein, im Rahmen eines entsprechenden Konzeptes, versteht sich.

Dieses Ansinnen steht im Widerspruch zur aktuellen Berliner Infektionsverordnung, wonach vom „1. September bis zum Ablauf des 24. Oktober 2020 Veranstaltungen im Freien mit mehr als 5000 zeitgleich Anwesenden verboten“ sind. Auf Anfrage teilte ein Sprecher des im Urlaub befindlichen Innensenators Andreas Geisel nur Folgendes mit: „An dieser Stelle kann es nur eine gemeinsame Lösung geben. Dazu sind natürlich Abstimmungen der DFL mit allen Ländern notwendig, damit hier kein Flickenteppich entsteht. Die DFL müsste für geplante Spiele entsprechende Hygienekonzepte vorlegen.“

Das mit der gemeinsamen Lösung ist ein frommer Wunsch, das mit der DFL und einem einheitlichen Konzept wiederum ein nahezu unmögliches Unterfangen. Es gibt nun mal ungleiche Fallzahlen in den Regionen, zudem zahlreiche Fußball-Anhänger in Deutschland, die gegen mögliche Anstands- und Abstandsregeln beziehungsweise auch gegen eine mögliche Überwachung opponieren. DFL-Boss Christian Seifert prognostizierte deshalb schon vor wenigen Tagen in einem Interview mit der FAZ: „Man wird immer individuelle Lösungen finden müssen.“ Klingt nach jeder Menge Komplikationen.