Union Berlins größter Triumph: Das Vermächtnis der 68er

Heike Felsch kann sich noch sehr gut erinnern an diesen 9. Juni vor 50 Jahren: „Wir wohnten damals noch im Prenzlauer Berg. Mit einer Nachbarin hatte ich die Wohnungstür geschmückt. Mit ’ner Girlande. Mit ’nem großen Schild. Und drauf gewartet, dass er kommt. Alles für eine tollen Empfang vorbereitet.“ Wer nicht kam, war Hartmut Felsch. Es wurde eine lange Nacht. Wie lang, weiß sie nicht mehr so genau.

Denn der Einzige, der nicht auf der Bildfläche erschien, war ihr Gatte Hartmut. Eine Ausnahme, die sie ihm verzieh. Denn die Verspätung hatte einen Grund. Felsch und seine Kollegen, die wenige Stunden zuvor mit einem 2:1 gegen Carl Zeiss Jena sensationell den FDGB-Pokal gewonnen hatten, waren irgendwo auf der Rückreise nebst Zwischenstopp, um Bier und Sekt aufzutanken, zwischen Halle und den heimischen Gefilden hängengeblieben.

Empfang im Roten Rathaus

„Wahrscheinlich waren wir in Oberschöneweide. Dort hatten uns die Fans einen tollen Empfang bereitet. Aber alles andere weiß ich nicht mehr so genau. Das ist ja auch eine Weile her“, sagt der ehemalige Linksverteidiger. Es waren turbulente Tage. Mit vielen Feiern, dem Empfang im Roten Rathaus, verdienter Lohn. Denn der bis dahin jüngste Titel für die Hauptstadt der DDR lag drei Jahre zurück.

1965 hatte der ASK Vorwärts Berlin die letzte seiner vier Oberliga-Meisterschaften errungen. Das von Louis van Gaal dem deutschen Fußballwortschatz spendierte Wort „Feierbiest“ gab es noch nicht. Ansonsten hätten Jimmy Hoge und Team sich dessen wohl als würdig erwiesen.

Der erste und einzige große Titel

Doch zurück zum Spiel: Jena war eine Woche zuvor Meister geworden, Union – die ganze Saison mehr oder weniger in Abstiegsgefahr – blieb nicht mehr als die Außenseiterrolle. Und aus der heraus gelang der Triumph. Jenas schnelle Führung war nicht von Dauer.

„Vielleicht hatten die uns unterschätzt. Roland Ducke hatte ja Jimmy nach dem Führungstreffer schon auf die Schippe genommen. ,Heute kriegt ihr wieder fünf’“, erinnert sich Siegtorschütze Ralf Quest. Zuvor hatte Meinhard Uentz per Strafstoß ausgeglichen. Und bei dem 2:1 blieb es. Egal, was Jena auch unternahm.

Es war der erste große Titel der Köpenicker. Und es sollte bis zum heutigen Tage der einzige bleiben, mit dem sich der mittlerweile dienstälteste Zweitligist schmücken kann. Wonach es zunächst übrigens nicht ausgesehen hatte.

Ein Rückstand wird gedreht

„Ans Endspiel haben wir bestimmt nicht gedacht vor der ersten Runde“, sagt Felsch. Der Start verlief mit einem mühevollen 1:0 beim ASK Vorwärts Cottbus holprig. „Die waren damals Zweitligist“, erinnert sich Felsch. Energie Cottbus in der darauffolgenden Runde wurde erst in einem Wiederholungsspiel bezwungen.

Im Viertelfinale allerdings wurde dann Pokalverteidiger Zwickau eliminiert. Per Felsch-Tor übrigens. „Danach wollten wir mehr. Da war der Ehrgeiz geweckt. Es war ein bisschen so wie die Truppe 2001. Die hatten sich ja am Start auch nicht ausgerechnet, dass sie am Ende im Endspiel im Olympiastadion stehen würden“, sagt Felsch rückblickend.

Im Halbfinale gegen den Lokalrivalen Vorwärts Berlin wuchs das Team erstmals über sich hinaus, drehte nach einem 0:1-Rückstand das Spiel. Dann kam das Endspiel im Kurt-Wabbel-Stadion gegen das Team von Carl Zeiss Jena, das gerade erst Oberliga-Meister geworden war. „Das waren zu 80 Prozent Nationalspieler. Wir waren nicht die besseren Fußballer, aber eine echte Mannschaft“, so der gelernte KFZ-Schlosser, der später neben dem Fußball seinen Meister an der Abendschule machte. 

Ein Job übrigens, den er nie ausübte. Nach dem Ende der aktiven Laufbahn wurde er 1976 gleich Assistent von Heinz Werner im Oberliga-Kollektiv. Nach der Wende kam er beim Berliner Fußball-Verband als Übungsleiter unter, während seine Frau Heike weiter als Grundschullehrerin arbeitete.

Die Helden von damals

Nun jährt sich der Tag des Triumphes erneut. Am 1. Juli wollen die Köpenicker deshalb ihren Saisonauftakt mit einem Spiel gegen den heutigen Drittligisten Carl Zeiss Jena bestreiten. Schon beim letzten Heimspiel dieser Saison der Eisernen gegen den VfL Bochum wurden in einer aufwendigen Stadion-Choreographie all der Helden von einst gedacht.

„Bei den Spielen zuvor wurde ja immer gesammelt in den Wochen davor. Es hieß immer nur für die 68er. So richtig konnten wir uns nicht vorstellen, was damit gemeint war, bis wir es dann im Stadion gesehen haben. Da haben wir ganz aufgeregt hingeguckt, wo er denn drauf ist. Anfangs waren die Bilder ja noch nicht runtergeklappt“, sagt Heike Felsch, die genau wie ihr Gatte auch heute noch bei jedem Heimspiel im Stadion sitzt. Sie auf der Tribüne, er in der Eisern Lounge.

„Ist vielleicht auch besser so. Dann muss ich mir nicht immer all die Kommentare anhören von Leuten auf der Tribüne beim ersten Fehlpass“, ergänzt Hartmut Felsch lachend.

Ein Koloss von einem Cup

Und was ist jetzt, 50 Jahre danach, noch am frischesten in Erinnerung? „Der Pokal selber. Der ist echt schwer. Wenn ich die Bilder von damals sehe, dann staune ich schon, wie wir das Ding so locker in die Luft gestemmt bekommen haben“, sagt Felsch.

Es war in der Tat ein Koloss von einem Cup. 97 Zentimeter hoch, 37 Kilo schwer. Kein Vergleich mit der 6,25 Kilo leichten DFB-Pokal von heute. Davon konnten sich Wolfgang Wruck, Ralf Quest, Harald Bethke, Jürgen Stoppok und die anderen vor vier Jahren noch einmal überzeugen.

Seinerzeit hatte Unions Archivar Gerald Karpa die verschollen geglaubte Bronzestatue im Leipziger Sportmuseum entdeckt und eine emotionale Reise für die 68er organisiert. Bis September ist die von Hans Hechel gestaltete Trophäe noch in der Alten Försterei als Leihgabe zu bestaunen.

Ein großer Kreis und viele Anekdoten

Geschichten und Anekdötchen dazu werden nach wie vor ausgetauscht. „Wir treffen uns heute noch jedes Jahr am ersten Freitag im Dezember“, sagt Felsch. Wobei der Alt-68er-Kreis mittlerweile ein bisschen größer geworden ist.

Denn nicht wenige, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren das Trikot der rot-weißen Fußballer übergestreift haben, stoßen dann hinzu. Wolfgang Matthies beispielsweise. Und noch einige mehr. Sogar Gegner von einst, aus Magdeburg, von Vorwärts.

Im Ehrenrat der Eisernen

Traditionspflege, die bei Union beinahe verschüttgegangen wäre. „Union hatte ja in den Neunzigerjahren reichlich Geldprobleme. Und jeder hatte in diesen Jahren nach Wende ja auch viel mit sich selbst zu tun. Es war alles ein bisschen schwierig. Damals hatte ich mich auch ein bisschen entfernt von Union. Aber ich will da nicht ins Detail gehen“, sagt Felsch, der bis 1992 noch als Junioren-Coach bei den Eisernen engagiert war.

Er selber fand nach einem Intermezzo 2001 anlässlich des Pokalfinales den Weg zurück zu Union. Grit Lehmann, langjährige gute Seele auf der Geschäftsstelle, holte ihn und die Kollegen zum Cup-Finale ins Olympiastadion. Felsch brachte sich in der Folge auch fleißig im Ehrenrat der Köpenicker ein. Doch spätestens 2016, als Präsident Dirk Zingler anlässlich des fünfzigsten Vereinsgeburtstages die Pokalsieger von einst zu Ehrenmitgliedern machte, hatten alle wieder ihren Frieden mit den Eisernen geschlossen.

„Ich würde nicht tauschen wollen“

Überkommt ihn heute angesichts all der Gehälter, die im Profifußball gezahlt werden, nicht manchmal Wehmut, der Gedanke, zur falschen Zeit gekickt zu haben? Felsch überlegt nicht lange. Sein Blick geht hinüber zu Frau Heike, die neben ihm auf dem Sofa sitzt.

„Ich würde nicht tauschen wollen. Alles zu seiner Zeit. Wir hatten doch alles, waren sozusagen sozialistische Profis, mussten nicht arbeiten. Auf eine Autoanmeldung mussten wir nicht 15 Jahre warten. Und arbeiten mussten wir eigentlich auch nicht. Höchstens mal ein oder zwei Tage zur Strafe, wenn die Ergebnisse nicht gestimmt hatten. Aber mehr als zwei Vormittage waren wir dann auch nicht in den Trägerbetrieben, danach ging es wieder auf den Fußballplatz.“

Kein Zweifel möglich, da spricht einer, der mit sich und seinem Leben im Reinen ist. „Ich bin zufrieden mit dem, was wir uns aus eigener Kraft erarbeitet haben. Ob ich nun 'ne Millionen habe, die ich sowieso nicht verwerten kann. Ich verstehe nicht, wie manche heute ums Geld zocken. Nein, das war unsere Zeit, und die will ich auch nicht missen“, sagt Felsch.

Absage von höchster Stelle

Wenn er überhaupt etwas bedauert, dann die verpasste Chance, international spielen zu dürfen. 1968 war ja ein bewegtes Jahr. Auch außerhalb des Spielfelds. Die Studentenbewegung in den Altbundesländern. Der Prager Frühling gefolgt vom Einmarsch der Sowjetunion, was Auswirkungen auf den Sport hatte.

„Wir waren ja schon ausgelost. Gegen den jugoslawischen Cup-Sieger. Dann hat die Uefa das alles gestrichen. Die Länder aus dem Ostblock wurden neu gegeneinander gelost. Nun hätten wir gegen Dynamo Moskau spielen müssen. Die hatten auch eine gute Mannschaft. Mit Lew Jaschin im Tor.“ Die Partie wurde dann von ganz oben abgesagt. Zu Felschs großem Bedauern. „Die Eintrittskarten dafür waren ja schon gedruckt.“