Berlin - Kopfschüttelnd stand Max Kruse etwa zehn Minuten vor Spielende am Mittelkreis, flüsterte etwas in sich hinein. Und man kann sich schon denken, was das war. Nämlich Worte, mit denen man vielleicht auch mal auf die derbe Art seine Ungläubigkeit über den Verlauf eines Fußballspiels zum Ausdruck bringt. Ja, 1:3 hieß es am Ende dieses Stadtderbys aus Sicht von Kruse und Union. 1:3 gegen Hertha BSC, obwohl die Eisernen ein ziemlich gutes Spiel gespielt hatten. Allerdings mit ein paar Aussetzern, welche die Mannschaft von Trainer Urs Fischer letztlich um den Lohn der guten Fußballarbeit brachten. 

Fußball ohne Publikum bleibt ein Graus

Fußball ohne Stadionpublikum ist und bleibt ein Graus. Das wurde einem, was nicht wirklich überraschen konnte, im Besonderen beim Stadtduell zwischen dem selbsternannten Big-City-Club aus Charlottenburg und dem Big-Heart-Club aus Köpenick bewusst. Null statt 75.000 Zuschauer, das schmerzt, weil man so eine Ahnung hat, mit welcher Energie die Anhänger beider Klubs in dieses Oval gepumpt hätten. Ein Derby ist in einer leeren Arena zwar immer noch ein Derby, doch in der Nacherzählung, durch die ein Spiel erst zum Klassiker wird, fehlt den Nacherzählern nun mal dieses so wichtige „Warst Du auch dabei, als ...“. 

In diesem Zusammenhang spricht es für die Spieler beider Klubs, dass sie sich der bedrückenden Leere und dem frostigen Wetter zum Trotz vom Anpfiff weg mit einer Intensität ärgerten, die für gewöhnlich (leider war das an diesem Abend nur bedingt der Fall) eine hohe Qualität zur Folge hat. Da krachte Unions Robert Andrich gleich mal in Herthas Matteo Guendouzi, wenig später auch noch in Matheus Cunha; Herthas Jordan Torunarigha, der für den leicht angeschlagenen Omar Alderete in der Innenverteidigung agierte, rauschte wiederum mit Anlauf in ein Kopfballduell mit Unions Taiwu Awoniyi. Das war alles schon ziemlich hart, aber immer noch fair. Die Betonung liegt dabei auf noch.

Beide Mannschaften agierten dabei zur Verwunderung der Beobachter aus einem 4-4-2, was zur Folge hatte, dass im Vergleich zum vergangenen Wochenende bei den Blau-Weißen Lucas Tousart für Krzysztof Piatek, bei den Roten wiederum Julian Ryerson für Sheraldo Becker spielte. Ryerson gab dabei den Linksverteidiger, während Christopher Lenz in einer Mittelfeldraute die linke Position einnahm. Inwieweit diese mannschaftstaktische Umstellung von Coach Fischer nun die Führung zur Folge hatte, lässt sich nur schwer sagen, jedenfalls war es es Lenz, der in der 20. Minute auf Marcus Ingvartsen passte, auf den Dänen, der nach der Ballannahme sogleich ein kleines Tänzchen vollführte. Dabei brachte er insbesondere Niklas Stark ins Staunen und Stolpern, drehte sich noch einmal um 90 Grad, um mit dem Außenrist schließlich gekonnt auf den in die Tiefe startenden Awoniyi durchzustecken. Und der bewies, dass auch ein gar nicht so guter Schuss ein guter Schuss sein kann - wenn er nur drin ist. Herthas Keeper Alexander Schwolow brachte zwar noch Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand an den Ball, konnte aber das 1:0 für die Gäste nicht verhindern. Das Bemerkenswerte: Zu dritt hatten Lenz, Ingvartsen und Awoniyi innerhalb von fünf Sekunden sechs Hertha-Profis überspielt.

Zurück zu dem „noch“ von eben. Nur eine Minute nach dem ersten spielerischen Höhepunkt der Partie setzte Andrich erneut ein Zeichen der Aggressivität. Allerdings eins, das einen Platzverweis nach sich zog. Sein Bein viel zu hoch, mit zu viel Wucht in Tousarts Gesicht gerammt, als dass Schiedsrichter Felix Brych, der noch einmal zur Vergewisserung den Faktencheck des Videoassistenten mit einbezog, eine andere Entscheidung hätte treffen können. Tousart erholte sich, Andrich schlich in die Kabine, mit einem schlechten Gewissen, na klar, weil seine Teamkollegen fortan in Unterzahl agieren mussten. 

Unioner agieren als gewiefte Unterzahl-Kämpfer

Die allerdings erwiesen sich zunächst als gewiefte Unterzahl-Kämpfer, eröffneten den Gastgebern nur selten die Gelegenheit, sich zum Torschuss in Position zu bringen. Nur nach einer Ecke von Cunha in der 40. Minute ging in Hälfte eins im Strafraum die Zuordnung nicht auf, doch war Dodi Lukebakios einfach zu schwach, um Andreas Luthe in Verlegenheit zu bringen. Herthas Harmlosigkeit könnte man freilich auch mit Herthas Eindimensionalität in Verbindung bringen. Zu wenig Tempo war da im Lauf- und Passspiel zu beobachten, zu viel Quer im trägen Miteinander.

Womöglich hätte sich Hertha weiter selbst eingelullt, wenn a) Luthe beim Ausgleichstreffer durch Peter Pekarik nicht kräftig gepatzt hätte und/oder b) Fischer schon früher als erst in der 54. Minute den offensiven Awoniyi durch Sebastian Griesbeck ersetzt hätte. Das 1:1 muss jedenfalls Unions Schlussmann verantworten, denn der Schuss von Cunha aus mehr aus 20 Metern war weder besonders scharf noch besonders platziert. Luthe konnte ihn dennoch nicht festhalten, Pekarik staubte ab. 

Beim 1:2 durch den eingewechselten Piatek agierte der 33 Jahre alte Torhüter erneut äußerst unglücklich, eröffnete durch einen Fehlpass der Hertha die Möglichkeit zum schnellen Abschluss, bei dem Piatek allerdings auch davon profitierte, dass Ryerson den Ball noch abfälschte. Von Fehlern, die er gemacht habe, wollte Luthe im Nachgang der Partie nichts wissen, er wäre froh gewesen, dass er beim Ausgleich den Ball noch zur Seite hätte abwehren können, sagte er bei DAZN.

Der Widerstand der Köpenicker war nun gebrochen, ohne dass die Hertha das erzwungen hätte. Wobei man natürlich nicht unterschlagen sollte, dass Piateks 3:1 schon ein feines Tor war. Der Mann des Abends, zumindest aus Sicht von Hertha BSC, demonstrierte dabei seine ausgereifte Schusstechnik. Und es ist wie es ist: Auch die Herthaner durften sich als verdiente Sieger fühlen, während die Unioner als Verlierer in die Nacht gingen.

„Das ist schon hart, wenn du 70 Minuten lang in Unterzahl spielen musst. Bis zum 1:1 haben wir das auch sehr gut gemacht“, sage Unions Christopher Trimmel: „Irgendwie lässt dann aber die Kraft nach.“