München - Haben Sie gewettet? Auf den Außenseiter? Nicht? Tja, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Hätten Sie durchaus Geld mit machen können. Denn der 1. FC Union entführt beim großen FC Bayern mit einem 1:1 (0:0) einen Zähler und verleiht dem Titelkampf wieder einen klitzekleinen Hauch von Spannung. Was für ein Nachmittag aus Köpenicker Sicht.

Trainer Urs Fischer ging die Partie in der Allianz-Arena mit einem Scherz an. Man sei schlecht beraten, wenn man sich auf die fehlenden neun bei den Bayern konzentrieren würde. „Die haben da schon noch den einen oder anderen“, so der Schweizer Fußballlehrer.

Und sowieso: Auf die Spieler auf dem Platz gelte es sich zu fokussieren. Nicht die abwesenden. Es waren dann sogar zwölf Mann, die Hansi Flick nicht auf den grünen Rasen schickte. Denn David Alaba, Leroy Sané und Benjamin Pavard schonte der Bayern-Coach zunächst auch noch. Alles wohl mit Hinblick auf das Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League am Dienstag in Paris, wo es gilt, ein 2:3 umzudrehen. Dafür gab ein gewisser Josip Stanisic sein Debüt und Tiago Dantas durfte seinen bisher drei Bundesligaminuten weitere hinzufügen. Alle beide eigentlich Drittliga-Jungs.

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Für Edition Nr. 3 konnten wir Christoph Biermann als Autor gewinnen. Der renommierte Journalist gibt Antwort auf die Frage: Wer sind die eigentlich, diese Unioner? Wir haben mit Kapitän Christopher Trimmel gesprochen, der Einblicke in sein Privatleben gibt. Und wir statteten Professor Bernd Wolfarth und seinem Kollegen Clemens Gwinner in der Charité einen Besuch ab. Die beiden beraten Union bei der medizinischen Versorgung der Profis, koordinieren zudem die Corona-Testungen im Verein.

Fischer gedachte, das wie im Hinspiel im 4-3-3 mit einer Viererkette sowie Marius Bülter und Keita Endo auf den Flanken anzugehen. Um „mehr Geschwindigkeit“ auf die Flügel zu bekommen, wie der 55-Jährige anmerkte.

Union spielt munter mit

Erstaunlicherweise hatten die Eisernen dann gar nicht so viele Umschaltmomente wie gedacht. Die Köpenicker spielten im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut mit. Ihre beste Chance resultierte dann auch aus einem durchdachten Aufbauspiel, an dessen Ende aber Bülter die Hereingabe von Max Kruse dem Bayern-Torwart Manuel Neuer mitten in die Arme köpfte (23.).

Auf der Gegenseite brannte es dafür weniger im Strafraum der Eisernen. Einmal musste Andreas Luthe beherzt eingreifen. Genauer gesagt, gleich zweimal binnen weniger Sekunden. Zunächst fischte Unions Keeper dem durchbrechenden Eric Maxim Choupo-Moting die Kugel geschickt von den Füßen, dann rettete er mit einem tollen Reflex gegen den Abpraller von Thomas Müller (17.). 

Torlos ging es in die Pause. Nicht einmal unverdient aus Gästesicht, auch wenn die Münchner mehr vom Spiel hatten. Doch wie hatte Fischer vor dem Spiel geunkt: „Wir brauchen einen sehr guten Tag, die Bayern einen nicht so guten.“ Genau danach sah es in den ersten 45 Minuten allerdings aus.

Ingvartsen im Joker-Glück

Denn die Münchner haben eben Geduld, wenn es sein muss. Und ihre Individualisten. Marvin Friedrichs zu kurze Abwehr findet von Müller den Weg zu Jamal Musiala. Der tanzt sowohl Robert Andrich als auch Robin Knoche auf engstem Raum aus und überwindet den machtlosen Luthe (68.). Hatte man kommen sehen. 

War's das? Nein. Denn diese Eisernen geben sich erst geschlagen, wenn sie wieder in den Bus klettern müssen. Routinier Christian Gentner kommt und bringt neuen Schwung. Auch mit den weiteren Auswechselungen bewies Fischer ein goldenes Händchen. Er brachte unter anderem Marcus Ingvartsen.

Der Rekordmeister bekam eine bittere Pille verabreicht, die er sonst für gewöhnlich selber gern austeilt. Späte Tore des Rekordmeisters, im Volksmund auch als Bayern-Dusel bekannt, sind ja deren Spezialität. Der Däne setzte die Hereingabe von Andrich zum 1:1-Ausgleich ins Netz (86.). Sein drittes Saisontor. Und eins, das ihn sehr happy machte. Einfach ein Klassegefühl. Es ist immer schwer gegen die Bayern. Die machen es einem mit all ihrem Ballbesitz schwer. Aber wir haben als Mannschaft hervorragend gespielt, waren sehr gut organisiert, so der 25-Jährige. 

Union in einer Saison zweimal ungeschlagen gegen die Bayern? Darauf hätte vor der Saison sicherlich keiner gewettet.

Oliver Ruhnert nimmt Glückwünsche zum Klassenerhalt entgegen

Die Mannschaft hat sich über 90 Minuten den Punkt verdient, auch wenn er sicher glücklich war, sagte Trainer Urs Fischer, der aber .– sonst wäre es ja nicht Fischer – auch etwas zu kritisieren hatte: „Unser Spiel gegen den Ball hat mir gefallen. Die Bayern hatten nicht so viele Großchancen. Unser Spiel mit dem Ball war aber ungenügend, unpräzise und hektisch.“

Die eigentliche Sensation ist aber, dass Union sechs Spieltage vor Schluss schon 40 Punkte auf dem Konto hat – das sind neun mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – und immer noch Aussichten auf den Einzug ins internationale Geschäft bestehen. Oliver Ruhnert war daher sehr entspannt bei Sky, wehrte sich nicht gegen die Glückwünsche zum Ligaverbleib. „Die Glückwünsche zum Klassenerhalt nehme ich absolut an. Deswegen ist es heute eine doppelte Freude. Auch wenn mich die Entstehung des 0:1 immer noch nervt. Wir nehmen das Unentschieden aber an und freuen uns“, sagte der eiserne Manager am Sky-Mikrophon. Ruhnert allerdings hatte ja schon voriges Wochenende verraten, dass er nur für die Bundesliga plant bei Union.