„Denn nur wer in der Hölle war,

Kann den Himmel wirklich sehen“

(Die Toten Hosen, Dankbar)

Der Himmel – sprich der Bundesliga-Aufstieg – ist zum Greifen nah. Und das auch noch aus eigener Kraft, nicht durch fremdes Zutun. Zumindest ist das aus eiserner Sicht die Gemengelage vor dem Zweitligagipfel am Sonntag (13.30 Uhr/Stadion An der Alten Försterei), bei dem der 1. FC Union den Bundesliga-Absteiger Hamburger SV erwartet. Es ist das Spiel, das über Wohl und Wehe einer ganzen Saison entscheiden kann.

Und es ist ein Spiel, das weit über die Landesgrenzen der beiden Stadtstaaten hinaus Beachtung findet. Nicht wenige in der Republik würden mit unverhohlener Schadenfreude dem einstigen Bundesliga-Dino ein weiteres Jahr der Zweitklassigkeit gönnen.

Viele in Fußball-Deutschland drücken Union die Daumen, weil der kleine – auch wenn stetig anwachsende – Verein es einfach mal verdient hätte, nach zehn Jahren der Zweitliga-Zugehörigkeit den nächsten Schritt zu schaffen, als 56. Klub seit Ligagründung 1963 das Fußball-Oberhaus bereichern könnte.

Die Chance zur Wiedergutmachung

Es ist also der Kick, mit dem die zuletzt ein wenig vor sich hin dilettierende Köpenicker Mannschaft alles vergessen machen kann, immerhin gab es zuletzt nur drei Zähler aus fünf Spielen. Der Sprung auf Platz zwei ist im Optimalfall drin. Zumindest die Hanseaten würden dank des Torverhältnisses auf jeden Fall überflügelt, egal wie sich die Konkurrenz aus Paderborn und Heidenheim auch anstellt. Es ist ein Spiel, in dem Weichen gestellt werden. Ein Endspiel also!

Marvin Friedrich mag davon zwar nichts hören. „Es sind immer noch drei Spiele danach“, so der Innenverteidiger. Aber diese Sätze wirken gebetsmühlenartig vorgetragen. Standardsprech aus einer Marketing-Fibel. Nur, eine Niederlage würde zumindest den direkten Aufstieg in weite Ferne rücken lassen.

Sein Chef Urs Fischer wird da schon eine Spur deutlicher, auch wenn er das Wort vom Endspiel vermeidet. „Ich glaube, man sollte es nicht nur auf dieses Spiel beziehen. Das wäre irgendwie falsch. Das würde ja bedeuten, dass wir uns der Chancen vorher nicht bewusst gewesen wären. Aber es ist ein wegweisendes Spiel. Ein Spiel mit einem gewissen Charakter, der vorentscheidend ist. Bei dem wir genau wissen, um was es geht“, so der 53 Jahre alte Schweizer.

Im Falle einer Niederlage ist die Chance auf den direkten Aufstieg wohl dahin. Die dann sechs Punkte Rückstand auf den HSV in nur drei Partien aufzuholen, ist doch eher unwahrscheinlich. In einem Worst-Case-Szenario wäre da sogar der Relegationsrang drei fast aus dem Blickfeld entschwunden.

Es ist schon fast bittere Ironie, dass gerade hochgradig Unzufriedenheit an den Ufern der Wuhle herrscht und man das Wort Euphorie im Fremdwörterlexikon nachschlagen muss. Und dies in einer Spielzeit wohlgemerkt, in der Union sich erst einmal stabilisieren und vielleicht oben ein kleines Wörtchen mitreden wollte.

Erfolg weckt Begehrlichkeiten

Das tat man mehr als erhofft. Wochenlang auf Rang drei. Und jeder der es mit den Rot-Weißen hält, hätte vor Saisonbeginn ein Szenario erhofft, das die Köpenicker vier Spieltage vor Schluss in Schlagweite zu direkten Aufstiegsplätzen ausgewiesen hätte.

Nur Erfolg weckt eben Begehrlichkeiten. Diese ständige Ganz-nah-dran-sein ist mittlerweile so zum Alltag geworden, dass es kaum noch als etwas Besonderes empfunden wird. Vor allem nicht seit dem Osterwochenende, als Union augenscheinlich schlecht performte und nach dem fünften sieglosen Spiel in Serie auf einmal vom SC Paderborn überholt wurde.

Nun also der HSV. Chance und Risiko in einem. Trostreich ist dabei immerhin, dass die Rothosen auch nicht viel besser ihre Chancen zu nutzen wussten. Mehr als drei Zähler aus den letzten fünf Spielen konnte die Elf nämlich auch nicht für sich verbuchen.

In der Rückrundentabelle ist das von Hannes Wolf gecoachte Team noch instabiler als die Eisernen, holte mit 16 Zählern drei Punkte weniger. Die Angst, alles noch zu verspielen, hat an der Elbe Hochkonjunktur. Das gilt es natürlich zu nutzen.

Der Rekordspieler darf ran

„Ich denke, dass der HSV den größeren Druck hat“, sagte Innenverteidiger Marvin Friedrich, der sich im Spiel auf einen neuen Nebenmann in der Innenverteidigung einstellen muss.

Da Nicolai Rapp ja nach seiner Roten Karte in Fürth für zwei Spiele gesperrt wurde und Florian Hübner nicht rechtzeitig fit wird, läuft es darauf hinaus, dass Unions Rekordzweitligaspieler Michael Parensen vor seinem 206. Kick im Bundesliga-Unterbau steht. Zehn Jahre nach seinem Zweitliga-Aufstieg mit Union wäre der Sprung in die Beletage des deutschen Fußballs natürlich fast so etwas wie ein krönender Abschluss seiner eisernen Karriere, auch wenn da offiziell noch kein Ende verkündet worden ist.

Ein Dreier gegen den Tabellenzweiten könnte im Schlussspurt beflügeln, wäre womöglich der Beginn eines Fußballmärchens. Ein kleiner Verein, der zu Ostzeiten mit dem System zu kämpfen hatte. Der in der Oberliga eigentlich nie über die Rolle eines Fahrstuhlteams hinausgekommen war und nach der Wende wie so viele Traditionsvereine diesseits der Grenze furchtbar bis in die Viertklassigkeit absackte, phasenweise gar vor der Vereinsauflösung stand.

Teuflische Vergangenheit. Union ist dem Fegefeuer entkommen. Und klopft nun nach Jahren des steten Aufbaus – mit Stadionrenovierung, Mitgliederboom und der Bewahrung traditioneller Werte, die nicht auf dem Altar des schnöden Mammons leichtfertig geopfert werden für einen kurzfristigen pekuniären Spielraum – laut an die Himmelspforte des Fußball-Oberhauses.

Auch vor zwei Jahren Vierter

Nicht das erste Mal übrigens. Zwei Jahre ist es her, dass die Eisernen unter Jens Keller vor dem 31. Spieltag auch nur drei Zähler Rückstand auf Rang zwei hatten. Seinerzeit wurde aber alles grandios verspielt mit schwachen Aufwärtsauftritten bei direkten Konkurrenten. Dazu soll es diesmal nicht kommen. Urs Fischer soll mit seiner ruhigen und gelassenen Art das vollenden, was seit Monaten im Raum schwebt, zuletzt aber zu entfleuchen drohte.

Am Sonntag muss der Himmel über Berlin für die Union-Fans nur eine Farbe haben – (rosa)rot!