Die Ausgangslage: Wenn sich zwei gegenseitig über den grünen Klee loben, ist das ein Grund, misstrauisch zu sein. Topmannschaft, Topgegner, Topfußball. So klang das vorher, als die Trainer vom 1. FC Union und vom FC St. Pauli über die anstehende Partie sprachen. Was dann nach dem Anpfiff geschah, sah dann auf den ersten Blick nicht wie ein Topspiel aus. Was aber nicht an der Schwäche der beiden Kontrahenten lag. Sondern am Gegenteil.

Das Ergebnis: Union schaffte es mal wieder locker, den kurzfristigen Ausfall eines Stammspielers zu verkraften. Fabian Schönheim hatte sich im Training verletzt, dennoch standen die Köpenicker hinten sicher. Das war die Basis dafür, dass Sebastian Polter Union in der Nachspielzeit im Duell zweier Aufstiegskandidaten zum wichtige 1:0-Sieg köpfen konnte.

Die erste Hälfte: Marcel Hartel und Akaki Gogia taten alles ihren feinen Dribbelfüßchen Mögliche, um die immer geschickt verschiebende Hamburger Abwehr durcheinander zu wirbeln. Am besten funktionierte das in der 17. Minute als Gogia vor dem Tor Sebastian Polter in Szene setzte. Hartel kam etwas zu spät kam, um abzustauben. Nach einer halben Stunde kippte das Ballbesitz von Union auf die Pauli-Seite, ohne dass die Abwehr um Schönheim-Ersatz Marc Torrejón in Verlegenheit kam.

Die zweite Hälfte: Unermüdlich versuchten die Rot-Weißen, Chancen herauszukombinieren. Doch nach dem Seitenwechsel hatten die Gastgeber noch größere Probleme, in Tornähe vorzudringen. Sie waren nur nach Standards semi-gefährlich. Daran änderte auch die Hereinnahme von Steven Skrzybski, Dennis Daube und Damir Kreilach nichts. Weil die Hamburger nicht nur blind mauerten und sich wie ein durchschnittlicher Zweitligist auf die Kampfkraft verließen. Ihr Defensivbemühen war gepaart mit Schnelligkeit und Spielverständnis. So waren es die Gäste, die in der 60. Minute zur besten Gelegenheit der Partie kamen. Jakob Busk machte sie mit einem flinken Reflex gegen Sami Allagui zunichte. Doch auch die Unioner sind spielintelligent und erkannten, dass sie nur ein Freistoß retten kann. Ausgerechnet Schwergewicht Leistner erkämpfte sich diesen in der 90. Minute an der rechten Außenlinie. Flanke Christopfer Trimmel, Kopfball Polter. Sieg.

Der Aufreger: Die Zuschauer im ausverkauften Stadion an der Alten Försterei, die es mit Union hielten, bedachten jeden Ballkontakt von Sami Allagui mit Pfiffen. Das lag nicht daran, dass der Stürmer mal für den Stadtrivalen aus dem Westen aufgelaufen ist, sondern an dem Vorkommnis in der 34. Minute: Da versuchte Allagui, der Ex-Herthaner im Pauli-Trikot, für den Gast auch mal einen offensiven Akzent zu setzen. Er war Leistner enteilt und fiel im Duell mit Jakob Busk im Strafraum. Dafür zeigte ihm der Schiedsrichter Gelb, und Allagui moserte, weil er es nicht wahrhaben wollte. Tatsächlich: Es hatte einen leichten Kontakt an der Wade gegeben. Das war zu wenig für einen Elfmeter, aber zu viel, um ihm eine Schwalbe zu unterstellen.

Der Aufreger II: Gänzlich ohne Pfiff kam Christopher Avevor in der 59. Minute davon. Der Abwehrspieler, der die meiste Zeit seinen massigen Körper mit dem von Polter maß, hatte sich als letzter Mann den Ball unabsichtlich an die eigene Hand geköpft und damit den Union-Konter gestoppt. Simon Hedlund war schon in Position gelaufen. Dieses Mal war es der Unioner, der die Schiedsrichterwelt nicht verstand.

Das Fazit: Ein Unentschieden wäre dem Spielverlauf und dem Leistungspotenzial der beiden überdurchschnittlich guten Zweitligamannschaften angemessen gewesen. Umso größer war der Jubel, das es in letzter Sekunde sogar für einen Union-Dreier reichte. Dieser Beweis der Nervenstärke im Duell der Aufstiegskandidaten bringt die Köpenicker nicht nur punktemäßig voran.