Union gegen Stuttgart: Vom Mythos, ein Angstgegner zu sein

Seit der erfolgreichen Relegation im Mai 2019 hat der 1. FC Union gegen den VfB Stuttgart kein Spiel mehr verloren.

Dieses Bild kann man nicht zu oft zeigen: Bierdusche an der Alten Försterei nach der Relegation gegen den VfB Stuttgart im Mai 2019.
Dieses Bild kann man nicht zu oft zeigen: Bierdusche an der Alten Försterei nach der Relegation gegen den VfB Stuttgart im Mai 2019.sebastian wells/ostkreuz

Fußball ist ein einfaches Spiel. Eigentlich. Zugleich kann dieses Spiel aufregend, kompliziert und nahe am Herzinfarkt sein. So wie am Donnerstag bei der Partie des 1. FC Union in der Europa League beim FC Bayern von Schweden. Was die Münchner in Deutschland sind, ist Malmö FF nämlich dort: Rekordmeister. Insofern ist das 1:0, die ersten Punkte für die Eisernen in dieser Saison auf internationalem Rasen, ein kleines Trostpflaster für die erste Saisonniederlage eine Woche zuvor in Frankfurt.

Einfach ist Fußball trotzdem. Meistens jedenfalls. Die Regeln sind, bis auf das Abseits und das Handspiel, überschaubar. Jeweils zehn Spieler wollen den Ball ins Tor des Gegners befördern. Oft nehmen sie dabei den Kopf zu Hilfe, manchmal auch die Hüfte oder ein anderes zur Erzielung eines Tores erlaubtes Körperteil. Besonders gut kann das Sheraldo Becker, der neue Torjäger in Köpenick. Seinen sechs Treffern in der Bundesliga hat der flinke Angreifer nun das erste in Europa hinzugefügt. Der jeweils elfte Spieler will das – neben Kopf, Hüfte oder einem anderen Körperteil ist auch der Einsatz von Armen und Händen erlaubt –, was Becker so herausragend kann, verhindern. Das ist es. Außerdem ist dieser Sport wahnsinnig populär. Allein das Attribut von der schönsten Nebensache der Welt hat es in sich und schlägt alle Gegenargumente.

Von nun an wird es ein wenig komplizierter. Denn jetzt kommen die zum Zuge, die gern schnodderig sagen, dass Fußball nicht nur mit den Füßen, sondern noch mehr mit dem Kopf gespielt wird. Psychologie und so. Wie sonst hätte der 1. FC Union in Malmö gewinnen können, waren die Eisernen doch nach der Roten Karte gegen Andras Schäfer in Halbzeit zwei in Unterzahl. Fußball ist tatsächlich wie eine Sitzung auf der Therapeutencouch, es geht um dem Glauben an die eigene Stärke, wenn nicht gar Unbezwingbarkeit. Es ist schon lange nicht mehr wie einst, als der Hamburger SV noch eine große Mannschaft war, 1983 den Europapokal der Landesmeister im Finale gegen Juventus Turin holte und Horst Hrubesch, das damalige Kopfball-Ungeheuer, das Erfolgsrezept so beschrieb: „Manni Flanke, ich Tor.“ Dabei hatte nicht Manni Kaltz die Flanke zum 1:0 geschlagen, auch hatte nicht Hotta Hrubesch seinen Schädel hingehalten, es hatte Felix Magath in den Winkel getroffen.

Diesen Sieg der Hamburger konnte damals niemand so richtig erklären. Gleich sechs aktuelle Weltmeister standen in der Startelf der alten Dame, die ein Jahr zuvor im Finale gegen Deutschland mit 3:1 triumphiert hatten. Dazu kamen Außnahmekönner wie Roberto Bettega, Michel Platini und Zbigniew Boniek. Und doch hatten die Hamburger, bei denen an jenem Tag die Stars Uli Stein, Jürgen Groh, Jürgen Milewski, Holger Hieronymus, Bernd Wehmeyer und Thomas von Heesen hießen, die es nach Ablauf ihrer Karrieren auf zusammen 14 Länderspiele gebracht hatten, gegen die durch bärenstarke europäische Stars verstärkte Weltmeisterauswahl das bessere Ende für sich.

Wie so etwas geht? Es ist nicht oder nur schwer zu erklären. Wobei: Hokuspokus steckt nicht dahinter und Zauberwerk ist es schon gar nicht. Höchstens, wie schon erwähnt, Psychologie.

Relegation? Keine Chance den Kleinen? Nicht ganz

Spätestens jetzt kommt der 1. FC Union ins Spiel und mit den Eisernen der VfB Stuttgart. Wenn sich beide am Sonntag (19.30 Uhr) im Ländle treffen, geht es vor allem um die beiden Spiele im Mai 2019, die den einen den Abstieg aus der Bundesliga und den anderen den erstmaligen Aufstieg dorthin brachten. Es geht um die Relegation zwischen dem damaligen Zweitligadritten, dem 1. FC Union, und dem Drittletzten der Bundesliga, damals Stuttgart. Nur zweimal zuvor hatte sich in zehn Jahren, seit die Relegation 2009 wieder eingeführt worden war, der Zweitligist durchgesetzt. Gleich zu Beginn war es der 1. FC Nürnberg gegen Energie Cottbus und 2012 Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC. Aber sonst? Keine Chance den Kleinen. Nicht Augsburg und Bochum, nicht Kaiserslautern und Fürth, nicht Karlsruhe und Nürnberg (beim zweiten Mal), auch Braunschweig und Kiel hatten es nicht gepackt.

Warum dann die Eisernen, die noch keine Erfahrung in derlei Spielen hatten und die wenige Tage zuvor die große Chance, noch einen der beiden direkten Aufstiegsplätze zu erreichen, sträflich ungenutzt ließen? Und dann kommt da dieses Team: Im Tor Ron-Robert Zieler, ein deutscher Weltmeister von 2014, in der Abwehr Benjamin Pavard, französischer Weltmeister von 2018. Neben ihm der erfahrene Holger Badstuber. Außerdem können die Stuttgarter im Angriff auf Mario Gomez bauen. Diesen Schwergewichten setzt der 1. FC Union – mit Ausnahme von Manuel Schmiedebach, der etliche Jahre für Hannover in der Bundesliga spielte, Felix Kroos, der eine Vergangenheit bei Werder Bremen hat, und Ken Reichel, der eine Saison mit Eintracht Braunschweig in der obersten Liga spielte – die Erfahrung von lediglich 34 Bundesligaspielen, exakt die Anzahl einer Saison, entgegen. Aber nicht pro Spieler, sondern in der Summe!

Fußball: Bundesliga, Relegation, Rückspiel 1. FC Union Berlin – VfB Stuttgart im Stadion An der Alten Försterei. Sebastian Andersson (r.) von Union und Ozan Kabak von Stuttgart kämpfen um den Ball.
Fußball: Bundesliga, Relegation, Rückspiel 1. FC Union Berlin – VfB Stuttgart im Stadion An der Alten Försterei. Sebastian Andersson (r.) von Union und Ozan Kabak von Stuttgart kämpfen um den Ball.dpa/Andreas Gora

Dass am Ende diejenigen jubeln, die zwar weniger Haudegen sind, dafür aber mit mehr Herz spielen, gehört zu den Geschichten, die es immer wieder gibt im Spiel zwischen den beiden Strafräumen. Es ist, auch immer wieder, eine Sache des Kopfes. Arsene Wenger, der große französische Trainer, der 22 Jahre den FC Arsenal coachte, hat erkannt: „Wenn du nicht glaubst, dass du es kannst, hast du keine Chance.“ Auch spielt beim vermeintlichen Außenseiter Draufgängertum eine Rolle, weil der nichts zu verlieren hat. Beim Favoriten dagegen kriecht Angst in sämtliche Poren, weil der Erfolg erwartet wird und alles andere zur Blamage führt. Ekkehart Mittelberg, ein inzwischen betagter deutscher Germanist, hat dieses Phänomen in diese Worte gepackt: „Angst raubt die klaren Gedanken, Mut holt sie zurück und verleiht ihnen Flügel.“

So ähnlich verhält es sich seitdem zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Union. Die Eisernen haben zwar längst nicht alle Spiele gegen die aus Cannstatt gewonnen, verloren aber haben sie keines. Neben dem 1. FC Köln, gegen den die Bilanz noch deutlicher für das Team von Trainer Urs Fischer spricht, gehören die Schwaben zu den Lieblingsgegnern der Eisernen. Nicht zuletzt haben sie mit dem Wechsel von Christian Gentner, der in seinen beiden Spieljahren in der Alten Försterei manch gute Tat vollbrachte, und derzeit mit Timo Baumgartl, dessen Geschichte nach überstandener Krebserkrankung noch viel aufregender und emotionaler ausfällt, beste Erfahrungen gemacht.

Füße auf Betriebstemperatur

So etwas – Angstgegner hier, Lieblingsfeind da – gibt es im Großen wie im Kleinen. Cristiano Ronaldo konnte mit Portugal bei großen Turnieren gegen Deutschland nie gewinnen. Und er hat oft gegen das DFB-Team gespielt. Deutschland wiederum hat nahezu alles versucht, um bei einem Championat gegen Italien zu triumphieren, hat aber teils epochale Niederlagen einstecken müssen. Erst bei der EM 2016 ist es im Viertelfinale endlich gelungen, diesen Fluch zu beenden, wenn auch nur im Elfmeterschießen und da auch erst nach dem jeweils neunten Schützen.

Für den 1. FC Union heißt das am Sonntag nichts anderes als: Füße auf Betriebstemperatur bringen, Kopf einschalten, Erfolgsserie ausbauen. Damit die Tabellenführung einen weiteren Spieltag, es wäre der vierte, behaupten – und so ganz nebenbei den Mythos zementieren, für die Schwaben ein Angstgegner zu sein.