Irgendwann am späten Abend legte Marius Bülter das Handy dann ganz bei Seite. Bei der Flut an Glückwunschbotschaften kam er einfach nicht mehr hinterher. 200 Nachrichten hatte der doppelte Torschütze des 1. FC Union nach eigener Aussage erhalten. Er habe noch niemandem zurückgeschrieben, sagte der 26 Jahre alte Profi am Morgen nach der 3:1-Gala gegen Borussia Dortmund. Das alles sei für ihn noch immer schwer zu realisieren. Dieser verrückte Sieg gegen den BVB, der erste in der Bundesligageschichte der Eisernen, dazu der Doppelpack von Bülter, der bis vor anderthalb Jahren noch in der vierten Liga spielte. „Es ist natürlich geil, dass es so lief“, sagte der Torschütze zum 1:0 und 2:1 wohlwissend, dass die Automatismen des knallharten Fußballgeschäfts in den nächsten Wochen schon wieder greifen könnten: „Das ist bald schon wieder abgehakt. In zwei Wochen interessiert das niemanden mehr.“

Ganz so dürfte das dann wohl nicht sein. Nach der Länderspielpause gastiert Werder Bremen in Köpenick. Und der dortige Trainer, Florian Kohfeldt, wird seine Defensivspieler sicherlich ganz genau auf die Bülterschen Qualitäten hinweisen. „Seine Leistung war sehr gut“, attestierte auch Unions Trainer Urs Fischer, für gewöhnlich nicht gerade für überschwängliche Lobhudeleien bekannt, „er hat viel gearbeitet, war an vielen Aktionen beteiligt und hat die Räume nach hinten sehr gut zugestellt.“

Modernes Märchen

Im Jargon des eventisierten Fußballzirkusses neigen Fans und vor allem auch Berichterstatter ja ganz gerne zur Übertreibung. Doch im Falle von Marius Bülter bauscht man ganz und gar nicht künstlich auf, wenn man von einem modernen Märchen spricht. Auch Fischer sieht das ähnlich: „Es ist schön, dass es diese Geschichten im Sport gibt.“ Vor wenigen Monaten noch kickte der 1,88 Meter große Linksaußen nämlich in der Regionalliga West für den SV Rödinghausen. Bülter, der sein Maschinenbaustudium nach zehn Semestern erfolgreich abschloss („Ich wusste, dass es damit gute Jobchancen gibt“), durchlief keines dieser neumodischen Leistungszentren. Er rasselte sogar in einem Probetraining beim VfL Osnabrück durch. „Wenn der Trainer dich nicht haben will“, sagt er rückblickend ganz nüchtern, „ist es eben schwer für einen Spieler.“ Er sei aber nicht nachtragend.

Kurze Zeit später ist Bülter, den Union zunächst von Drittligist 1. FC Magdeburg ausgeliehen hat, der Mann, der Titelanwärter Borussia Dortmund mit zwei Toren quasi im Alleingang besiegte. Sein Name kursiert nun europaweit durch die Medien. „Die Geschichte des Ingenieurs Bülter: In 18 Monaten vom Amateur zum Henker der Borussia“, schrieb beispielsweise die italienische Gazetta dello Sport. „Solche Artikel“, sagt Bülter, „kriege ich von meinen Freunden geschickt. Ich gucke mir die dann kurz an, das wars. Ich nehme nicht so wahr, dass mein Name nun in der Öffentlichkeit steht.“

Klar im Kopf

Sorge, dass er folglich überdrehen könnte, haben sie bei Union nicht. „Marius ist relativ klar im Kopf“, findet Fischer, „ich mache mir da keine Sorgen.“ Und Bülter selbst sagt bescheiden: „Ich weiß das alles sehr zu schätzen. Ich bin immer auf dem Boden geblieben und sehe bei mir eigentlich keine Gefahr.“ Und falls doch, wäre da ja noch Freundin Theresa Elisabeth. Die hat für Fußball nämlich „nicht so viel übrig“, wie Marius Bülter selbst sagt. Das erdet sicher.