Berlin - Eine frische Frühlingsbrise peitscht Sebastian Polter ins Gesicht, als er auf dem Trainingsgelände des 1. FC Union beim Torschusstraining Ball um Ball ins Netz versenkt. Er muss das Gesicht zusammenkneifen und sieht so für den Moment beinahe wütend aus. Dann saust der nächste Ball ins Netz und die Miene des Stürmers hellt sich wieder auf.

Freilich nur die Momentaufnahme eines beliebigen Trainingstages, doch tatsächlich ist es kaum zu glauben, dass der 28-Jährige dieser Tage so richtig zufrieden mit seiner Rolle bei den Köpenickern ist. Vor einer Woche, im vorentscheidenden Saisonspiel gegen den Hamburger SV, hatte Unions Trainer Urs Fischer den Stürmerstar überraschend aus taktischen Gründen auf die Bank beordert, stattdessen auf Sebastian Andersson und Suleiman Abdullahi in der Doppelspitze vertraut.

Wie ein Rammbock

„Sebastian hat uns als Einwechsler doch trotzdem geholfen und das entscheidende 2:0 von Grischa Prömel schön eingeleitet“, versuchte Fischer die Situation im Nachgang diplomatisch zu formulieren. Doch jeder, der Sebastian Polter in seinen 88 Pflichtspielen für den 1. FC Union erlebt hat, weiß, dass ein solches Match genau die Herausforderung ist, in der er stets zur Höchstform aufläuft. Der 1,92-Meter-Mann ist keiner, der unter Druck zusammenfällt. Er ist seit jeher der Spieler, der gerade in entscheidenden Situationen Feuer fängt und dieses an seine Mitspieler weitergibt. Ein Vornewegmarschierer, der seinen bulligen Körper wie einen Rammbock in die Schlacht wirft und dabei doch so geschmeidig mit dem Ball umgeht. Dafür hat Union den Wilhelmshavener im Winter 2017 für 1,6 Millionen Euro aus London zurückgeholt, zusätzlich zu dem Versprechen von 14 Toren, die Polter bei seinem ersten Gastspiel in Köpenick 2014/15 in 29 Partien erzielt hatte.

Seither hatte der Stürmer nur einen Aussetzer. Am 28. April 2017 trat er im Spiel gegen den SV Sandhausen beim Stand von 2:0 für Union gegen seinen Gegenspieler Tim Knipping nach, flog vom Platz und wurde für zwei der verbleibenden drei Saisonspiele gesperrt. Die Mannschaft verlor ohne ihn beide Partien und verspielte den Aufstieg im Endspurt.

Umso mehr wollte Polter diese Scharte in der laufenden Saison auswetzen, sein Team als Anführer endlich dahin schießen, wo auch er mit seinen Qualitäten hingehört: in die Bundesliga. Unermüdlich arbeitete er deshalb nach seinem, am 2. März 2018 erlittenen Achillessehnenriss an der Rückkehr, steuerte in seinem 14-Minuten-Comeback gegen Holstein Kiel gleich die Vorlage zum späten 1:0 bei und erzielte das entscheidende 2:0 Sekunden vor Schluss selbst per Fallrückzieher. Einige Wochen später waren es seine zwei Treffer, die das ungleiche Pokalspiel gegen Borussia Dortmund in die Verlängerung zwangen, beim 4:0 gegen Fürth schoss er seine Unioner mit einem weiteren Doppelpack zum ersten Ligasieg nach fünf Spielen. Und als ihn ein Mittelfußbruch für den Großteil der Rückrunde wieder außer Gefecht setzte, kämpfte er sich erneut akribisch zurück. Alles für Union.

Brechstange statt Startelf

Doch vollends überzeugt war Trainer Fischer trotzdem nicht. Der Schweizer nutzte den dominanten Stil seines Stürmers zuletzt gerne als Brechstange im fortgeschrittenen Spielverlauf, setzte in offenen Spielen, wie gegen den HSV aber lieber auf die kontrollierte Spielweise von Sebastian Andersson. „Polter ist nicht der Einzige, der im Moment gerne von Beginn an spielen möchte. Da müssen wir aber alle unsere persönlichen Befindlichkeiten hintenanstellen“, so der Schweizer trocken.

Doch: Kein Unioner weist ein solch hochwertiges Gesamtpaket aus Qualität, Mentalität und Vereinsliebe auf, wie der 28-Jährige, der schon 2017 in einem Interview mit Transfermarkt.de schwärmte: „ Wir alle würden in die Klub-Historie eingehen, wenn wir den Aufstieg schaffen.“ Wie gern würde Sebastian Polter auch jetzt seinen Beitrag dazu auf dem Rasen leisten…