Berlin - Big-Heart-Club überholt Möchtegern-Big-City-Club. Das ist wohl die passende, für den zweitgenannten Klub freilich wenig schmeichelhafte Schlagzeile zu einer Meldung des Landessportbundes, wonach der 1. FC Union nun auch bei der Zahl der Mitglieder am Lokalrivalen Hertha BSC vorbeigezogen ist. Beide Klubs hatten in den vergangenen zwölf Monaten trotz oder vielleicht auch wegen der Corona-Pandemie einen Zuwachs zu verzeichnen, doch sind die Eisernen nun de facto mit 37.360 Mitgliedern (plus 2.215 im Jahr 2020) vor den Blau-Weißen, die 37.192 Mitglieder (plus 481) zählen, der größte Verein in der Hauptstadt. Platz drei, das als Ergänzung für die Berliner Wintersport- und Naturerlebnisfreunde, belegt der Deutsche Alpenverein Sektion Berlin mit 21.200 Vereinsangehörigen (plus 530).

Überraschend ist der Wechsel an der Spitze keineswegs. Die Bilder von den Aufstiegsfeierlichkeiten des 1. FC Union aus dem Sommer 2019 sind ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie viele Berliner – und das aus unterschiedlichsten Gesellschafts- und Altersschichten – von der Erfolgsgeschichte der Underdogs aus Köpenick bewegt werden, wie viele sich von der Andersartigkeit dieses Klubs angezogen fühlen. Und das Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft, auch weil die Eisernen es inzwischen wagen, Starspieler wie Max Kruse oder Loris Karius unter Vertrag zu nehmen.

Klar, auch der fortwährende sportliche Erfolg, der zur unerwartet raschen Etablierung in der höchsten deutschen Spielklasse geführt hat, trägt zum Mitgliederboom made by Union bei, wenngleich der enorme Zulauf, den dieser Verein erfährt, im Gegensatz zu vielen anderen Fußball-Unternehmungen ja nicht an Sieg und Niederlage gekoppelt ist. Das Verlieren wurde hier noch nie als Versagen gewertet, sondern halt als das, was es vonseiten der Mannschaft und vonseiten der Fans mit vereinten Kräften Woche für Woche zu verhindern gilt. Und führt dieses Miteinander zu einem Punktgewinn oder gar mehr, ist das Glück eben ein ganz besonderes.

Windhorst ist ein Stadion mit 50.000 Zuschauern nicht genug

Was der ehemals so wunderbar unangepasste FC St. Pauli in den Nullerjahren erfuhr, erfährt nun eben der 1. FC Union, nämlich einen breiten Zuspruch, der über die Grenzen der Stadt, aber auch über die Welt der Fußball-Fans hinausgeht. Eisern ist in, was sich auch an der engen Kooperation mit Deutschlands größtem Sportartikelhersteller ablesen lässt. Eisern gewinnt auch neben dem Feld, wie die gesteigerten Einnahmen im Merchandisingbereich zeigen. Nun, manchmal braucht es eben gar keine Agentur, sondern einfach nur eine Überzeugung, um ein positives Image zu kreieren.

Auf der anderen Seite der Stadt, bei Hertha BSC, ist dagegen vor allen Dingen eins auszumachen: Stagnation. Trotz der großen Ambitionen, die man seit den Tagen der ersten Champions-League-Teilnahme am Schenckendorffplatz hegt. Trotz der Millionen, die Investor Lars Windhorst in den Verein gepumpt hat. Wiederholt ist dieser mitunter etwas kühl wirkende Klub in den vergangenen Jahren an einem Punkt angekommen, an dem er sich zu einem Neuanfang gezwungen sah, während es bei Union nur einen Anfang gab, nämlich die Vereinsgründung im Jahr 1966. Wiederholt haben sich die Blau-Weißen um Volksnähe bemüht, konnten das Volk aber nur bedingt für sich gewinnen. 

Die eher dürftige Mitgliederzahl für einen Klub, der in der Stadt über Jahrzehnte hinweg eigentlich konkurrenzlos war, im Besonderen in den Jahren nach der Wiedervereinigung, spricht jedenfalls Bände. Bundesligisten wie der 1. FC Köln (111.000 Mitglieder), Borussia Mönchengladbach (93.000) oder Eintracht Frankfurt (90.000), die hinsichtlich des sportlichen Erfolgs ähnlich wechselhafte Jahre erlebt haben wie die Hertha, konnten jedenfalls zuletzt weitaus mehr Herzen erobern als die Fußball-Unternehmung aus dem Westen der Hauptstadt.

Vor diesem Hintergrund wirken die Stadionpläne beziehungsweise Stadionträume, die man da wie dort hat, zumindest für den Moment eher unpassend. Union will die Alte Försterei ausbauen, damit eines Tages nicht mehr nur 22.000, sondern 37.000 Fans bei den Heimspielen dabei sein können. Windhorst hingegen hat gar eine neue Arena mit einem Fassungsvermögen von 90.000 Zuschauern im Sinn, mit dem Hinweis, dass die 50.000, wie vom aktuellen Präsidium des Klubs um Boss Werner Gegenbauer angedacht, eines Tages „vielleicht nicht mehr reichen, wenn wir Erfolg haben“. Ja wenn, aber das allein ist es eben nicht, wenn man seine Fanbasis erweitern will.