Sebastian Polter trifft zum Tor des Tages.
Foto: Michael Hundt

BerlinDas war natürlich kein normales Bundesligaspiel, das war ein besonderes Stück Fußballtheater, das da am Sonnabend zwischen 18.30 Uhr und 20.30 Uhr im Stadion An der Alten Försterei zur Aufführung kam. Mit einem Publikum, das dem Geschehen auf dem Rasen einen prächtigen, für ein paar Minuten auch düsteren Rahmen schenkte. Hier die zahlenmäßig überlegenen, rot-weißen Fans des 1. FC Union, die sich bei ihrer Choreographie von der Symbolik der antiken griechischen Tragödie inspirieren ließen. Dort die Anhänger von Hertha BSC, die ihre Kurve mit entsprechenden Capes in einen blau-weißen Schreiköper verwandelten. Mit Akteuren auf der grünen Bühne, die im ersten Bundesligastadtderby zwischen diesen beiden Klubs trotz aller Aufregung das Fußballspielen nicht vergaßen.

Wobei das bessere Ende doch tatsächlich der Aufsteiger aus Köpenick für sich hatte. Und das durch einen von Sebastian Polter verwandelten Strafstoß in der 86. Minute, der doch ein wenig zweifelhaft und deshalb das Thema des Abends war, ach was, das Thema der kommenden Tage sein dürfte. Hatte Herthas Dedryck Boyata in der entscheidenden Szene Unions Christian Gentner tatsächlich beim Torschuss gehindert oder erst nach Gentners Torschussaktion berührt? Schiedsrichter Deniz Aytekin wollte auch nach Videostudium nicht von seiner Einschätzung abweichen, gab Polter die Chance zum Heldentum. Und Unions Publikumsliebling überwand Herthas Keeper Rune Jarstein tatsächlich mit Wucht und Wille. Hertha-Coach Ante Covic sagte: „Schwierig zu bewerten. Ich habe mich mit dem Schiedsrichter später noch mal ausgetauscht. Er hat mir das noch mal erklärt. Wirklich eine bittere Entscheidung für uns und ein bitterer Abend für uns.“

Beide Trainer überraschen mit ihrer Aufstellung

Aggressiv, aber keineswegs überdreht gingen die Unioner von Beginn an zu Werke. Aus einem 3-4-3-System heraus, mit Christopher Lenz und Christopher Trimmel als Schwunggeber über außen im Mittelfeld, mit einer Abwehrdreierkette, bestehend aus Marvin Friedrich, Keven Schlotterbeck und Neven Subotic, die so hoch stand, dass der eine oder andere eiserne Fan doch ein wenig besorgt gewesen sein dürfte. Will Trainer Urs Fischer zu viel? Unterschätzt er die Qualitäten des Gegners in der Vorwärtsbewegung?

Die Hertha-Profis waren von dieser Keckheit des Gastgebers jedenfalls doch ein wenig überrascht, wünschten sich ein bisschen mehr Abtasten, aber denkste: Nach drei Minuten überspielten die Eisernen über den gedankenschnellen Robert Andrich die Abwehr der Gäste, Sebastian Andersson kam deshalb frei zur Flanke, doch Christopher Lenz, der diese Flanke mit einem Kopfball zu veredeln versuchte, zielte nicht genau genug. Der Ball prallte an den Pfosten, von dort zurück in ein Spiel, das danach zwar weitgehend in der Hälfte der Herthaner stattfand, aber zunächst wenig Aufreger hervorbrachte. In der einen oder anderen Situation mangelte es vielleicht bei dem einen oder anderen Spieler wohl dann doch am kühlen Kopf, um im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen.

Nur nicht verlieren, schien das Motto von Hertha zu sein, obwohl die Aufstellung von Trainer Ante Covic etwas anderes hatte vermuten lassen. Überraschend stand nämlich auch Javairo Dilrosun in der Startelf, als linker Flügelmann, der mit Marius Wolf, seinem Pendant auf rechts, die Doppelspitze Vedad Ibisevic und Dodi Lukebakio in Szene setzen sollte. Auch hier denkste: Die soeben genannten Offensivspieler waren letztlich doch zu sehr mit Abwehrarbeit beschäftigt, als dass sie selbst hätten ans Stürmen denken können. Immerhin: Durch ihren Einsatz kam die rote Welle doch allmählich zum Erliegen, verloren sich da wie dort viele Angriffsversuche im Nichts. So spielte sich in der Folge das Geschehen doch weitgehend in einem 50 Meter breiten Korridor im Mittelfeld ab. Harte, aber doch weitgehend faire Zweikämpfe wurden darin geführt, aber eben nichts Zielführendes daraus entwickelt.

Ein Spielabbruch stand im Raum

Nach Wiederanpfiff bestimmten allerdings erst mal ein paar Knallköpfe mit ihren, ins Stadion geschmuggelten Pyrokram die Szenerie. Vor allem aus dem Hertha-Block flogen immer wieder Leuchtkörper quer durchs Stadion, was Schiedsrichter Aytekin dazu veranlasste, die Spieler in den Kabinengang zu schicken. Eine Rakete aus blau-weißer Fan-Hand war ja sogar unmittelbar vor der Bank des 1. FC Union eingeschlagen. Zweifelhafter Derby-Wahnsinn. Vor allem vonseiten der Hertha-Fans, die ja auch nach Spielschluss weiter zündelten. Aber auch vonseiten Union-Fans, aus deren Reihen sich ein paar Vermummte nach dem Spielschluss einen Weg ins Stadioninnere gebannt hatten und erst durch die Union-Profis gestoppt werden konnten.

Nach einer vierminütigen Unterbrechung fanden die Hertha-Profis ab der 55. Minute jedenfalls besser ins Spiel, gewannen hin und wieder ein paar Feldvorteile, doch letztlich mangelte es ihnen an Esprit und Durchschlagskraft, um Unions-Keeper Rafal Gikiewicz auch nur einmal richtig ins Fliegen oder in eine Verlegenheit zu bringen. Das war für einen Klub mit diesen Ansprüchen viel zu wenig.

Aufseiten von Union versuchte sich Coach Fischer noch einmal an einer Einflussnahme, brachte spät Sebastian Polter für Andersson ins Spiel, nachdem er schon zur Pause den diesmal wirkungslosen Marius Bülter durch Joshua Mees ersetzt hatte. Letztlich wechselte der Schweizer den Sieg ein, denn Mees war es, der Gentner mit einem Pass in den derbyentscheidenden Zweikampf gegen Boyata schickte.