Ein wenig durchgeatmet haben sie alle in Köpenick. Das war für die meisten notwendig nach den turbulenten Tagen mit dem Start in die historische erste Bundesligasaison und vor allem nach dem grandiosen 3:1 gegen Borussia Dortmund.

Löw-Elf aus anderer Perspektive

Im großen Fußball, und dort sind die Eisernen ja nun angekommen,  gab es in der  EM-Qualifikation der Deutschen gegen die Niederlande und in Nordirland Anschauungsunterricht auf höchster Ebene. Inzwischen dürfen die Männer aus der Alten Försterei mit anderen Augen auf die Elf von Bundestrainer Joachim Löw schauen. Gegen die Leipziger Timo Werner, Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann haben sie selbst gerade gespielt, gegen die Dortmunder Marco Reus und Julian Brandt auch.

Es ist ein Traum, aber es ist  Alltag.   Auch wenn sich Fußball-Deutschland an neue Namen gewöhnen muss. An Rafal Gikiewicz, Christopher Trimmel, Sebastian Andersson und Sheraldo Becker sowieso, aber auch an Christopher Lenz, an Marvin Friedrich und nicht minder an Marius Bülter.

Nun mag mancher, vor allem wenn er eingefleischter Fan der Köpenicker ist und den Triumph gegen den BVB  vor Augen hat, beim Blick auf Jogis Jungs und bei einigen Aktionen, die vor allem beim 2:4 gegen Oranje  holprig daherkamen, gedacht haben: Das konnten die Fußball-Götter aus der Wuhlheide zuletzt aber besser. Ball flach halten, Leute, bloß nicht übermütig werden. Lieber den Augenblick genießen und ja nicht die Bodenhaftung verlieren!

Andererseits, nicht in den falschen Hals bekommen, denn das hat viel mehr von einem Traum als von der Realität: Es hat, gerade in Umbruchphasen wie dieser, Nationalspieler gegeben, die sozusagen aus dem Nichts gekommen sind. Es hat sogar welche gegeben, die waren  Nationalspieler und kamen erst dann zu ihrem Erstligadebüt.

In der DDR war Konrad Weise aus Jena so einer, später ein Vorstopper von Weltklasse, der bei der WM 1974 im einzigen deutsch-deutschen A-Länderspiel mit Gerd Müller den „Bomber der Nation“ an die Kette gelegt hat. Allerdings stammt sein Coup aus einer anderen Zeit, von 1970 nämlich. Nur: Das hatte fünf Jahre zuvor nicht einmal Franz Beckenbauer geschafft, er kam nach sechs Einsätzen in der Bundesliga zu seinem ersten Länderspiel.

Wenn schon die gesamte Saison ein Traum in Rot-Weiß ist, warum nicht mal auf den Geigen spielen, die derzeit am Himmel über der Alten Försterei hängen? Oder zumindest zaghaft ein paar Saiten zupfen? Wäre es nicht sogar der logische nächste Schritt, dass die Eisernen selbst einen deutschen Nationalspieler aus dem Hut zaubern könnten?  Der bislang letzte war war Ralf Sträßer vor 33 Jahren. Klarer Fall von Utopie, ich weiß. Aber war das mit dem Aufstieg in die Bundesliga bis zum 27. Mai nicht auch so?

Marvin Friedrich wie einst Arne Friedrich?

Dabei hat es in Berlin, wenn auch in Charlottenburg, erst 2002 einen gegeben, der nach nur zwei Bundesligaeinsätzen im A-Team auftauchte. Auch er kam  gerade aus der Zweiten Liga, hieß mit Vornamen Arne und ansonsten so wie Sie, Marvin, nämlich Friedrich. Und auch er war, gewiss alles nur Zufall, Verteidiger.

Ich hoffe, mit mir galoppieren die Pferde nicht zu sehr durch. Erst einmal kommt am Sonnabend  Werder Bremen. Allein diese Aufgabe ist anspruchsvoll genug und verlangt den ganzen Kerl. Geträumt werden darf aber auch da. Allerdings nur von den nächsten drei Punkten.