Wer kneifen will, nee, das gilt nicht, das war mal, das ist spätestens am Sonnabend ab 18.30 Uhr vorbei. Da heißt es, Farbe zu bekennen. Für jeden Fußballfan in der Stadt, wirklich für jeden. Ein bisschen Rot-Weiß und ein klein wenig das Andere, das geht nicht, es muss schon mit Haut und Haar sein. Deshalb: Für mich kann es nur einen Sieger geben im Derby der Köpenicker gegen die Charlottenburger, das ist Union. Es gibt genügend Gründe dafür, glaube ich.

Also: Derbys haben wie Pokalspiele ihre eigenen Gesetze. Warum das so ist? Weil die Rollen – hier krasser Außenseiter, da haushoher Favorit – zumeist klar vergeben sind, der Außenseiter nichts zu verlieren hat und er dadurch locker aufspielen kann. Lockerer zumindest als der Gegner. Wie sonst hätte Dänemark 1992 als Nachrücker der EM den Titel holen können? Wie sonst hätte Deutschland 1954 Weltmeister werden können gegen die „Goldene Elf“ der Ungarn? Wie sonst hätte der 1. FC Union 1968 FDGB-Pokalsieger werden können gegen ein Team, das Tage zuvor Meister geworden und in allen Belangen überlegen war? Zugegeben, das sind keine Derbys. Aber gewonnen haben, allein das ist wichtig, diejenigen, die eigentlich gar keine Chance hatten.

Was wirklich zählt, ist der zwölfte Mann. Selten war er für die Eisernen so wichtig wie in diesem Match. Na gut, die Blau-Weißen haben ihre Ost-Kurve. Aber die ist gefühlt 100 Meter weg vom Geschehen. Warum nur möchten die Herthaner ihre Heimspiele lieber in einem reinen Fußballstadion austragen? Klar, weil nach ihren Berechnungen und den Erfahrungen aller die Fans für fünf bis sechs Punkte mehr pro Saison gut sind. Nur zu, Unioner, lasst diesen Mehrwert sprudeln!

Der dritte Grund steht gewollt genau an dieser Stelle: Aller guten eisernen Dinge sind drei. In den Zweitliga-Derbys hat es in der Alten Försterei in beiden bisherigen Spielen keinen Sieg der Rot-Weißen gegeben. Im dritten Versuch ist die Zeit reif für den ersten Dreier. Zugleich wäre ein Triumph über den Ortsrivalen der dritte eiserne Sieg in der Bundesliga. Und wenn alles andere auch noch wie am Schnürchen läuft, könnte die Elf von Trainer Urs Fischer in der Tabelle – genau! – drei Plätze nach oben klettern.

Wer glaubt, all das sei ein bisschen mau, ich selbst könnte ein wenig nachhelfen. Schon am 28. Mai, beim Relegationsrückspiel gegen den VfB Stuttgart, hat es geklappt. An alte Zeiten habe ich mich erinnert, als ich selbst gespielt habe für den 1. FC Union, als „Bulle“ Sigusch, „Potti“ Matthies, „Kulla“ Heine, „Meter“ Hendel und all die anderen meine Mitspieler waren (na ja, eher war ich ihr Mitspieler), ich von meiner damaligen Arbeitsstelle, dem Fernsehen der DDR, zum Nachmittagstraining musste und reichlich Zeit hatte: Zu Fuß bin ich gegangen, die Dörpfeldstraße nach Spindlersfeld, rechts über die Lange Brücke und gleich links am Ufer durch den Luisenhain, über die Dammbrücke die Lindenstraße entlang bis zum Stadion. Eine knappe Stunde hat es gedauert und es hat was gebracht. Wir sind damals, es war in der Saison 1975/76, in die DDR-Oberliga aufgestiegen und 43 Jahre später, der Weg kam mir allerdings viel beschwerlicher vor, in die Bundesliga.

Nicht dass Fußballer am Ende abergläubisch wären und ich schon gar nicht. Aber um ganz sicher – in doppelter Wortbedeutung – zu gehen: Am besten werde ich den Weg, es hat durchaus was von Pilgern, am Sonnabend erneut so nehmen.