An der langen Leine: Julian Ryerson am Montag beim Individualtraining des 1. FC Union.
Foto: Matthias Koch

BerlinIn einer normalen Welt befände sich der 1. FC Union gerade in einer Länderspielpause und in dieser Woche wohl vor dem wichtigsten Spiel seiner bisherigen Bundesligageschichte. Am Sonnabend hätte sich Mainz 05 die Ehre gegeben, und mit einem Sieg wären die Eisernen am Ziel Klassenerhalt so gut wie angelangt gewesen. Damit hätte Manager Oliver Ruhnert seine bisher zweigleisig verlaufene Kaderplanung mit stärkerem Fokus auf die Bundesliga ausrichten können. Nur die Verhältnisse, um den großen  Bert Brecht zu zitieren, sie sind nicht so.

Individualtraining an der Alten Försterei

Am Montag betreute Torwarttrainer Michael Gspurning getrennt voneinander die Keeper Rafal Gikiewicz, Moritz Nicolas und Jakob Busk auf dem Gelände an der Alten Försterei. Assistenzcoach Sebastian Bönig machte mit Julian Ryerson und  Suleiman Abdullahi Ball- und Kraftarbeit. Keven Schlotterbeck, Julius Kade und Florian Flecker absolvierten ebenfalls ein Individualprogramm, auf Abstand, in kleinen Gruppen.

Und Ruhnert? Nun, der hat jüngst zum Besten gegeben, dass in der Corona-Krise andere Dinge vorrangig seien denn Kaderplanungen. „Im Moment konzentrieren wir uns auf den Ist-Zustand“, sagte der 47-Jährige. Das kann man als richtig stehen lassen, doch irgendwann wird wieder gespielt werden. Und der Sauerländer, umtriebig wie er nun einmal ist, wird bis dahin nicht Däumchen drehen.

Vielleicht sind die allgemeinen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nun sogar eine Chance für Union. Mondpreise haben die Köpenicker ohnehin nie gezahlt. Mit wenig gut zu wirtschaften ist ein Markenzeichen der Eisernen. Angesichts fallender Preise auf dem Transfermarkt und wohl auch bei den Gehältern sollte ein zeitiges Bemühen um neue Akteure da hilfreich sein.

13 Verträge laufen am Ende der Spielzeit bei Union aus. Bislang steht nur fest, dass Sebastian Polter auf eigenen Wunsch auf eine Verlängerung verzichtet. Angesichts der ins Jahr 2021 verschobenen Europameisterschaft stellt sich auch bei Rafal Gikiewicz nicht mehr die brennende Frage, wo und wie er seinen letzten großen Vertrag abschließt, sondern eher, dass er wieder spielen kann und sich nicht mehr die Zeit mit so spaßigen Sachen wie Toilettenpapierhammerwerfen, Staubsaugerroboter-Curling oder 80er-Jahre-Aerobic vertreiben muss.

Bei Yunus Malli kann man getrost davon ausgehen, dass seine Leihe im Sommer endet. Zu teuer als Gesamtpaket ist er. Was unter wohl auch für Felix Kroos gilt, selbst wenn es da eine Option auf Verlängerung im Vertrag geben soll. Auch die Zeit von Ken Reichel und Manuel Schmiedebach neigt sich dem Ende zu. Bei Marius Bülter wird Union die Option ziehen, und in Freiburg könnte die Erkenntnis wachsen, dass man in unsicheren Zeiten einem Keven Schlotterbeck doch durchaus noch weitere zwölf Leih-Monate für die Entwicklung gönnen kann.

Angesichts knapper Kassen durch die fehlenden TV-Einnahmen spricht auf einmal sogar einiges für ein weiteres Jahr von Michael Parensen. Bei ihm weiß Urs Fischer, was er hat, und der Routinier ist beim Gehalt eher ein Schnäppchen. Das gilt auch für Ersatz-Keeper Leo Oppermann. Also müsste sich Ruhnert verehrt drauf konzentrieren, Grischa Prömel einen Verbleib schmackhaft zu machen. Was man bei Jakob Busk und Christian Gentner wohl eher nicht so in Betracht ziehen wird. Auch wenn bei „Le Gente“ die Leistung gestimmt hat.

Union muss den Rotstift ansetzen

Angesichts des Budgets muss Union ja irgendwo den Rotstift ansetzen. Die Verluste, die ein Saisonabbruch mit sich bringen würde, gilt es ja erst einmal zu kompensieren. Rund neun Millionen Euro an TV-Einnahmen würden wegbrachten. Die Ausfälle beim Ticketverkauf und Catering kommen hinzu.

Ungeachtet dessen braucht Ruhnert Gestaltungsspielraum. Weil in einer neuen Spielzeit nach derzeitigem Stand die ausgeliehenen Nicolai Rapp (Darmstadt), Lars Dietz (Viktoria Köln), Lennard Maloney (Chemnitz) und Berkan Taz (Cottbus) auch erst mal wieder zurückkehren werden. Vielleicht sogar Lennart Moser. Der sollte zwar von Cercle Brügge im Sommer fest verpflichtet werden. Aber sicher ist in diesen Corona-Tagen auch das nicht.

Sicher dagegen ist, dass viel Arbeit auf Oliver Ruhnert wartet. Was dem aus Arnsberg stammenden Manager aber sicherlich viel lieber ist, als in der derzeit vorherrschenden Ungewissheit zu einer Phase des Stillstandes verdammt zu sein.