Das Schöne an dem Freilaufareal Wuhlheide ist, dass die Fußballer des 1. FC Union während ihrer Entspannungsrunden am Tag nach einem Spiel nette Bekanntschaften machen. Steven Skrzybski, Damir Kreilach und Fabian Schönheim etwa begegneten einem Radfahrer. „Viel Glück für Montag“, rief er dem joggenden Trio zu.

Aufmunternde Worte tun nicht nur einer Sportlerseele immer gut. Besonders angenehm sind sie natürlich nach so einer Leistung wie in Sandhausen, die für freilaufende Spieler auch Hohn oder zumindest Worte der Enttäuschung zur Folge haben könnten. Woanders mag das gang und gäbe sein, in Köpenick sind solche Unmutsäußerungen jedoch ausgeschlossen.

Gegner haben Union entschlüsselt

Bedingungsloser Zusammenhalt und Unterstützung machen den Vereinscharakter aus. Das ist, wie gesagt, schön. Dennoch sind Spieler und Trainer gut beraten, nicht nur nach vorne auf die Partie gegen Kaiserslautern am Montag (20.15 Uhr) zu schauen, sondern auch einen Blick zurückzuwerfen.

Es bringt nämlich nichts, die Augen zu verschließen vor den Mängeln, die in den ersten Saisonspielen zunächst versteckt, gegen den SV Sandhausen dann aber ganz offen zutage traten. Die Gegner haben Unions Spielweise entschlüsselt, und es gelang der Mannschaft von Jens Keller nicht, den Kontrahenten den eigenen Willen aufzuzwingen. Im Gegenteil.

Verantwortlichen müssen klare Worte finden

Das wirft Fragen auf, die beantwortet werden müssen, um den Umschwung zu schaffen. Und so saßen Coach, Manager und der Geschäftsführer Sport im Trainerzimmer zusammen – namentlich: Jens Keller, Helmut Schulte und Lutz Munack –, während die Startelfprotagonisten noch durch den Wald liefen und alle anderen auf dem Trainingsplatz nach der Einheit die Hütchen einsammelten.

Ihre Aufgabe ist es jetzt, den Spielern erst einmal zu erklären, was schiefgelaufen ist und warum die ausgegebenen Pläne und Strategien zuletzt nicht funktionierten. Erst dann gilt es, das Team auf die nächste Aufgabe (Heimspiel gegen den Tabellenletzten am Montag) einzuschwören.

Selbstverständlichkeit von Saisonbeginn ging verloren

In Sandhausen war die Leistung erstmals in dieser Saison nicht mindestens phasenweise überzeugend. Die 0:1-Niederlage ging voll und ganz in Ordnung. Von „großem Frust“, berichtete Akaki Gogia, Stephan Fürstner sprach von „Ernüchterung“. Und stellte fest: „Es gibt keine bessere Medizin als Siege. Ein Erfolg kann den Schalter im Kopf umlegen. Dann funktioniert auch das Intuitive und das Miteinander wieder.“

Weshalb die Intuition und die Selbstverständlichkeit verloren gegangen sind, obwohl Union ausnahmsweise mal mit zwei Siegen in die Saison gestartet ist, kann nur das Leitungstrio wissen, dass sich am Mittwochnachmittag in Kellers Zimmer gegenübersaß. Nur sie haben alle Daten und den Einblick in die Kabine. Von außen lässt sich nur vermuten, dass erstens die zweite groß angelegte Rotation, die dieses Mal mit dem Verzicht auf die formstarken Simon Hedlund und Christopher Trimmel einherging, der Mannschaft die Sicherheit genommen hat. Das hatte sich auch schon bei dem ersten Durchwechseln im DFB-Pokal angedeutet.

Fürstner mit ehrlicher Ansprache

Außerdem scheint es zweitens so zu sein, dass die Ergebniskrise, die am dritten Spieltag so unmerklich wie harmlos mit einem Unentschieden begann, eine leistungshemmende Wirkung hat. Dagegen spricht zwar Akaki Gogias Aussage, dass er schon „schlimmere Sachen“ erlebt habe, nämlich Abstiegskampf mit St. Pauli und Augsburg. Aber eine gewisse Drucksituation ist wohl doch entstanden. „Der Kopf ist voll“, sagt Stephan Fürstner. „Das sieht man daran, dass wir in spielentscheidenden Situationen oft falsche Entscheidungen treffen. Jeder trägt einen Rucksack.“

Eine ehrliche Vergangenheitsanalyse ist die Grundlage, um aus dem Gepäck den einen oder anderen schweren Gedanken zu entfernen. Nur wer weiß, was er falsch gemacht hat, kann sich wirklich verbessern. Dass es bis zu dem Abend in Sandhausen nie ganz schlecht, sondern oft ganz gut aussah, hat vielleicht manche über die Probleme hinwegsehen lassen. „In erster Linie muss jeder bei sich selbst ansetzen und alles in die Waagschale werfen“, fordert Fürstner. „Dann entwickeln sich wieder die Automatismen, über die man in guten Phasen gar nicht nachdenken muss.“ Der 30-Jährige weiß, dass man durch manches Leistungstal gehen muss, um letztlich aufzusteigen. Und dass er sich bei Union auf die Fans verlassen kann. Das beruhigt. Darf aber nicht in Sicherheit wiegen.