Zum Glück schien am Tag nach dem letzten Heimspiel die Sonne. Jens Keller hatte den Fußballern des 1. FC Union nach dem 0:1 gegen Heidenheim entgegen der ursprünglichen Planung zwei Tage freigegeben. Damit sie nachdenken? Damit sie vergessen? Damit sie Kraft tanken? Der Trainer erklärte es nicht. Jedenfalls fühlen sich Sonnenstrahlen immer gut an auf der Haut, sie streicheln die Seele und machen Lust aufs Leben, auf einen Neuanfang. Das ist wichtig für Union nach diesem verregneten Sonntagnachmittag in Köpenick, an dem es so gewirkt hatte, als sei der vierte Platz eine Gefahr. Im Sonnenschein betrachtet erscheinen Dinge freundlicher. Aber ist der frustrierende Ausgang dieser über drei Viertel tollen Saison wirklich eine Chance?

Das Positive wolle man aus dieser Spielzeit mitnehmen, hatte Christopher Trimmel pflichtbewusst und mit Zweckoptimismus in die Mikrofone diktiert. Und es gibt ja tatsächlich gar nicht so Weniges, was in die Kategorie berechtigte Zuversicht fällt: der Punkterekord (57) und der größte Zuschauerandrang aller Zeiten (354 608) zum Beispiel, die Tatsache, dass die Mannschaft bis Mai um den Aufstieg gespielt hat und die Erkenntnis, dass all dies kein Zufall war. „Wir sind zurecht da oben und wir haben einen Großteil der Saison guten Fußball gespielt“, sagte Trimmel, der ja in vollstem Vertrauen auf die Aufstiegsbefähigung mindestens zwei weitere Jahre bei den Eisernen bleiben will.

Und doch bleiben vom letzten Heimauftritt merkwürdige Szenen haften. „Dit war ’ne richtig geile Saison. Danke Jungs“, war auf einem Banner vor der Partie auf der Gegengeraden zu lesen gewesen. Fast wortgleich bedankten sich die tonangebenden Fans auf der Waldseite hinterher ebenfalls schriftlich. Mehr als höflichen Applaus bekam aber vor allem Christopher Quiring zu hören. Also einer, der den Verein nach nur 56 Einsatzminuten nach der Hinrunde verlassen hatte. Der 26-jährige Ur-Unioner war ein paar Schritte nach vorne getreten, und nicht etwa der aktuelle Kapitän Felix Kroos oder der Abschied nehmende vorherige Spielführer Benjamin Kessel.

Hier traf die Sehnsucht einiger Fans nach einer Identifikationsfigur auf das Aufstiegsstreben der Vereinsführung, verkörpert von dem mit gesenkten Köpfen dastehenden Kader. Dirk Zingler würde wohl darauf verweisen, dass es weitaus nervenraubendere Zeiten während seiner Präsidentschaft gab, aber die Heimniederlagen gegen Aue und nun Heidenheim sowie das verlorene Duell in Braunschweig haben ihn sichtbar mitgenommen. Und er weiß nun, dass es wirklich im Bereich des möglichen ist, in die Bundesliga vorzustoßen. Wird er geduldig zusehen, wenn die kommende Saison mit Misserfolgen beginnt?

Pfiffe und Apathie

Ja, immer lauter waren die Gesänge während der Partie geworden. Aber nicht, weil die Fans spürten, dass sich die Mannschaft aufbäumte, sondern insbesondere, weil sich Pfiffe in die Anfeuerungen mischten, als sich Union minutenlang nicht aus der eigenen Hälfte befreien konnte. Pfiffe gegen das eigene Team sind an der Alten Försterei tabu, die Mehrheit reagierte voller Inbrunst. Aber wird auch ein vergrößertes Stadion − die Pläne werden bald präsentiert − vorwiegend von echten Unionern gefüllt? Zum Abschluss war das Stadion nicht ausverkauft.

Quiring, Pfiffe, die Apathie der Spieler auf dem Feld, die an Derwische erinnernde Verzweiflung des Trainers − es waren feine Risse, die im Regen zutage traten. Sie sind weit davon entfernt, zu einem Bruch zu führen. Aber es sind leise Warnsignale. Das finale Saisondrittel hinterlässt eine ambivalente Gefühlslage, deren Bewältigung im Sommer von entscheidender Bedeutung ist.

Noch so eine merkwürdige Szene: Als nach Abpfiff Hostessen 20 kleine Biere in den Kabinentrakt trugen, hatten sich die ersten Spieler schon auf den Heimweg gemacht. Das Positive der Saison wird momentan von einer dicken Enttäuschungsschicht verdeckt, und als Beobachter wird man den Gedanken nicht los, dass es für die weitere Entwicklung vielleicht besser gewesen wäre, frühzeitig aus dem Aufstiegsrennen auszuscheiden und dann mit ein paar Siegen auf Rang vier vorzustoßen, um beschwingt durch den Sommer zu fliegen. Aber die Eisernen sind anderseits als Baumeister bekannt. Wenn es einem Klub gelingt, eine Enttäuschungsschicht wegzubaggern, dann wohl dem 1. FC Union.