Mal sacken lassen: Paderborns Trainer Steffen Baumgart nach dem 1:0 Sieg bei Werder Bremen am vergangenen Wochenende.
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PaderbornSteffen Baumgarts große Fußball-Liebe hielt nur zwei Jahre. Und auf den ersten Blick scheint sie viel zu kurz gewesen zu sein, um den schnoddrigen Trainer nachhaltig zu berühren. Doch der 1. FC Union ist kein normaler Verein. Sagt Steffen Baumgart: „Das ist der Verein, der mir emotional am meisten gegeben hat.“ Ein Stück Heimat vielleicht sogar, jedenfalls wohnt er mit seiner Familie bis heute in Köpenick, nur ein paar Gehminuten vom Stadion an der Alten Försterei entfernt. Seine Frau Katja arbeitete bis vor kurzem sogar als Leiterin der Fanshops.

Arbeitgeber gegen  Lieblingsclub lautet also die Ansetzung an diesem Sonnabend um 15.30 Uhr– die Partie in Ostwestfalen wollen sich auch rund 30 Teamkollegen aus Baumgarts Berliner Altherrenmannschaft des SSV Köpenick-Oberspree nicht entgehen lassen. Wobei ihre Sympathien sicherlich dem ehemaligen Union-Kapitän gelten, der in 68 Zweitligaspielen zwischen 2002 und 2004 für die Köpenicker 23 Treffer markierte. Die Punkte aber wollen sie nach Berlin mitnehmen.

Die Emotionen sind bei Union einfach anders als woanders. Deswegen fühle ich mich diesem Verein sehr nahe und sehr verbunden. Und das wird, glaube ich, auch immer so bleiben.

Steffen Baumgart

Baumgart selbst sieht das vertragsgemäß anders. Der 47-Jährige pendelt regelmäßig zwischen der Hauptstadt und Paderborn, wo er seit April 2017 aus einem kriselnden Drittligisten einen frechen Bundesliga-Aufsteiger formte. Schon im Vorjahr traf er in der Zweiten Liga auf seinen Herzensklub. Nun kommt es zwischen den Aufsteigern zum Premierenduell in der Bundesliga: eine zweifellos emotionale Angelegenheit. „Ich kann das nicht erklären“, hat Baumgart dem Sender RBB über die „schönste Zeit“ seiner Karriere gesagt. „Die Emotionen sind bei Union einfach anders als woanders. Deswegen fühle ich mich diesem Verein sehr nahe und sehr verbunden. Und das wird, glaube ich, auch immer so bleiben.“

Dabei hätte es zweifellos andere Vereine gegeben, die eher infrage gekommen wären, um mit Baumgart verbunden zu werden. Hansa Rostock zum Beispiel, Baumgarts Heimatverein, für den er insgesamt 194-mal auf dem Rasen stand und mit dem er 1995 die Zweitligameisterschaft gewann. Oder eben Paderborn, wo sich die Fans nach zwei Aufstiegen in Serie ein Leben ohne ihren ziemlich speziellen Trainer nicht wirklich vorstellen können.

Doch Union hat es Baumgart angetan – und das ist offensichtlich: Bei dem Kultklub ist der ehemalige Stürmer noch immer Mitglied, Nummer 72 wie sein Geburtsjahr. Im Tunnel of Fame, dem Zugang unter dem alten Anzeigetafelhäuschen, besitzt er seit 2005 gar einen Gründerstein mit seinem Namen und der Aufschrift: „Wir sehen uns!“

Abschied vom letzten Platz

Als nächstes natürlich an diesem Sonnabend in Paderborn, wo die Fußball-Romantik für 90 Minuten ruhen muss. Denn es geht gerade für die Gastgeber um viel. Während Union mit 19 Punkten aus 14 Spielen glänzend dasteht, kämpft der SC Paderborn mit bisher mageren acht Zählern einzig und allein um den Klassenerhalt. Immerhin überließ Baumgarts Team durch den späten 1:0-Sieg in Bremen jüngst den letzten Tabellenplatz an den 1. FC Köln. Union geht nach dem 2:0 gegen Köln mit einem Sieg und reichlich Selbstvertrauen in das Aufsteigerduell. „Union macht einen Riesenjob“, sagte Baumgart anerkennend.

„Das Größte“ aber sei, dass nicht nur Union, sondern „beide Mannschaften in der Bundesliga sind“, sagt Baumgart. „Ich hoffe, dass wir das noch lange erleben werden und erleben können.“ Dafür müssten vor allem er und seine Mannschaft noch viele Punkte sammeln. Gegen seinen Herzensklub will Baumgart damit weitermachen.