Es muss schon ausgesprochen viel passiert sein, wenn Urs Fischer, 53, mal ein paar Worte zur Leistung der Schiedsrichter verliert. Denn eigentlich gehört der Übungsleiter des 1. FC Union zu jener Gattung Trainer, die sich partout nicht über die Referees äußern. Nach der 1:2 (1:1)-Niederlage gegen ein personell arg beuteltes Werder Bremen gab es allerdings Gesprächsbedarf.

„Ich mache das eigentlich nicht“, sagte Fischer nach der zweiten Saisonniederlage, „und ich finde den Videobeweis auch eigentlich gut, aber heute habe ich mich mal getraut, etwas zu sagen, weil ich mit dem ersten Strafstoß wirklich nicht einverstanden war. Da gab es keinen Kontakt. Das ist nie und nimmer ein Elfmeter. Wenn du dir das dann noch mal anschaust und trotzdem bei deiner Entscheidung bleibst, dann bin ich schon verwundert.“ Schlussendlich, führte der Schweizer aber weiter aus, müsse sich jeder an die eigene Nase fassen, in erster Linie natürlich seine Spieler, die zu wenig aus ihren Chancen gemacht hätten, aber eben auch der Schiedsrichter.

DFB-Videochef Jochen Drees räumt Fehler ein

Dieser hieß an diesem zuweilen chaotischen Sonnabend in Köpenick Tobias Welz. Es war – oder besser VAR – vor allem ein seltsames Zusammenspiel zwischen ihm und seinem Kollegen Bastian Dankert, 39, der im Kölner Keller als Video Assistant Referee (VAR) fungierte. In gleich mehreren strittigen Szenen wirkten die Absprachen zwischen den beiden Unparteiischen nicht immer klar. „Wenn wir die Situationen jetzt alle durchgehen wollen“, sagte Unions Verteidiger Christopher Lenz nach dem Spiel, „dann sind wir hier noch länger unterwegs.“ Versuchen wir es mal kurz:

Szene 1: Nach nur 65 Sekunden entscheidet Welz, aus dem hessischen Wiesbaden stammend und von Beruf Polizist, erstmals auf Elfmeter für Bremen. Eine missratene Brustrückgabe von Lenz fand Davy Klaassen, der im Strafraum zu Fall kam. Keeper Rafal Gikiewicz schilderte: „Der Schiri kam zu mir und meinte, dass ich Klaassen mit dem Finger berührt habe. Das war aber nicht so.“ Tatsächlich hob der Werder-Kapitän etwas theatralisch ab. Das hatte wohl auch VAR Dankert so gesehen und funkte Welz an. Der geht, begleitet von obligatorischen „Fußball-Mafia-DFB“-Rufen, raus an den Monitor und bleibt vier (!) Minuten später bei seiner Meinung.

„Ich frage mich wirklich, wieso man sich die Bilder nochmal anschaut“, grantelte Fischer. Und auch Unglücksrabe Lenz war verdutzt: „Er (Klaassen) läuft Rafa (Gikiewicz) gegen die Hand. Rafa kann sich aber nicht in Luft auflösen. Komisch, dass es dafür Elfmeter gab.“ Gikiewicz, der das 0:1 durch Klaassen (5.) nicht verhindern konnte: „Köln sagt kein Strafstoß, der Schiri sagt Strafstoß. Das ist komisch.“ Auch beim DFB räumte man den Fehler ein. „Regeltechnisch ist die Entscheidung, in dieser Situation einen Strafstoß zu geben, aus unserer Sicht aber falsch“, erläuterte Dr. Jochen Drees, Projektleiter des Videobeweises beim Verband.

Szene 2: In der 13. Minute gibt es wieder Elfmeter, diesmal allerdings für Union. Unter den 22012 Fans An der Alten Försterei hat niemand etwas von einem Handspiel im Werder-Strafraum von Christian Groß mitbekommen. Auch Welz nicht. Erst auf Einschreiten Dankerts unterbricht der ferngesteuerte Unparteiische die Partie und läuft zum zweiten Mal raus an die Mittellinie. Tatsächlich hatte der Bremer Verteidiger den Ball mit seitlich ausgestreckten Arm gespielt. Welz gibt – korrekterweise – Elfmeter. Bemerkenswert, dass sogar die bevorteilten Union-Anhänger in Richtung DFB skandieren: „Ihr macht unseren Sport kaputt“ . Den Elfer verwandelt Sebastian Andersson zum 1:1-Ausgleich (14.).

Szene 3: Welz hat seinen Finger in der 22. Minute wieder am rechten Ohr, Köln funkt. Die Bremer fordern Strafstoß, nachdem der Ball an den linken Arm von Lenz flog. Lenz dazu: „Ich kriege den Ball kurz vorher an die Hand und konnte die nicht mehr wegnehmen.“ Elfmeter wäre dennoch vertretbar gewesen. Den gab es aber trotz VAR-Einsatz nicht.

Szene 4: In der 54. Minute gibt es den dritten Strafstoß der Partie, weil Unions Kapitän Christopher Trimmel Theodor Gebre Selassie am Trikot zieht und beim Torabschluss hindert. Sieht Welz, diesmal ohne technische Hilfe, aber dafür mit der seines Linienrichters (ja, die gibt es auch noch) so und zeigt auf den Punkt – eine richtige Entscheidung. Klaassen scheiterte an Gikiewicz, doch aus dem daraus resultierenden Eckball köpfte Niclas Füllkrug den Bremer Siegtreffer (55.).

Der Ausgang des Köpenicker Videospiels, in dessen hitziger Schlussphase noch Neven Subotic und Nuri Sahin berechtigterweise Gelb-Rot sahen, ärgert die Eisernen. „Was mich am meisten nervt, sind die letzten zehn Minuten, in denen eigentlich nur noch diskutiert wurde“, sagt Fischer. Doch freilich war das Video-Chaos alleine nicht Schuld an der zweiten rot-weißen Saisonpleite. „Wir müssen die Tore schießen und weniger Fehler machen“, befand Gikiewicz. „Von einem Videobeweis bekommst du kein Gegentor.“

Mit Blick auf das schwere Auswärtsspiel in fünf Tagen bei Bayer Leverkusen gab Fischer seinen Profis einen klaren Auftrag mit. „Natürlich muss auch meine Mannschaft daraus lernen, mit dem VAR umzugehen.“ Die Devise: „Geh weg, diskutiere nicht, konzentriere dich auf dein Spiel.“ VAR hin oder her.