Dirk Zingler, 53, ist seit 2004 Präsident des 1. FC Union. Unter seiner Führung entwickelte sich der Klub zu einer festen Größe im deutschen Profifußball. Mit dem Ziel: Bundesliga. Die Köpenicker belegen derzeit mit 35 Punkten allerdings nur Platz acht der Tabelle. Ein guter Grund, um Zingler nach dem Warum zu fragen.

Herr Zingler, wie werten Sie die aktuelle Situation Ihres Klubs?

Wichtig ist, dass man einen klaren Blick hat. Und erkennt, dass wir unser Saisonziel, nämlich den Aufstieg in die Bundesliga, wohl nicht erreichen. Wir wollten an der Spitze der Liga mitspielen, das tun wir aber nicht. Wichtig ist mir, dass wir uns ab sofort nicht mehr wie in den vergangenen Wochen einlullen lassen von dieser leidigen Diskussion: Geht es nach unten oder nach oben? Darin liegt nämlich die Gefahr, dass man seine eigene Situation nicht klar deutet. Intern haben wir unsere Lage ganz klar bewertet. Jetzt müssen wir die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Und das heißt für den Moment, dass sich alle im Verein darauf konzentrieren müssen, die notwendigen Punkte zu holen, um den Klassenerhalt auch rechnerisch zu sichern. Das ist die nächste Etappe.

Haben Sie eine Erklärung für das, was mit der Mannschaft in den vergangenen Monaten passiert ist?

Das, was mit der Mannschaft passiert, ist nur ein Betrachtungswinkel. Viele glaubten in dieser Saison, das mit dem Aufstieg ist so einfach wie noch nie. Es sind ja keine großen Klubs dabei. Und dann entpuppt sich diese Saison als die schwerste Saison, weil diesmal wirklich jeder jeden schlagen kann. Dadurch ist für viele Mannschaften, auch für uns, ein mentales Problem entstanden. Dieses Problem verstärkt sich bei uns noch durch eine grundsätzliche Herausforderung ...

Die da wäre?

Nun, wir müssen den Spagat zwischen Leistungsportverein und Folkloreverein meistern, wobei das mit dem Folkloreverein nicht missverstanden werden darf. Wir haben insgesamt eine tolle Entwicklung genommen, haben viele Themen um den Sport herum aufgegriffen, Werte und Regeln geschaffen. Wir haben ein Zufriedenheitsgefühl im Verein entwickelt, definieren Fußball auch immer unter einem gesellschaftlichen Aspekt. Es ist nicht leicht, da einfach umzuschalten, sich einzig und allein auf den sportlichen Erfolg zu fokussieren. Es geht aber letztlich darum, eine Leistungsatmosphäre herzustellen. Und wie kompliziert das ist, das spüren wir in dieser Saison.

Es lässt sich an den unbefriedigenden Leistungen der Mannschaft ablesen?

Wir haben uns schon öfter mit folgender Fragestellung beschäftigt: Schaffen es Spieler, die zu uns kommen, die Leistungsatmosphäre, die sie aus anderen Klubs kennen, auch auf uns zu übertragen? Oder ist es so, dass sich auch die neuen Spieler nach einer gewissen Zeit eher unserer Atmosphäre anpassen? Einerseits wollen wir unsere Vereins-DNA ja nicht grundlegend verändern, unter der Maxime, dass es hier nur noch um Erfolg und Leistung geht, andererseits aber auch konsequent unsere sportlichen Ziele verfolgen. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.

Sind Sie dabei vielleicht selbst einen Schritt zu weit gegangen, als Sie bei der Jahreshauptversammlung Ende vergangenen Jahres die Mannschaft in aller Öffentlichkeit hart in die Pflicht genommen haben?

Nein, weil wir eine mangelnde Leistungsatmosphäre spüren, müssen wir bereit sein, mehr zu tun als andere. Meine Aufforderung galt ja nicht nur der Mannschaft. Wir als Verein können nur das Besondere erreichen, wenn wir alle Besonderes leisten. Ich hab dabei alle Führungskräfte und Mitarbeiter im Klub angesprochen. Und ich nehme mich selbst da keineswegs aus. Das gilt für den Präsidenten genauso wie für den Greenkeeper. Wir werden das noch stärker vorleben.

Würden Sie also tatsächlich bei einer entsprechenden Situation noch einmal die Mannschaft so unter Druck setzen?

Ich empfinde das nicht als Druck. Unsere Ausrichtung ist eindeutig. Wir sind ein Profiverein. Wir sind den Menschen in und um den Verein verpflichtet, aus den Voraussetzungen, die wir geschaffen haben, auch das Beste herauszuholen. Von unserer strategischen Ausrichtung, den Klub mittelfristig unter die Top 20 zu führen, werden wir nicht abrücken. Die Frage ist, was müssen wir verändern, damit wir da hinkommen.

Was müssen Sie verändern?

Wir werden uns weiter Gedanken über unsere Strukturen machen, die wir in den vergangenen Jahren professionalisiert haben. Wir haben immer mehr Fachleute dazu geholt, die sich um die Profiabteilung kümmern. Nun gilt es zu überprüfen, ob wir dadurch tatsächlich besser geworden sind. Oder sind wir durch diese neuen Strukturen unklarer, langsamer und vielleicht auch distanzierter geworden? Früher hatten wir kurze, schnelle Entscheidungswege, heute mehrere Ebenen, mehrere Menschen, die für die unterschiedlichsten Dinge verantwortlich sind. Wir werden uns um die Mannschaft kümmern, aber auch Führungsstrukturen müssen wir überprüfen. Was kann, was muss verbessert werden.

Aber auch im sportlichen Bereich müssen Korrekturen vorgenommen werden?

Sicher muss man darüber reden, ob der Kader richtig zusammengestellt ist. Ob wir die richtige Mentalität im Kader haben, die richtigen Spieler für die Zweite Liga. Ich stelle immer wieder fest, dass wir in Dortmund oder Leverkusen ganz gut mitspielen können, also dort, wo die spielerische Komponente im Vordergrund steht. Aber wir gewinnen nicht in Sandhausen und auch nicht allzu oft in Heidenheim. Da gilt es als Zweitligist anzusetzen.

Diese Diskrepanz ist aber kein neues Phänomen.

Nein. Seit einem Jahr spielen wir unter unseren Möglichkeiten. Der Aufstieg in der letzten Saison war doch greifbarer als in dieser Saison, aber wir verspielen ihn. Wir sind Tabellenführer, haben Heimspiele, verlieren die aber wie gegen Aue. Und das hat sich im Grunde fortgesetzt. Die Mannschaft muss sich im Klaren sein, dass die Fallhöhe bei uns durch die Zielsetzung besonders hoch ist. Wir können am meisten verlieren, deshalb haben wir auch den größten Druck. Beim Spiel am kommenden Wochenende, das muss jedem bewusst sein, haben wir also gegenüber den Regensburgern einen erheblichen psychologischen Nachteil. Wir müssen in jedem Spiel mehr leisten als der Gegner, um ihn zu besiegen. Das muss in die Köpfe rein. Wenn wir merken, dass das gegen Regensburg nicht der Fall ist, wird es auf jeden Fall im Anschluss vierzehn anstrengende Tage für die Mannschaft geben.

Sie sagten, die Entscheidungswege wären mitunter zu kompliziert geworden. Bedeutet das, dass der 1. FC Union einen typischen Manager braucht?

An Managern fehlt es uns nicht. Führungskräfte brauchen Führungskompetenz. Müssen führen. Da ist es egal, ob ich Marmelade herstelle, bei einem Fußballklub in der Verantwortung stehe oder eine Zeitung führe. An fachlicher Kompetenz, Spieler oder Spiele zu beurteilen, mangelt es auch bei uns nicht.

Wäre so eine Figur nicht hilfreich gewesen, als Sie im Dezember den Trainerwechsel von Jens Keller zu André Hofschneider vollzogen haben?

Diese Personen haben wir, und sie waren präsent im Dezember. Über den Tagessport äußert sich bei uns grundsätzlich nur der Cheftrainer. Bei uns sagen die Manager nur etwas, wenn es wirklich etwas zu sagen gibt. Ich weiß nicht, was da im Dezember gefehlt haben könnte. Die Planstelle für den Erklärbären haben wir nicht vorgesehen. Und wir sind überzeugt, dass das immer noch der beste Weg ist. Am Ende hilft dir bei schlechten Leistungen oder schwierigen Entscheidungen keine Erklärung nach außen. Die Wirkung der handelnden Personen und ihrer Entscheidungen richtet sich insbesondere nach innen. Die Jungs müssen am Wochenende Spiele gewinnen.

Hinter dem Bekenntnis, das Saisonziel verpasst zu haben, steckt doch bestimmt eine große persönliche Enttäuschung. Wie gehen Sie damit um?

Ich hätte mich tierisch gefreut, wenn wir es geschafft hätten. Und als Fußball-Fan, der ich bin, ist es sicher eine Enttäuschung. Als Präsident denke ich aber in ganz anderen Zeiträumen. Insofern neige ich weder zum spontanen Jubel noch zur großen Enttäuschung.

Es muss aber auch als Präsident für sie eine Enttäuschung sein, dass Sie mit dem Trainerwechsel zumindest kurzfristig keinen Aufschwung bewirken konnten.

Da brauchen wir gar nicht drum herum reden. Einen Trainerwechsel vollzielt man, um danach bessere Ergebnisse zu erzielen. Der Trainerwechsel führte nicht zu dem Effekt, den die Vereinsführung erzielen wollte. Das ist Fakt.

Gelten für André Hofschneider die gleichen Regeln wie für alle anderen Trainer auch?

Ja, selbstverständlich.

Es geht für ihn also in den noch ausstehenden acht Spielen auch um seinen Job?

André Hofschneider weiß, dass wir eine Entscheidung in dieser Frage treffen werden, wenn wir zu der Überzeugung gekommen sind, dass diese Entscheidung zu einer Verbesserung führt. Vollkommen unabhängig von den Personen.

Ist André Hofschneider also in der kommenden Saison noch Trainer des 1. FC Union?

Das wird davon abhängen, wie wir die nächsten acht Spiele gestalten. Im Moment stellen wir uns diese Frage nicht, da wir nicht den Fehler begehen wollen, dass wir uns schon jetzt mit den Fragen aus dem Sommer beschäftigen. Das führt nämlich zu einer mangelhaften Konzentration auf das Heute. Und die aktuelle Situation sollten wir alle ernstnehmen. Wer das nicht tut, bekommt Ärger. Nur so viel kann ich sagen: André wird auch nach dem Spiel gegen Regensburg noch Trainer sein. Und: Ihn muss ich nicht auffordern, etwas Besonderes zu leisten, das macht er.

Ein Verein muss aber auch die Zukunft gestalten. Sie sagten, auch der Kader werde auf gewisse Qualitäten überprüft. Werden Sie also eine Liste nach den beiden Kriterien „geeignet“ oder „ungeeignet“ aufstellen? Und dann wird es ja womöglich auch Spieler geben, die nach der Enttäuschung in dieser Saison eine neue Herausforderung suchen. Momentan wird ja wieder mal heftig über die Zukunft von Steven Skrzybski diskutiert …

Meine Antwort darauf ist: Wenn du dich nicht auf das Heute konzentrierst, verlierst du Spiele! Und es ist auch so, dass da von außen viel hineingetragen wird. Wir können das nicht ändern, weil wir uns im öffentlichen Raum bewegen. Mit der Realität hat das nicht viel zu tun. Stevie beispielsweise macht sich null Gedanken darüber, wo er kommende Saison spielt. Er gibt Gas, will Tore schießen, liebt den Verein. Ich könnte da durchgehen, und vielleicht bleiben von 24 Spielern im Kader drei übrig, die sich tatsächlich verändern möchten. Aber das ist doch normal und alles andere als dramatisch. Und wenn sich andere Vereine für unsere Spieler interessieren, dann können wir uns dafür auch bei Lutz Munack und Helmut Schulte bedanken. Mit dem Problem, dass wir womöglich eine hohe Ablösesumme für einen unserer Spieler erzielen, beschäftige ich mich gerne.

Ist mit der klaren Zielsetzung Bundesliga und dem Ausbau des Stadions auch bei Ihnen die Nervosität gestiegen? Immerhin ist das unternehmerische Risiko ja gewachsen.

Ich weiß, dass die Verlustängste der Menschen im und um den Verein gewachsen sind, weil sich ja alle Sorgen um den Verein machen. Aber nein: Wenn ich sehe, welche Kraft und Stabilität wir entwickelt haben in den vergangenen Jahren. Wenn ich sehe, wie unsere Mitgliederzahlen, Umsatzzahlen und viele andere Kennzahlen gestiegen sind. Wenn ich sehe, was für ein starker Verein wir aus personeller und strukturellere Sicht geworden sind. Ja, wenn ich das alles sehe, dann bin ich weitaus weniger nervös, als ich das vor Jahren noch war.