Zwei Unioner am Scheideweg: Für Sebastian Griesbeck (l.) winkt ein Karrieresprung, während der hoch veranlagte Grischa Prömel seit geraumer Zeit stagniert.
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Berlin-KöpenickSebastian Griesbeck zögert keine Sekunde. „Selbstverständlich traue ich mir das zu“, antwortet der 29-Jährige auf die Frage, ob er sich zutraue, die Rolle des verletzten Führungsspielers Christian Gentner im Mittelfeld des 1. FC Union zu übernehmen. Nur um dann schnell einzuwerfen: „Die Entscheidung darüber trifft aber der Trainer.“ Dass der Zugang vom 1. FC Heidenheim überhaupt für diese anspruchsvolle Aufgabe infrage kommt, liegt zum großen Teil an seinem eigenen Engagement, das er nicht erst seit seinem Wechsel zu den Eisernen, sondern bereits zuvor in der Zweiten Bundesliga an den Tag gelegt hat – und zu einem kleinen Teil an der sportlichen Stagnation eines Konkurrenten, für den die Anführer-Rolle im Maschinenraum der Köpenicker eigentlich mal vorgesehen war.

Denn so steil die Karriere von Grießbecks Mitspieler Grischa Prömel bislang verlief, so abrupt endete der Aufschwung des mittlerweile 25 Jahre alten Mittelfeldspielers in der vergangenen Saison, die eigentlich die Kulisse für seinen ganz großen Durchbruch werden sollte. Der gebürtige Stuttgarter blühte in seinem zweiten Jahr bei den Eisernen und unter Trainer Urs Fischer auf, steuerte sieben Treffer zum Aufstieg in die Bundesliga bei und galt vor den entscheidenden Relegationsspielen gegen den VfB Stuttgart, seinem Lieblingsklub, klar als Schlüsselspieler in Fischers System. Schon in der Winterpause der Aufstiegssaison hatte der Hamburger SV erfolglos seine Fühler nach dem in Hoffenheim von Trainer Julian Nagelsmann ausgebildeten Mittelfeldmotor ausgestreckt und niemanden hätte es verwundert, wenn Prömel vor dem Bundesliga-Debüt der Eisernen doch noch zu einem größeren Verein gewechselt wäre.

Die Köpenicker verpflichteten stattdessen mit dem gebürtigen Nürtinger Gentner den Lehrmeister, der Prömel als Vorbild dienen und mit seiner Erfahrung weiter formen sollte. Die schwäbische Zentrale sollte das Herzstück der Mannschaft im ersten Bundesliga-Jahr bilden. Doch nach nur zwei Saisonspielen plagten Prömel hartnäckige Patellasehnen-Probleme, die ihn für die gesamte restliche Hinrunde und den Auftakt der Rückrunde außer Gefecht setzten. In der Zwischenzeit etablierte sich der aggressivere, extrovertierte Robert Andrich neben Gentner und schrieb die Erfolgsgeschichte, auf die Prömel gehofft hatte.

Seitdem stagniert dessen Entwicklung. Natürlich war er zunächst damit beschäftigt, überhaupt erst mal auf den Rasen zurückzukehren, was ihm nach der wochenlangen Corona-Pause zum verspäteten Saisonende hin gelang. Und auch in den ersten beiden Spielen der aktuellen Saison stand Prömel für die Eisernen auf dem Feld, gegen den FC Augsburg seit langem mal wieder in einem System mit einem Abräumer vor der Abwehr, der, in Person von Andrich, der nun doch zum Einsatz kommenden schwäbischen Zentrale den Rücken freihielt. Doch das eiserne Aufbauspiel läuft mittlerweile über andere. Prömel spielt im Schnitt weniger Pässe pro Spiel und auch in den harten Statistiken zeigt Prömels Kurve nach unten. Seit dem Aufstieg gelang ihm kein Tor und nur eine einzige Torvorlage, beim 6:0 in der ersten DFB-Pokalrunde 2019/20. Für einen dauerhaften Stammplatz ist das, in Anbetracht von Prömels Potenzial, eigentlich zu wenig. Und eigentlich erwarten alle – Trainer Fischer, Fans und auch Prömel selbst – mehr.

Anders sieht es indes bei Sebastian Griesbeck aus. Dass der 29-Jährige schon am Sonnabend Gentner nach dessen Verletzung ersetzte, mag noch der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass Fischer gegen Augsburg, um mehr Druck aufzubauen, die erwähnte Dreier-Zentrale aufgeboten hatte und freilich nicht nach wenigen Minuten von diesem System abweichen wollte. Doch generell ist in den nächsten Wochen weitaus wahrscheinlicher mit dem gebürtigen Ulmer zu rechnen als mit dem stagnierenden Prömel. Mitspieler Christopher Lenz fasste Griesbecks Vorzüge am Dienstag treffend zusammen: „Christian Gentner ist eigentlich nicht zu ersetzen, aber was er im Spiel mit Auge und Erfahrung leistet, gleicht Sebastian Griesbeck mit diesem irren Eifer aus, der ihn auszeichnet.“

Vielleicht hat Griesbeck genau deshalb durchaus das Zeug dazu, in der laufenden Saison den Weg seines früheren Teamkollegen Andrich zu gehen. Auch der wechselte nach Jahren in den unterklassigen Ligen überraschend in die Bundesliga und glich ein geringeres Talent durch unbändigen Arbeitswillen und kompromisslose Laufbereitschaft aus. Dabei ist Griesbeck, anders als zunächst vermutet, in seinem Spiel keine exakte Andrich-Kopie. Der 29-Jährige strahlt mehr Ruhe aus, lässt sich schwerer aus der Fassung bringen. „Grundsätzlich bin ich erst mal einfach ein zentraler Mittelfeldspieler. Wie ich dann eingesetzt werde, entscheidet auch wieder der Trainer“, beschreibt Griesbeck seine Vielseitigkeit, ohne Rollenansprüche zu stellen. Seine Passquote erreichte in der Vorsaison nahezu 80 Prozent, im Schnitt tackelte er im Vorjahr pro Spiel sogar minimal häufiger (1,8) als Unions „aggressive leader“ Andrich (1,7). Ein echter Allrounder also.

Gut möglich, dass die Eisernen also wieder einen Rohdiamanten in der Zweiten Bundesliga entdeckt haben, den sie zum gestandenen Bundesliga-Profi schleifen können. Für Grischa Prömel wird es dann allerdings noch schwieriger, sich im Kader der Köpenicker zu behaupten. Er muss den nächsten Schritt machen, um nicht den Anschluss zu verlieren.