Union-Präsident Dirk Zingler machte am Mittwoch noch einmal ganz deutlich, dass zum Saisonstart in Köpenick auf jeden Fall vor Zuschauern gespielt wird.
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BerlinIn der Straßenbahn lässt es sich aus Richtung Schöneweide entspannt anreisen. Handgezählte 17 Mitfahrer, alle brav mit Maske, lassen genug Abstand, fast jeder kann sitzen. Und wären noch Ferien, hätte die Bahn der Linie 67 um diese Uhrzeit sicher noch weniger Passagiere befördert. Freilich will auch an der Haltestelle Alte Försterei diesmal kaum wer aussteigen. Lediglich ein junges Mädchen holt das dort abgestellte Fahrrad ab. Vor dem Stadion des 1. FC Union herrscht auch Ruhe. Das soll sich Mitte September wieder ändern, denn dann startet die Fußball-Bundesliga in die nächste Saison.

Und geht der Plan der Eisernen auf, den Präsident Dirk Zingler an diesem frühen Mittwochnachmittag erläutert, könnte sich das eingangs beschriebene Bild an Bundesliga-Spieltagen wieder ändern. Dann würde es wieder kuschelig werden in der Straßenbahn und allen anderen öffentlichen Verkehrsmitteln. Dann würden sich auch auf Covid-19 getestete Stadionbesucher mit nicht getesteten Bahn- und Businsassen, die lediglich von A nach B fahren, aber nicht an die Alte Försterei möchten, vermischen. Zwar mit Maske, aber ohne Abstand. „Die Menschen können auf dem Weg zum Stadion angesteckt werden“, muss auch Zingler eingestehen, „aber sie sind nicht infektiös.“

Michael Müller reagiert zurückhaltend

Man muss sich schon genau in das Hygienekonzept, den Leitfaden, wie sie ihn bei Union genannt haben, hineinlesen und sich etwas Zeit lassen zum Reflektieren. Genau diese Zeit hatte der Präsident eingeräumt: Am Dienstag wurde der Leitfaden öffentlich gemacht, am Mittwoch erläuterte Zingler ihn und musste gleich auf ein paar Reaktionen aus der Politik eingehen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte sich am Dienstag in einer ersten Reaktion in vielen Dingen positiv überrascht vom Leitfaden der Eisernen gezeigt, aber auch Dinge angesprochen, die aus seiner Sicht Probleme aufwerfen. „Die Reaktion hatte ja alles in sich, Lob, Skepsis, Zuspruch und Kritik – sie entsprach unserer Erwartungshaltung“, sagte Dirk Zingler. Aber: „Inhaltlich haben uns zwei Dinge überrascht.“

So kann der Union-Präsident nicht wirklich nachvollziehen, weshalb Müller eine wissenschaftliche Bestätigung über die Wirksamkeit eines negativen Corona-Tests haben möchte. „Wenn wir die Wirksamkeit eines negativen Corona-Tests infrage stellen, müssen wir unsere Teststrategie in Deutschland grundsätzlich infrage stellen“, so Zingler.

Um einen positiven Fall festzustellen, müsse man eine gewisse Viruslast haben. Und für das Erreichen dieser Last brauche das Virus eine bestimmte Zeit, um messbar und ansteckend zu sein. Wissenschaftler haben diesen Zeitraum auf 24 bis 48 Stunden festgelegt. „Genau daran haben wir uns angelehnt“, so Zingler. „Die 48 Stunden wollen wir aber gar nicht ausreizen, sondern nehmen 36 Stunden Maximum.“

Der 1. FC Union würde sich mit dem Leitfaden für Zuschauer im Stadion also an die wissenschaftlichen Empfehlungen halten, diese Kritik von Müller kann Zingler daher genauso wenig nachvollziehen wie die Frage nach vorhandenen Testkapazitäten. „Wir haben sehr deutlich gemacht, dass wir von überschüssigen Tests sprechen. Sollte irgendwann der Zustand erreicht sein, dass alle Kapazitäten in Deutschland für die vorrangigen Gruppen benötigt werden, dann testen wir nicht und es kommt keiner ins Stadion“, erklärt der Union-Präsident.

Den Testlauf des Leitfadens soll es am 5. September mit 3000 Zuschauern geben. „Das ist nicht nur ein Test auf dem Rasen, sondern ein Doppeltest“, sagt Zingler. Dieser ist zu diesem Zeitpunkt auch erlaubt, da laut Coronaverordnung bis zum 31. Oktober in Berlin Freiluftveranstaltungen mit bis zu 4999 Besuchern stattfinden dürfen. Bei Union stimmt man sich im Grunde genommen im Moment mit dem Gesundheitsamt Köpenick lediglich noch bezüglich der Hygienemaßnahmen ab, ob weiterhin mit Abstand und Maske oder eben mit dem eigenen Modell der präventiven Tests gespielt wird. Letzteres ist die bevorzugte Variante, Ersteres lediglich der Plan B. Aber klar ist für ihn, und das bestätigte Dirk Zingler am Mittwoch noch einmal ganz deutlich: Zum Bundesligastart wird in der Alten Försterei vor Zuschauern gespielt.