Sebastian Polter hat wahrlich ein Händchen für ikonische Momente in dieser ohnehin schon historischen Saison des 1. FC Union. Als er im vergangenen September beim ersten Einsatz nach seiner sechsmonatigen Verletzungspause gegen Holstein Kiel ausgerechnet per Fallrückzieher zur Entscheidung traf und danach mit Tränen in den Augen von den Köpenicker Fans gefeiert wurde, dachten die meisten: Größer geht es nun auch nicht mehr.

Doch beim 3:0-Sieg gegen den 1. FC Magdeburg setzte der Wilhelmshavener noch einen drauf. Nach seinem zweiten Treffer in der Schlussphase schlug sich der 1,92-Meter-Mann wie ein indianischer Stammeskrieger auf die Brust und sprang mit vollem Schwung auf den Zaun an der Waldseite, um ein Bad im tobenden rot-weißen Meer zu nehmen, das den Helden schier verschlucken wollte. Die Szene war jedoch nur die Kulmination zahlreicher Momente, die Polter in den vergangenen Wochen beschäftigt hatten.

Denn seit der vollständigen Heilung seines Mittelfußbruchs aus dem Köln-Spiel Ende Januar hatte ihn Trainer Urs Fischer nur ein einziges Mal in sechs Spielen von Beginn an aufgeboten, ihn bei seinen Kurzeinsätzen zudem nie länger als 18 Minuten auflaufen lassen.

Ausgerechnet den ehrgeizigen Publikumshelden, der die hohen Ziele des 1. FC Union wie kein Zweiter mitträgt, dachten viele und warteten auf eine Eruption des Stürmers. Spätestens dann, als es im Aufstiegskampf zwischendurch nicht so richtig laufen wollte. Doch der 28-Jährige schluckte seine spürbare Enttäuschung über die Reservistenrolle hinunter, stellte sich uneigennützig in den Dienst der Mannschaft und trainierte fleißig.

Das imponierte auch Trainer Fischer: „Ich wusste immer, dass Sebastian jederzeit bereit ist, von Anfang an zu spielen.“ Nur die Gelegenheit wollte nicht kommen, weil Fischer gern auf Konkurrent Sebastian Andersson setzt und ein Doppelsturm aus beiden Sebastians nur einmal von Beginn an ausprobiert worden war − beim 0:3 in Aue, der ersten Saisonniederlage der Köpenicker im Dezember.

„Das Resultat war damals nicht gut, aber in dem Spiel hatten wir reichlich Torchancen, die wir einfach nicht genutzt haben. Das war heute anders“, entzauberte Polter nach dem Sieg gegen Magdeburg den vermeintlichen Fluch der „Doppel-Seb“ und räumte auch gleich noch mit dem Vorurteil auf, die beiden Stürmer seien bittere Konkurrenten mit ähnlichem Spielstil: „Ich bin richtig froh, dass ich heute mal mit Sebastian Andersson von Anfang an stürmen durfte, denn ich denke, wir ergänzen uns ziemlich gut.“

Was vor allem beim 2:0 in der 31. Minute bestens zu beobachten war, als der Schwede den Ball nach starkem Kampf mustergültig auf Polter flankte, der, optimal positioniert, nur noch einschieben musste. Mit dem später noch folgenden Treffer zum 3:0-Endstand schnürte er damit seinen sechsten Doppelpack im Trikot der Eisernen.

Nicht wenige sprachen nach der Galavorstellung davon, Polter habe sich den Frust von der Seele geschossen. Besonders, weil eine große Boulevardzeitung ausgerechnet am Tag des so wichtigen Spiels gegen Magdeburg äußerst private und sehr vertrauliche Details über die Familie des Kickers veröffentlicht hatte. Doch war das überragende Spiel des Stürmers keinesfalls die Reaktion auf die schmutzige Berichterstattung oder den Frust über die ausbleibenden Startelfeinsätze.

Sebastian Polter hat mit seiner Leistung vor dem ausverkauften Stadion an der Alten Försterei viel mehr nachgewiesen, dass er als echter Torjäger süchtig nach dem Torerfolg ist und als wahrer Unioner genau das tut, was Trainer Urs Fischer in der Rückrunde immer wieder von seinen Spielern gefordert hat: Voranzugehen und die jüngeren Spieler mitzureißen. Im Aufstiegsfall dann auch hinein ins rot-weiße Meer.