Oliva Nova - Manche Dinge würden ihn wirklich fassungslos machen, erzählt Jens Keller gegen Ende des Gesprächs. Zu seiner Zeit als Trainer auf Schalke habe es da beispielsweise einen Journalisten gegeben, der ohne ihn selbst nur ein einziges Mal gesprochen zu haben ein ausführliches Porträt über ihn verfasst hat.

Das Bild, das darin von ihm gezeichnet wurde, hätte schließlich auch nichts mit dem wahren Jens Keller zu tun gehabt. Im Gegenteil. Dazu passe auch die Unterhaltung mit einem Klubpräsidenten, der ihn vor gar nicht langer Zeit mal verpflichten wollte. Nach einer Viertelstunde habe der Folgendes gesagt: „Jens, du bist ja ganz anders als ich dachte.“

Beim 1. FC Union scheint es derartige Probleme nicht zu geben, die Köpenicker wissen ihren Jens Keller zu schätzen, als einen im Moment ziemlich erfolgreichen Fußballlehrer, der mit seinen unkomplizierten Art ziemlich gut zum Klub passt.

Mit Christopher Quiring wird er in Berlin übrigens nicht mehr zusammenarbeiten. Der 26-jährige Mittelfeldmann, der in dieser Zweitligasaison nur noch zu drei Kurzeinsätzen kam, verlässt Union nach fast 15 Jahren und wechselt zum Drittligisten Hansa Rostock. Das gaben die Köpenicker am Freitagnachmittag bekannt. Es ist der Abschied eines Publikumslieblings.

Herr Keller, wir haben neulich mal ein bisschen in unserem Ordner 2016 geblättert. Dabei ist uns aufgefallen, dass auch wir – wie alle anderen Medien auch – die Trainer immer mehr in den Mittelpunkt unserer Berichterstattung stellen, mit dementsprechenden Berichten und Fotos. Die Trainer sind die Protagonisten des Spiels, die gefeierten Feldherrn oder eben auch wie ehedem die Ersten, die im Fall des Misserfolgs vom Hof gejagt werden. Befremdet Sie manchmal dieser Hype um Ihre Zunft?

Ja, sicher. Mir wäre das schon lieber, wenn man der Mannschaft oder dem Spiel an sich mehr Aufmerksamkeit schenken würde. Heute geht es oft nur noch darum: Was hat er an? Wie steht er da? Hat er sich in der Nase gebohrt? Oder nicht? Und so fort. Da ist schon schade.

Was kann man dagegen tun?

Wissen Sie: Ich bin mir einfach nicht sicher, ob sich der eine oder andere Journalist in gleichem Maße wie der Fußball weiterentwickelt hat. Wir als Trainer müssen lernen, mit den Medien umzugehen, werden bei der Fußballlehrer-Ausbildung in dieser Hinsicht intensiv geschult. Aber bei vielen Medienvertretern habe ich das Gefühl, dass sie sich in Sachen Fußball einfach nicht weiterbilden.

Das mag schon sein, aber so leicht kommt man auch nicht mehr ran. Die Klubs schotten sich immer weiter ab, trainieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Bei Großvereinen mag das so sein, bei uns sind das nur die zwei Einheiten vor dem Spiel.

Gut, danke für die Einladung, wir geloben Besserung. Nervt das eigentlich manchmal, wenn man als Fußballlehrer immer an den schillerndsten Figuren der Gilde gemessen wird? Wenn man so kreativ sein soll wie Pep Guardiola oder so emotional wie Jürgen Klopp?

Das Problem haben vielleicht andere Trainer. Ich nicht. Das war ja die Sache auf Schalke. Ich hab’ da meine Arbeit gemacht, hab’ mich nie verstellt, nie den Kasper gemacht, war nie der Clown, den sie da haben wollten. Ich hab’ mich auf meine Mannschaft konzentriert und nur das war für mich wichtig. Aber das stimmt schon: Für die Medien ist es wichtiger, ob man rumspringt oder wilde Gesten macht. Aber ich bin Jens Keller. Und damit bin ich immer gut zurechtgekommen.

Sie waren eineinhalb Jahre raus aus dem Job. Was einerseits bestimmt ziemlich unangenehm ist, andererseits auch Zeit zum Nachdenken gibt. Man kann sich neu aufstellen, reflektieren. Andere stürzen sich geradewegs in eine neue Aufgabe.

Ja, Hut ab, wie die das machen. Ich hätte nach Schalke definitiv nicht gleich in einen neuen Job gehen können. Ein halbes Jahr hab’ ich schon gebraucht, um wieder Energie zu sammeln. Und klar hab’ ich mir in dieser Zeit schon Gedanken macht, wie die Dinge gelaufen sind. Was hätte ich anders und damit auch besser machen können und so weiter. Vielleicht brauchen andere nicht so lange, um wieder bereit zu sein. Aber die meisten wissen auch nicht, wie intensiv der Job auf Schalke ist.

Gibt es einen Ratgeber an Ihrer Seite, der sagt: Mach das! Oder mach das nicht!

Ich habe einen Berater, mit dem ich mich austausche, klar. Aber ich steh’ ganz gut im Leben und habe eine Ahnung, was gut für mich ist und was nicht. Entscheidungen treffe ich also letztlich schon alleine.

Welcher Ihrer Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Einige Trainer haben Dinge gemacht, da wusste ich sofort: Das würde ich nie tun. Das ist unmenschlich, was die tun. Das prägt einen ja auch. Und dann gab es zu meiner Stuttgarter Zeit natürlich Ralf Rangnick, der im taktischen Bereich schon mehr gearbeitet hat als alle anderen.

War Rangnick auch wichtig, um so ein Gefühl zu entwickeln, wie man spieltaktische Inhalte am effektivsten an den Mann bringt?

Ja, er hat schon ganz spezielle Trainingsformen mit einfließen lassen. Wie trainierst du eine Viererkette? Wie wird sie überhaupt gespielt? Da war er seiner Zeit sicher etwas voraus.

Gab es in Ihrer Trainerkarriere ein Spiel mit Aha-Effekt? Also ein Spiel, bei dem Sie gemerkt haben: Ja, meine Sache geht auf, führt zum Erfolg?

Ja, da gab es natürlich ein paar Spiele. Wäre ja auch schlimm, wenn nicht. Relativ früh in meiner Trainerkarriere, als ich den VfB Stuttgart übernommen habe, gab es ein 6:0 gegen Werder Bremen. Da haben wir gespielt, wie ich es mir vorgestellt habe. Da ging es auf. Aber auch auf Schalke war das der Fall. Wir hatten da einen prima Punkteschnitt. Da müssen ja zwangsläufig Dinge funktioniert haben, die ich vorher angedacht hatte. Aber auch jetzt bei Union haben wir Spiele gehabt, wo die Mannschaft genau das umgesetzt hat, was wir wollten.

Ist das nicht der wesentliche Punkt, dass die Spieler über die Erfolge Vertrauen zum taktischen Geschick des Trainers gewinnen?

Für mich ist es als Trainer immer wichtig zu wissen, warum etwas klappt und warum nicht. Dass du belegen kannst, warum du gewonnen hast. Über Siege, die aus einer glücklichen Fügung entstanden sind, freue ich mich, na klar, aber richtig zufrieden bin ich nur, wenn ich weiß, warum wir gewonnen haben. Die schönsten Spiele sind für einen Trainer diejenigen, bei denen dein Konzept aufgeht. Speziell gegen Hannover war für mich so ein Spiel: Da haben wir den Gegner komplett aus dem Spiel genommen, haben ihn total dominiert, weil wir seine Schwächen erkannt und bespielt haben.

Was aber nutzt die Lehre, wenn man nicht die entsprechenden Spieler dafür hat?

Klar dauert es bei dem einen oder anderen ein bisschen länger. Aber das ist im Leben ja auch so. Ich denke aber schon, dass wir hier einige Spieler haben, die unsere Ideen schnell auf die Mannschaft übertragen können. Und mittlerweile verstehen es hoffentlich auch alle, was wir vorhaben. Was natürlich noch lange nicht heißt, dass es ein jeder auch entsprechend umsetzen kann.

Was ist eigentlich Ihr Ideal? Ein 4-3-3 oder ein 4-2-3-1? Oder kommt es immer auf den Gegner oder eben auf die Qualität des eigenen Kaders an?

Meine Philosophie ist, dass man als Trainer nicht zu einem Verein kommen kann und sagt: Ich will den und den und den. Oder: Ich will mit einer 10 spielen, obwohl die gar nicht im Kader ist. Nein, ich muss doch erst einmal schauen, was zu meinen Spielern passt. Darauf muss ich aufbauen. Bei einem wie José Mourinho oder einem wie Pep Guardiola ist das natürlich anders. Die kommen irgendwo hin und können Ansprüche stellen. Wenn man dieses Niveau erreicht hat, ist das schön. Ich würde aber auch gern mal sehen, was einer wie Guardiola aus – sagen wir mal – dem FC Schalke machen würde. Ob seine Philosophie da aufgeht? Ich weiß es nicht.

Haben Sie mal bei einem gegnerischen Trainer so ein Schlüsselerlebnis gehabt? So einen Moment, wo Sie sich gedacht haben: Wow, was lässt der spielen?

Es ist immer eine Frage der Qualität. Wenn ich Bayern München trainiere und ich spiel’ auf Ballbesitz – nun, die können es halt alle. Da springt kein Ball weg; da kann ich einen Spieler anspielen, der zwischen zwei Gegnern steht und eigentlich gedeckt ist. Kein Problem, der Spieler findet schon eine Lösung.

Bei Ihrem Vorgänger, Sascha Lewandowski, hat man gesehen, dass er die Union-Spieler mit seinen Ansprüchen teilweise überfordert hat. Muss man Spieler manchmal in Ruhe lassen?

Eine gesunde Mischung muss es sein. Zwischen Freude und Spaß, den Spieler mal laufen lassen und dann aber auch wieder korrigieren. Es soll Trainer geben, hab’ ich zumindest gehört, da gibt es vor und nach dem Training Videostunde. Das finden Spieler auch zwei Wochen lang bestimmt gut, aber nach sechs Wochen sind sie doch einfach nur noch genervt davon. Was nicht heißt, dass man die Spieler nicht immer wieder dazu bringen muss, dass sie gedanklich dabei sind.

Einige Spieler haben bei Union unter Ihrer Führung ja tatsächlich eine enorme Entwicklung genommen …

… wäre ja noch schöner, wenn das nicht der Fall wäre. Ich bin ja nicht hierher gekommen, damit alle auf dem gleichen Level bleiben.

Wie sieht eigentlich Ihr Idealverein aus? Ist das so ein VfB Stuttgart aus alten Tagen, mit einer prächtigen Nachwuchsarbeit und mit einer klaren Vorstellung, wie der Fußball über die Altersstufen hinweg aussehen soll?

Nein, gar nicht. Ich finde es gut, wenn Spieler im Nachwuchsbereich viele Einflüsse, also viele unterschiedliche Trainer haben. Wenn ein junger Spieler in der Jugend mit mehreren Spielideen konfrontiert wird, hat er es im Seniorenbereich leichter, sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Auf Schalke wird der Nachwuchs beispielsweise von Norbert Elgert bestens geschult, unabhängig vom Bundesligateam. Und mal ehrlich, was passiert denn, wenn ich als Cheftrainer nach einem Jahr wieder weg bin?

Dann müssten Sie das, was Rangnick bei RB Leipzig macht, eher skeptisch sehen. Die Jugendteams werden da nach klaren Maßgaben ausgebildet.

Es ist nicht meine Aufgabe, über Leipzig zu urteilen. Die machen eine gute Nachwuchsarbeit, sind erfolgreich, gar keine Frage, die Art und Weise ist aber gar nicht mein Ding. Ich hab’ da ein Spiel zwischen der U19 und der U23 bei RB beobachtet – das hat kaum noch etwas mit Jugendfußball zu tun. Schlimm zu sehen, wenn alle nur noch rennen und nur eine Idee haben: Balleroberung. So etwas hab’ ich wirklich noch nie gesehen. Das war wie im Tennis, nur noch hin und her. Und das auf einem Raum, der letztlich nur noch so groß war wie ein Tennisplatz.

Aber auch beim 1. FC Union geht es um Balleroberung, wie Sie bereits mehrmals betont haben.

Aber wir reden doch über Nachwuchsfußball. Da muss aus meiner Sicht immer noch das Fußballspielen im Mittelpunkt stehen.

Wie weit sind Sie beim 1. FC Union mit der Umsetzung Ihrer Spielidee?

Einer aus dem Klub hat mir gesagt, dass die Fans ihre Mannschaft gar nicht mehr wiedererkennen, weil plötzlich Fußball gespielt wird, weil eine Idee zu erkennen ist. Ein größeres Lob kann man für seine Arbeit eigentlich gar nicht bekommen. Aber sicher gibt es noch vieles zu verbessern, wir sind ja gerade mal fünf Monate hier.

Das Gespräch führte Markus Lotter.