Unions Torwart Rafal Gikiewicz hat beim Siegtreffer von Schalkes Suat Serdar keine Chance.
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GelsenkirchenKann sich einer an einen Bundesliganeuling erinnern, der sich nach wenigen Monaten so selbstverständlich durch die höchste deutsche Spielklasse bewegt wie der 1. FC Union im Herbst 2019? Okay, da war RB Leipzig in der Spielzeit 2016/17. Doch das zählt nicht, weil der Klub von Dietrich Mateschitz wegen Dietrich Mateschitz bei derartigen Vergleichen nicht zugelassen ist. Aber ansonsten? Tja, so leicht fällt einem da nichts ein.

Auch auf Schalke, einem Klub mit einem Jahresumsatz von 350 Millionen Euro, waren die Köpenicker am Freitagabend jedenfalls allemal ebenbürtig. Ja, im Nachhinein wussten die Spieler von Trainer Urs Fischer wohl selbst nicht so recht, warum sie nach 95 aufregenden Fußballminuten mit gesenkten Köpfen Richtung Kabine marschierten, 1:2 (1:1) verloren hatten, nach einer erneut überzeugenden Leistung. Der FC Schalke , bei dem Steven Steven Skrzybski wegen einer Magen-Darm-Erkrankung nicht im Kader stand, erweckte jedenfalls nur im Ansatz den Eindruck, den ein Top-Five-Klub in der Bundesliga eigentlich erwecken sollte. Auch ein Verdienst der Union-Profis, keine Frage.

Zu Abspielfehlern gezwungen

Was bei den Eisernen mit dem ersten Blick auf die Aufstellung ein bisschen defensiver aussah als beim 2:0 gegen Mönchengladbach, war jedenfalls genauso frech wie gegen Mönchengladbach. Mit Marius Bülter für Anthony Ujah und Robert Andrich für Felix Kroos in der Startformation setzten die Unioner die Schalker mit einem richtig guten Gespür für den richtigen Moment immer wieder unter Druck, zwangen die Knappen zu Fehlern. Zu Abspielfehler beispielsweise, wie bei Torhüter Alexander Nübel zu beobachten war, der in der vierten Minute schon mal auf Marcus Ingvartsen fehlpasste, der Däne aber etwas zu lange zögerte und von beim Schussversuch von Matija Nastasic geblockt wurde. Auch Schalkes Zentrumsspieler Omar Mascarell schlampte zwei Minuten später beim Aufbauspiel, aber Nübel war bei dem sich daraus resultierenden Abschluss von Bülter hellwach.

Fischers Union hat keine Angst, muss auch keine haben, weil Fischer aus den ersten Wochen in der Liga schnell gelernt und daraus für die Organisation der Abwehr die richtigen Schlüsse gezogen hat. Aber Schalke hat eben auch Qualität, die sich manchmal nicht verteidigen lässt. In Gestalt von Benito Raman beispielsweise, der in der 23. Minute nach einer blitzgescheiten Kopfballablage von Ozan Kabak mit einem mustergültigen Vollspannstoß aus 16 Metern den Ball zum 1:0 für die Gastgeber ins Tor jagte. Union-Keeper Rafal Gikiewicz war machtlos, Schalke-Boss Clemens Tönnies, der nach seiner Auszeit infolge eines Rassismus-Skandals erstmals wieder im Stadion war, durfte hingegen jubeln.

Wer nun dachte, der Treffer muss beim Aufsteiger doch Wirkung zeigen, sah sich getäuscht. Schon sechs Minuten nach dem Schalker Führungstreffer zwang Sebastian Andersson den Schalker Nübel zu einer Parade, in der sich die Klasse dieses Torhüters widerspiegelte. Aus dieser Phase der Dominanz kam der 1. FC Union immer wieder in aussichtsreiche Feldpositionen. So wie in der 36. Minute, als Andrich in den Strafraum zog, Nastasic in einen Zweikampf verwickelte, aus dem Andrich als Gefoulter und Nastasic als Foulspieler hervorging. Zu dieser Überzeugung war zumindest Schiedsrichter Daniel Schlager gekommen. Der Referee entschied auf Strafstoß, was auch Videoschiedsrichter Deniz Aytekin durch sein Nichteingreifen bestätigte. Zurecht brachten die Schalker Profis ihre Zweifel vor, lamentierten, während Ingvartsen seinen Teamkollegen Andersson von der Absicht, den Elfmeter schießen zu wollen, abbrachte. Ingvartsen ließ sich von der Aufregung jedenfalls nicht beeinflussen, verwandelte sicher zum 1:1.

Nach dem Seitenwechsel gewann die Partie noch mehr an Rasse. Was wohl an der Halbzeitansprache von Schalkes Trainer David Wagner gelegen haben könnte. Sein Team war nun nämlich weitaus aggressiver, gewann vor allem im Mittelfeld jetzt ein paar Zweikämpfe, aus denen sich Tempoangriffe entwickeln ließen.

Subotic patzt bei der Annahme

Aber Union hat eben einen Torhüter, der sich gern mal in so ein Spiel hineinsteigert, ja bei so einer tollen Kulisse heißlaufen kann. Ob in der 51. Minute, als er beim Rauslaufen den Winkel gegen Raman verkürzte. Ob in der 59. Minute, als Raman es erneut mit einem harten Schuss von der Strafraumgrenze versuchte, er aber die Fäuste an den Ball brachte. Ob in der 73. Minute, als er gegen Amine Harit Kopf und Kragen riskierte. Gikiewicz war immer da, schien unüberwindbar zu sein. Dann aber unterlief dem bis dahin unfehlbaren Neven Subotic bei der Ballannahme in der 86. Minute ein klitzekleiner Fehler, der aus Sicht der Eisernen leider der spielentscheidende war. Die Schalker spielten nämlich mit schnellen Pässen Suat Serdar frei, der vor Gikiewicz die Nerven behielt und das 2:1 schoss (86.).