Union vor Spiel gegen Ingolstadt: Zwischen Sprungbrett und Betonklotz

In dieser Woche schallten Jubelschreie durch den Wald an der Alten Försterei. Immer dann, wenn auf dem Trainingsplatz des 1. FC Union drei Männer mit gelben Leibchen Liegestützen machten. Die Oberarmertüchtigung war die Strafe dafür, dass sie es nicht geschafft hatten, den Ball zu erobern. Aber eigentlich ging es bei dieser Übung viel mehr um die Jubelnden und deren Hochgefühl, dass ihre Passstafetten von dem Störtrio nicht zu unterbrechen waren.

Es muss derzeit alles sehr schnell gehen bei den Eisernen. Bei der Niederlage gegen Dynamo Dresden war ja der Verdacht aufgekommen, dass Unions neuer Trainer André Hofschneider nur die Defensive im Blick habe. Kompaktes Verteidigen in der eigenen Hälfte, der Fokus gerichtet auf Zweikämpfe. So hatte es auf dem Platz ausgesehen, so erzählten es die Spieler hinterher. Doch soll das − der Kürze der Vorbereitungszeit geschuldet − nur der erste Entwicklungsschritt in Richtung Hofschneider-Fußball gewesen sein.

Nach der einigermaßen erfolgreichen Stabilisierung der Abwehr muss die Mannschaft schon am Freitag gegen den FC Ingolstadt (18.30 Uhr) den zweiten, weitaus schwierigeren Schritt machen, damit der Anschluss an die Aufstiegsplätze mit Beginn der Winterpause nicht vollends verloren geht. „Wir haben im Training mehr investiert in den Teil, der Fußball ausmacht: mit Ball“, sagt Hofschneider.

Dominanz statt Überfall

Fragen nach Philosophie und Taktik hat der 47 Jahre alte Fußballlehrer vor einer Woche bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als zu hochtrabend abgetan. Doch nun in seiner zweiten Arbeitswoche, gibt es erste Hinweise, welche Idee er hat. Eisern Union − das soll gerade im heimischen Stadion nicht Überfall bedeuten, sondern Dominanz.

Das aggressive Stören des gegnerischen Spielaufbaus, das unter Jens Keller mit dem Ziel früher Ballgewinne und kurzer Wege zum Tor praktiziert worden war, schaffte Hofschneider mit einer seiner ersten Amtshandlungen ab. Die Gespräche mit den Spielern hätten gezeigt, dass nicht alle „totales Vertrauen“ in diese Spielweise hatten.

Und das Problem an der Pressing-Arbeit ist nachweislich der vielen Gegentore, die Union zuletzt kassierte: „Wenn zwei oder drei nicht mitmachen, dann patzt du“, sagt Hofschneider.

Problematisch war gegen Dresden, dass kein alternativer Offensivplan zu erkennen war. Das Umstellen vom 4-1-4-1 in die 4-3-3-Angriffsformation gelang nicht, weil in den Köpfen der Spieler wohl die Ansage nachhallte, das die defensive Absicherung höchste Priorität habe. Diese gedankliche Fixierung war Teil eins des Problems. Teil zwei: Es ist in den eineinhalb Jahren unter Jens Keller kein ausgefeilter Alternativplan erarbeitet worden, für den Fall, dass die Pressingmethode nicht funktioniert.

Klarer Auftrag an die Spieler

Die Eindimensionalität will Hofschneider möglichst schnell beenden. „Beides hat seine Berechtigung. Wenn der direkte Weg zum Tor möglich ist, wollen wir den sehen“, sagt er. „Aber wenn der Gegner in einer guten Absicherung steht, muss ich akzeptieren, dass Ballbesitz in dem Moment wichtiger ist, als den Ball mit 20 oder 30 prozentiger Chance auf die Reise zu schicken.“ Der Auftrag an seine Spieler ist daher klar: „Wir müssen insgesamt mehr Ruhe in unser Spiel bringen.“

Übrigens hat Hofschneider nicht nur in taktischen Dingen tiefgestapelt, als er vor einer Woche erstmals einen Einblick in sein Denken gegeben hatte. Er hat sehr wohl philosophischen Esprit. Dass für ihn das nächste Spiel das wichtigste sei, klingt fad. Scharfsichtig hingegen ist die Begründung: „Alles was danach kommt, ist ein Stück weit davon abhängig, was wir jetzt als nächstes machen.“

Die Partie gegen den FC Ingolstadt, der in einem ähnlichen Schwebezustand wie Union ist, steht in diesem Sinne nicht für sich alleine. Sie kann zu einem Sprungbrett in ein frohes neues Jahr werden oder zu einem Betonklotz, der die Eisernen in der Tabelle nach unten ziehen wird.

Und diesbezüglich hat der neue Union-Coach noch ein paar grundlegende Überlegungen angestellt, die der gängigen Theorie zum Zusammenhang von Erfolg und Selbstvertrauen widersprechen: „Wenn man fünf Siege hintereinander feiert, hat man einen Lauf. Da braucht man kein Selbstvertrauen“, sagt er.

Darunter versteht er das Wissen eines Spielers, auf was er sich verlassen kann. Die Hofschneider-These, die gegen Ingolstadt tunlichst verifiziert werden sollte, lautet mithin: „Selbstvertrauen erarbeitet man sich für schlechte Phasen.“ Im Training. Mit jedem erfolgreichen Pass. Der Jubel lässt hoffen. Gewissheit gibt er nicht.