Sepp Herberger wurde nach dem WM-Triumph von 1954 auf Händen getragen. 
Foto: Imago Images/Werek

BerlinJeder hat den Spruch schon mal gehört und er sagt sich auch ganz leicht hin: Wer Weltmeister werden will, muss jeden Gegner schlagen. Kleine Einschränkung: zumindest in den Spielen, in denen es um etwas geht. Um das zu verdeutlichen, krame ich ganz tief in der Schatzkiste der Fußball-Psychologie und lege mich sozusagen bei Sepp Herberger, dem Weltmeistermacher von 1954, auf die Couch.

Nicht alles hat „der Chef“, wie ihn selbst sein Lieblingsspieler Fritz Walter, der Kapitän beim „Wunder von Bern“, genannt hat, richtig gemacht. Für manche Ansagen würden sie ihm heute schlichtweg einen Vogel zeigen. Zum Beispiel für die, möglichst wenig Wasser zu trinken, weil Flüssigkeit den Kreislauf und damit das Herz sinnloserweise belaste.

Es geht bei Union um Fußball-Psychologie

Doch es geht ja nicht um Wasser, sondern um Psychologie. Die hat der alte Herr viel besser verstanden und die anderen damit aufs Glatteis geführt. Die Ungarn nämlich, die seinerzeit unschlagbaren Magyaren um ihren Superstar Ferenc Puskas. Weil es der Modus so wollte und Deutschland bereits im Gruppenspiel auf den WM-Topfavoriten traf, warf Herberger dem Gegner eine B-Elf regelrecht zum Fraß vor. Das 3:8 ist eines von 31 Spielen in Folge, in denen die Puszta-Zauberer vor dem WM-Finale vier Jahre ungeschlagen geblieben waren – und nach dem legendären 3:2-Triumph der deutschen „Helden von Bern“ nochmals zwei Jahre blieben.

Was nur hat das mit dem 1. FC Union zu tun und dem strengen Plan, als Bundesliganeuling die Klasse zu halten? Denn Weltmeister, so viel ist sicher, wollen und können die Eisernen nicht werden. Den Gegner mit einer B-Elf überraschen, wäre zudem ziemlich bescheuert. Trotzdem könnten sich die Männer aus der Wuhlheide an den alten Herberger Sepp erinnern und an seine Sicht der Dinge. Für den war zwar auch wichtig auf dem Platz, enorm wichtig, manchmal aber noch wichtiger, gegen wen es da ging und zu welchem Zeitpunkt.

Gegen Augsburg zählt nur ein Sieg

Logischerweise ist eine Punkterunde kein WM-Turnier. Also zählen, ob im Rennen um den Titel oder im Kampf gegen den Abstieg, jeder Sieg und jedes Unentschieden. Erst einmal auch gegen jeden Gegner. Und doch gibt es da den nicht ganz so winzigen Unterschied, der mit einem Sechs-Punkte-Spiel beschrieben wird. Mathematisch ist das keineswegs exakt, wenigstens vom Gefühl her aber wird das der Sache doch irgendwie gerecht. Die einfache Überlegung: Wenn ich einen Gegner, der sich mit mir auf Augenhöhe wähnt, bezwinge, kann der zumindest im Spiel gegen mich nichts holen, fertig!

Foto: Berliner Zeitung
Union Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Damit wäre ich bei Augsburg. Das wird alles andere als eine Puppenkiste, dabei ist gerade das ein Spiel, das sich sozusagen von selbst erklärt. Ein Sechs-Punkte-Spiel halt. Gewinnen heißt, den Gegner bei Punktgleichheit zu überholen. Der hat in der Tordifferenz zwar derzeit ein Plus von einem Treffer, die würde sich aber mit jedem mehr erzielten Tor zweifach zu Gunsten der Eisernen verschieben. Die Tore in solch einem Spiel zählen in der Tat doppelt, klar, weil sie hier auf der Plus- und dort gleichzeitig auf der Minusseite fallen. Also würde bereits ein 1:0 genügen, um die bayerischen Schwaben zu überflügeln.

Das wäre sicherlich ganz nach dem Geschmack von Herberger. Nach dem von Trainer Urs Fischer auch und erst recht nach dem von Kapitän Christopher Trimmel und seinen Mitspielern. Ein 3:2 wie damals in Bern würde es auch machen. Es muss ja nicht wie dort unbedingt nach einem 0:2-Rückstand gelingen.