Die Freude über den Sieg in Dresden war getrübt. Das war Union-Präsident Dirk Zingler anzusehen, als er nach dem 1:0 mit hängenden Schultern in die Kabine schritt. Zum einen hatte es den großen Gefühlsausbruch nach den Erfolgen gegen St. Pauli und Bochum gegeben, da war die Partie bei Dynamo nur eine nette Zugabe.

Zum anderen wusste Zingler zum Zeitpunkt seiner Katakombenwanderung natürlich schon, dass er einen sehr unerfreulichen Tag vor sich haben würde: Am nächsten Tag entband er Cheftrainer André Hofschneider, Manager Helmut Schulte und den Geschäftsführer Lutz Munack von ihren Aufgaben.

Sämtliche Ziele verfehlt

„Was die menschliche Komponente des Profifußballs angeht, ist das ein Tag, der zum Kotzen ist“, sagte er nach getaner Pflicht. „Personalentscheidungen zu treffen über Menschen, mit denen man jahrelang zusammenarbeitet und das Wochenende verbringt, sie unterstützt, um erfolgreich zu sein, ist nichts, was Spaß macht. Aber als Präsident kann man sich das nicht aussuchen.“

Der Umbau der Abteilung Profisport im 1. FC Union ist der radikalste seit dem Ende der Ära Uwe Neuhaus. Er wurde nötig, weil der Verein zwar einerseits in den Bereichen Nachwuchs (Bundesligaverbleib von U17 und U19), Frauenfußball (Meister in der Regionalliga Nordost), Mitglieder (deutliches Plus) sowie Stadionauslastung, Sponsoring und Merchandising (jeweils gestiegen) eine gute Entwicklung genommen hat, andererseits im Kernbereich, dem Profifußball, aber sämtliche Ziele verfehlte.

Betreuung der U19

Statt um den Aufstieg spielte die Mannschaft gegen den Abstieg, und auch die Entwicklung eines neuen Spielstils, der als Grundlage für einen neuen Versuch in der kommenden Saison dienen sollte, ist gescheitert. Deshalb wird man mit einem neuen Cheftrainer in die kommende Saison gehen. Hofschneider, der die Mannschaft auf Platz vier liegend im Dezember übernommen hatte und in den Abstiegskampf führte, werde dem Verein als Trainer „in einem anderen Bereich erhalten bleiben“, teilte Union mit.

Vor seiner Ernennung zum Cheftrainer hatte er die U19 betreut. Er wird bei den drei Freundschaftsspielen in Neubrandenburg, bei Tasmania und Türkiyemspor in dieser Woche noch an der Seitenlinie stehen. Ein Nachfolger steht noch nicht fest, da in seine Auswahl der neue Geschäftsführer des Bereichs Profifußball einbezogen wird.

Schulte verlässt den Verein

In der Außenwirkung ist der neuerliche Trainertausch zwar die offensichtlichste, strukturell jedoch nicht die wichtigste Veränderung, die Zingler am Montag verkündete. „Wenn Zielvorgaben nicht erreicht werden, machen wir uns Gedanken“, sagte er. Und: „Wir sind am Ende zur Überzeugung gekommen, dass im Bereich Profifußball ein neuer Impuls notwendig ist.“

Daher wird Helmut Schulte den Verein mit sofortiger Wirkung verlassen. Er war im Februar 2016 als Leiter der Lizenzspielerabteilung für die Kaderplanung zuständig. „Es hat mich gefreut für diesen besonderen Verein arbeiten zu dürfen. Nach zwei derart unterschiedlichen Spielzeiten halte ich den Zeitpunkt für einen neuen Impuls für absolut richtig“, kommentierte Schulte seinen Abschied.

Braunschweig als Warnung

Der Posten wird in dieser Form nicht mehr besetzt. Dafür übernimmt ein Geschäftsführer Profifußball die Führung des Trainer- und Funktionsteams, Scouting und Kaderplanung und gleichzeitig die die Profiabteilung betreffenden Aufgaben von Munack, der als Geschäftsführer Sport für alle Fußballabteilungen verantwortlich war. Er verbleibt im Präsidium, wird sich fortan als Geschäftsführer ausschließlich um den Bereich Nachwuchs- und Amateurfußball kümmern. Der neue starke Mann im Bereich Sport wird schon am Dienstag vorgestellt.

Damit kehrt der Klub eine Entwicklung um, die in der Ära Uwe Neuhaus (2007 bis 2014) im Zuge der Professionalisierung begonnen wurde. Zu deren Beginn fielen Entscheidungen in trauter Zweisamkeit. „Auf der Couch“, erinnert sich Zingler an den kurzen Kommunikationsweg zwischen dem sportlich allverantwortlichen Trainer und Präsidenten. Seither wurden weitere Personen zwischengeschaltet.

Wenig Zeit zwischen Aufstieg und Absturz

Zuletzt waren es vier Ebenen: Trainer, Lizenzspieler-Chef, Sportchef, Präsident. „Dadurch sind wir unklarer und langsamer geworden“, erklärte Zingler, warum die Struktur nun abgeflacht wurde. „Flacher heißt direkter“, sagt Zingler. „Ich werde näher ranrutschen.“ Die Saisonschlussphase war in dieser Hinsicht für ihn sehr erkenntnisreich. Angesichts des drohenden Abstiegs hatte er in den vergangenen fünf Wochen stets im Mannschaftsbus gesessen.

Überhaupt sei im Nachhinein diese Saison ein sehr lehrreicher Entwicklungsschritt gewesen: „Sich mit Mittelmäßigkeit zufriedenzugeben hat in einem Profiverein nichts zu suchen und wird immer gefährlicher“, sagte Zingler. Denn wie wenig Zeit zwischen Fastaufstieg in die Bundesliga und Absturz in die Drittklassigkeit liegen kann, zeigt das Beispiel Eintracht Braunschweig.