Ein breites Grinsen blitzte im Gesicht von Christian Gentner auf. Der Profifußballer des 1. FC Union war nach verrichteter Vormittagsarbeit gerade auf dem Weg in die Kabine, als ihn eine dreiköpfige Familie – Mutter, Vater, Kind – vom Rande des Trainingsplatzes heranwinkte. Gentner trug das Ballnetz über die linke Schulter (ja, auch erfahrene Akteure müssen bei den Eisernen anpacken), blickte hinauf zur Balustrade und war überrascht. „Ach was, seid ihr extra hier hochgefahren?“, fragte Gentner verdutzt. „Wie schön.“

Der Teenager, der sich kurz zuvor noch ein Union-Trikot mit Gentner-Flock gekauft hatte, ließ sich das Jersey unterschreiben und überreichte dem kürzlich 34 Jahre alt gewordenen Profi als nachträgliches Geschenk einen Marmorkuchen. „Die Drei sind große VfB-Fans und verfolgen meinen Weg schon lange“, sagte Gentner, der nach dem Abstieg mit dem VfB Stuttgart nach Köpenick ging. „Von der Kleinen bekomme ich immer einen selbstgebackenen Kuchen zum Geburtstag. Es ist schön, wenn man so treue Fans hat.“

Entscheidung des Trainers

Die süße Aufmunterung hatte Gentner nach der 0:4-Pleite zum Auftakt gegen RB Leipzig auch nötig. Nicht nur, dass sein neuer Klub mit einer deftigen Abreibung in die Premierensaison gestartet war. Der mit nunmehr 378 Bundesligaspielen erfahrenste aller Unioner wurde vom Trainer auch noch zur Pause ausgewechselt. Anthony Ujah ersetzte ihn. Mit dieser Änderung überraschte Urs Fischer. Der Schweizer wehrte sich gegen die hinterher aufgekommene Kritik: „Wenn ich das so sehe, dann entscheide ich auch so. Da spielen Alter oder Erfahrung keine Rolle. Und ich denke, dass ich mich da nicht rechtfertigen muss.“

Gentner selbst nahm Fischers Entschluss sportlich. Das sei eine Entscheidung, die er freilich akzeptiere. „Der Trainer wollte das System auf zwei Spitzen umstellen und hatte dann mich auf der offensivsten Position im Mittelfeld rausgenommen. Das ist nichts, was mir Kopfzerbrechen bereitet.“

Schnell abhaken

Den verpatzten Heimauftakt will Gentner nun schnell abhaken. In diesen Tagen ist er auch als Krisenmanager gefragt. „So wollten wir nicht in die Saison starten“, sagt er. „Wir dürfen jetzt aber nicht alles in Frage stellen. Wir haben die Möglichkeit, zu zeigen, dass wir es anders können.“ Dinge intern ansprechen, als Mutmacher auftreten – das zählt Gentner, immerhin zweifacher Deutscher Meister mit Stuttgart und Wolfsburg, auch zu seinen teaminternen Aufgaben.

„Wir haben uns nach dem Leipzig-Spiel ausgetauscht, gerade mit den jüngeren Kollegen.“ Zwar sei die Heimpleite „im ersten Moment ein richtiger Nackenschlag“ gewesen. „Mit ein paar Tagen Abstand ist es ein Warnschuss. Uns wurde eklatant aufgezeigt, dass Fehler brutal bestraft werden“, analysierte der frühere Nationalspieler. Er verwies auch darauf, dass sich die Mannschaft noch in der Anfangsphase der Saison befinde und der nächste Gegner FC Augsburg am Sonnabend (15.30 Uhr) eher auf Augenhöhe der Berliner sei.

Duell mit einem guten Freund

Die Fuggerstädter stecken schon nach dem ersten Spieltag in der Krise. Die Pleiten in der Liga gegen Borussia Dortmund (1:5) und im Pokal gegen Viertligist Verl (1:2) stecken in den Köpfen der Spieler. Demnach reagierten die Verantwortlichen kurzerhand auf dem Transfermarkt. Der WM-Zweite Tin Jedvaj, 23, der auf Leihbasis aus Leverkusen gekommen ist, und der zuletzt vereinslose Stephan Lichtsteiner, 35, einst immerhin für Lazio Rom, Juventus Turin und den FC Arsenal aktiv, sollen die zuletzt maßlos überforderte Abwehr stabilisieren. „Sie haben zwei erfahrene Neuzugänge geholt“, sagt Gentner anerkennend. „Das wird sicherlich eine unbequeme Aufgabe.“

Bei den Augsburgern spielt mit Daniel Baier ein „sehr guter Freund“ von Gentner. Gestern erst haben die beiden wieder miteinander telefoniert und sich ausgetauscht. Gentner und der ein Jahr ältere Baier, der Kapitän des FCA, feierten 2008/2009 die Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg. Ein Pokal in Felgenform, der Zuhause bei den Gentners in Stuttgart im Fußballkeller steht, erinnert an die gemeinsame Zeit.

Daniel Baier sagt indes: „Mit meinem Kumpel Christian hat sich Union gut verstärkt. Sie haben die Euphorie des Aufstiegs im Rücken. Ich traue ihnen den Klassenerhalt zu.“

Aufgabe der älteren Spieler

In Neven Subotic, 30, und eben jenem Gentner hat sich der 1. FC Union kurzerhand Erfahrung eingekauft. Der FC Augsburg hat mit Baier und Lichtsteiner nicht weniger Routine im Team. „Ich glaube schon“, sagt Gentner, „dass Erfahrung wichtig ist. In der Bundesliga spielst du vor einer ganz anderen Kulisse, der Fokus ist größer, die mentale Herausforderung riesig. Das Ganze vermitteln zu können, ist natürlich auch Aufgabe von uns älteren Spielern.“

Gentner, der Krisenmanager, agierte nach dem Training auch als Sozialpädagoge. Sein Geschenk teilte er uneigennützig mit der Mannschaft. „Der Kuchen“, verriet er, „kam in der Kabine ganz gut an.“