Es war eine Situation, die symbolisch für die historische Saison der Köpenicker steht: Nach dem 3:0 des 1. FC Union am vergangenen Sonntag im Stadion an der Alten Försterei, der Magdeburg zurück in die Dritte Liga beförderte und den Köpenickern mindestens Relegationsplatz drei sicherte, standen die Trainer wie gewohnt den Journalisten Rede und Antwort. Auf der einen Seite schaute Magdeburgs Michael Oenning verständlicherweise geknickt aus der Wäsche, Unions Trainer Urs Fischer wirkte hingegen gelöst, nachdem die schon jetzt beste Union-Saison Gewissheit war. Auch Sportchef Oliver Ruhnert war bei dieser Pressekonferenz anwesend, er lauschte den Worten der beiden regungslos in einer hinteren Ecke des Presseraumes, nickte gelegentlich und nahm still die Stimmung auf, die nach dem Heimsieg so einige Knoten gelöst hatte. Worte verlor er allerdings keine in diesem vom Druck befreiten Moment.

Experimentelle Machtverhältnisse

Genau das spiegelt die Rolle Ruhnerts im Verein wider. Während der Schweizer Trainer stets an vorderster Front dem Lob und der Kritik von Fans und Journalisten stellte, war es doch Unions Sportchef Ruhnert, der als stiller Macher im Hintergrund genauso viel Anteil am Erfolg der Eisernen trägt wie Spieler und Trainerteam.

Und das, obwohl so manche Experten zu Saisonbeginn noch kritisch angemerkt hatten, dass der von Ruhnert zusammengestellte Kader von zwischenzeitlich 28 Spielern viel zu groß sei und es zwangsläufig zu Rangeleien um die so wertvolle Spielzeit kommen werde.

Doch Ruhnert behielt mit seiner Einschätzung, dass ein so großer Kader gerade richtig sei, Recht. Besonders die starke Bank wurde in vielen Spielen zum Trumpf für die Eisernen. Zudem waren fast alle elf Neuzugänge des Sportchefs Volltreffer. Nur Winterzugang Carlos Mané floppte, mit Torwart Rafal Gikiewicz, Abwehrchef Florian Hübner, Mittelfeld-Terrier Manuel Schmiedebach oder Torjäger Sebastian Andersson verpflichtete Ruhnert hingegen echte Leistungsträger und strich dabei für Union noch ein Transferplus von fast 4,5 Millionen Euro ein.

Dabei ist es schon kurios, das Ruhnert seine Erfolgsgeschichte als Sportchef ausgerechnet bei den Köpenickern schreibt, die bis zu seinem Amtsantritt im Mai 2018 selbst gar nicht so richtig zu wissen schienen, wie denn nun die Machtverhältnisse bei Kaderplanung und Management am besten verteilt werden sollten.

Als Union vor zehn Jahren aus der Dritten Liga aufstieg, hieß der Sportdirektor noch Christian Beeck, der zum einen die Spielerwünsche des gleichberechtigten Trainers Uwe Neuhaus erfüllen sollte, zum anderen die Schuld über sportlichen Misserfolg dann ebenso bei Neuhaus suchte. Als der Streit zwischen den beiden 2011 eskalierte, verpflichtete Union den gut vernetzten Nico Schäfer als Beeck-Ersatz und Bessermacher, der allerdings als Leiter der Lizenzspielerabteilung Verhandlungen mit Spielern und Beratern führen, Transfers aber nicht entscheiden durfte. Das blieb Sportchef Lutz Munack vorbehalten und änderte sich auch unter Helmut Schulte, der ab 2016 neuer Leiter der Lizenzspielerabteilung war, nur marginal.

Munack, enger Verbündeter von Präsident Dirk Zingler, fällte die Entscheidungen bis zum vergangenen Sommer, ehe Union nach einer höchst enttäuschenden Saison im Abstiegskampf Munack in den Jugendbereich degradierte und Schulte verabschiedete.

Nun schlug die Stunde Ruhnerts, der erst ein Jahr zuvor als Chefscout vom FC Schalke 04 verpflichtet worden war. Beeindruckt von der Charakterstärke des 46-Jährigen ging Zingler das lange gescheute Risiko nun doch ein und machte Ruhnert zum Alleinverantwortlichen auf dem Sportdirektorposten. Eine Entscheidung, die sich noch als Schlüsselmoment in der rot-weißen Historie herausstellen könnte.

Riesiger Kaderumbruch

Denn Ruhnert verpflichtete in seiner ersten Amtshandlungen mit Urs Fischer einen Trainer, von dessen Philosophie er ebenso überzeugt war wie wiederum Fischer vom Umfeld und dem Spirit an der Alten Försterei. Beide, Ruhnert mit seinen Scouting-Kenntnissen und Fischer mit seinem Taktikverständnis, vollzogen den wohl größten Köpenicker Kaderumbruch des letzten Jahrzehnts und arbeiteten akribisch am ganz großen Traum.

Dabei umgibt den Sportchef, trotz großer Verantwortung immer die Aura des ehrlichen Malochers. Als man ihn in Sandhausen versteckt auf der Tribüne kauern sah, erklärte er: „Ich setze mich bei Spielen gerne da hin, wo ich fluchen kann. Ich fluche halt gerne beim Fußball.“ Damit kann sich jeder Unioner identifizieren. Ebenso mit der Bodenständigkeit, die Ruhnert ausmacht. „Man sollte auch wissen, dass man auf dem Weg nach oben vielen Leuten begegnet, die einem auf dem Weg nach unten wieder entgegenkommen können“, sagte er mal in der Hinrunde. Und tröstete am Sonntag nach der Pressekonferenz dann ganz selbstverständlich Magdeburgs Abstiegstrainer Oenning.