Am Mittwoch musste Emanuel Pogatetz zum Arzt. Das ist erstaunlich für einen Mann, dem nachgesagt wird, dass er einen Löwen zwei Wochen im Schwitzkasten gehalten habe und dass er Herr über Raum und Zeit sei. Wo Pogatetz ist, so heißt es, springt der Kalender vom 31. März direkt auf den 2. April. Denn niemand, wirklich niemand macht Witze über den „Mad Dog“. Verrückter Hund, diesen Namen bekam der Innenverteidiger von den Fans des FC Middlesbrough verliehen, und sie dichteten gleich eine Menge Legenden dazu. Und jetzt das: Medizincheck. Wie jeder Fußballer, der den Verein wechselt.

Pogatetz war also nicht dabei, als die Spieler des 1. FC Union zum ersten Training nach der Pause durch den Schnee stapften. Am Zaun schüttelte Präsident Dirk Zingler jedem Ankömmling die Hand und wünschte ein frohes neues Jahr. Dass sich der Wunsch erfüllt, dazu soll Pogatetz beitragen, die Entscheider im Verein sind überzeugt: Dieser Typ kann der Mannschaft sofort − vor allem auf diese Unmittelbarkeit kommt es ihnen an − helfen. Bis zur Winterpause kassierte Union viele Treffer per Kopf und nach Standards. „Emanuel ist sehr zweikampfstark und kopfballstark und hat Leaderqualität“, sagte Trainer Sascha Lewandowski, „da passt er ideal ins Profil.“

Schönheim war nicht die Lösung der Defensivprobleme

Es gab eine Zeit – und sie ist noch gar nicht lange her − da glaubte man in Köpenick, die Wunderwaffe für die Zukunft gefunden zu haben. Im August 2014 wurde der Vertrag mit Abwehrspieler Fabian Schönheim vorzeitig bis 2019 verlängert. Aber die Zahl der Gegentore nahm nicht ab, die Probleme wurden größer – Lewandowski übernahm den Chefposten von Norbert Düwel. Zuletzt war Schönheim verletzt, jetzt trainiert er wieder mit dem Team. Aber dass er die Person ist, die die Zahl der Gegentore entscheidend reduziert, glaubt der Coach nicht. „Fabian ist ein sehr guter Aufbauspieler, aber in Sachen defensiver Zweikampfführung, Kopfballduelle, Bissigkeit sieht es nicht so aus, als ob er der Fels in der Brandung ist“, sagte Lewandowski vor Weihnachten.

Fels in der Brandung? Das muss sich für Pogatetz wie ein Witz anhören. Schließlich floh der Ur-Ozean einst vor ihm und ließ die Alpen zurück. So einem fällt es leicht, die Torflut zu stoppen. Als sich der Österreicher 2010 Hannover 96 anschloss, sank die Zahl der Gegentreffer gegenüber der Vorsaison von 67 auf 45. Dass er dies eigenmächtig zu verantworten hat, steht wohl außer Frage. 110 Spiele in der Premier League hatte der 61-malige Nationalspieler zuvor zwischen 2005 und 2010 für den FC Middlesbrough absolviert und die Fans mit seiner rustikalen Herangehensweise begeistert. Als im Oktober 2008 Pogatetz im Spiel gegen Bolton mit blutüberströmten Gesicht auf dem Feld stand, steigerten sich die hymnischen Parabeln ins Unermessliche. Wenn Pogatetz in die Sonne starre, verstecke die sich und stürze das gesamte Universum in totale Finsternis. „Kapitän von Middlesbrough zu sein, ist die größte Ehre“, sagte er damals. „Die zweitgrößte: dass so eine verrückte und wunderbare Comedy über mich geschrieben wurde.“

Leistungsbezogene Option

Der 1,91-Meter-Hüne, ist für seine harte Vorgehensweise berüchtigt. Vor seinem Wechsel in den Nordosten von England war er für ein Foul mit Beinbruchfolge im letzten Spiel für Spartak Moskau zunächst für ein halbes Jahr gesperrt worden. Dabei handelte es sich jedoch wohl auch um eine Racheaktion des russischen Vereins, der den Spieler lieber nicht an Middlesbrough verloren hätte. Weil sich Pogatetz für den Verletzten einsetzte, wurde die Sperre später auf sechs Wochen reduziert. Die Frage ist nur: Was kann er noch leisten? Am 16. Januar wird er 33 Jahre alt. Auch Mario Eggimann kam im Alter von 32 zu Union. In der karriereübergreifenden Pausenliste aufgrund von Verletzungen liegen beide mit über 300 Pausentagen fast gleich auf.

„Er will hier richtig anpacken und ist uns sehr entgegengekommen“, sagte Lewandowski, auch finanziell. „Wir haben eine Regelung gefunden, die für uns als Verein nahezu ohne Risiko ist.“ Er erhält einen Vertrag bis Saisonende mit stark leistungsbezogener Option auf ein weiteres Jahr.

Seit ihn Eggimann 2012 in Hannover verdrängte, ist die Karriere von Pogatetz ins Stocken geraten. Mit Nürnberg stieg er aus der Bundesliga ab. Er ging dann in die USA, wo Taktik wenig zählt und durch Athletik wettgemacht wird. Damit bewies er, dass er mindestens so viel Humor hat, wie seine Fans in England. Schließlich hatte der Österreicher seinen Nationaltrainer Josef Hickersberger 2008 dafür verantwortlich gemacht, dass fast alle in der Nationalmannschaft um drei Klassen schlechter spielten, weil man ohne taktische Vorgaben ins Spiel gehe. „Wie ein Schüler, der für eine Schularbeit nichts gelernt hat.“