Manchmal sind es ganz kleine Dinge, die Großes in Gang setzen können. Oder gefährden. In diesem Fall geht es hier um ein etwa 20 Millimeter großes Etwas, das unter dem Namen Vespula vulgaris daherkommt und dessen Stich sehr schmerzhaft ist. Davon konnte sich Unions Neuerwerbung unter den Torhütern, der 1,90 Meter große Rafal Gikiewicz, am Wochenende selbst überzeugen. Weil dieser gelbschwarze Zeitgenosse einen Finger an der rechten Hand des früheren Freiburgers malträtierte, stand kurzzeitig die Befürchtung im Raum, dass der Blondschopf im Konkurrenzkampf mit Jakob Busk kürzertreten müsste. Zumindest für ein paar Tage.

Eine Befürchtung, die sich nicht bewahrheitete, wie der polnische Meister von 2012 am Tag danach erklären konnte. „Alles okay!“ Sofortiges Eisspray und Ruhe hatten dem Finger gutgetan. Und Gikiewicz konnte weiter seiner Arbeit mit all der Routine nachgehen, die man sich als 30-Jähriger Torwart dann eben schon erworben hat.

Wie der Vater so der Sohn

Dass er übrigens heute das Gehäuse hütet und nicht wie sein Zwillingsbruder Lukasz das Gegenteil versucht, nämlich Tore zu erzielen, war ihm nicht zwingend in die Wiege gelegt worden. In seiner Jugend tummelte er sich nämlich bis zum Alter von zwölf Jahren mit seinem Bruder im Feld, ehe auf einer Turnierreise ein Torwart erkrankte und Rafal sich dafür entschied, sich zwischen die Pfosten zu stellen. Seine Sache dort machte er offenbar so gut, dass sein weiterer Karriereweg vorgezeichnet war.

Duplizität der Ereignisse – seinem ältesten Sproß Pjotr könnte es ähnlich gehen. Der Achtjährige, der demnächst in Unions Nachwuchs dem Ball nachjagen wird, wurde in Freiburg auch auf beiden Positionen eingesetzt. Ob er künftig seinem Vater oder eher seinem Onkel, der mit Rafal 2012 mit Slask Wroclaw den Titel holte, nacheifern wird, muss sich zeigen.

Und über die Zukunft des jüngsten Familienmitglieds lässt sich noch gar nichts aussagen. „Der braucht gerade nur seine Mama Anja und Milch“, scherzte Gikiewicz, Klein-Mateusz ist nämlich süße 17 Wochen jung und mit ein Grund, warum der gebürtige Olsztyner das beschauliche Hotelleben in der Residence Klosterpforte als wohl einziger Unioner richtig genießen kann. Seine Nachtruhe ist dadurch weniger gestört.

„Natürlich will ich spielen"

Die Kraft, die er daraus ziehen kann, wird er wohl auch benötigen. Denn ihm ist mehr als bewusst, dass seine Verpflichtung nicht einen Freifahrtschein ins Union-Gehäuse beinhaltete. „Hier habe ich auch Duelle. Mit Jakob und Lenny. Jakob ist zwar mein Zimmerkollege. Wir verstehen uns gut. Da ist alles okay. Aber jeder will zeigen, dass er der Beste ist“, sagt e Gikiewicz.

Dass er mit diesem Anspruch nach Berlin gekommen ist, ist klar. „Natürlich will ich spielen. Am liebsten jede Woche. In Freiburg bin ich in den letzten zwei Jahren nicht so viel dazu gekommen. Da musste ich mich mit der Rolle als Nummer zwei hinter Alexander Schwolow begnügen. Ich habe das akzeptiert. Es war zwar Bundesliga, aber zufrieden war ich damit nicht“, begründete er seinen Wechsel zu den Eisernen, die schon im Februar erstmals beim ihm angefragt hatten.

Ein Kuriosum am Rande dabei: Dadurch wurde ein Ringtausch in Gang gesetzt. Weil der SC Freiburg mit Mark Flekken einen zweiten Schlussmann aus Duisburg loseiste, wurde dort ein Platz für Unions bisherigen Torwart Daniel Mesenhöler frei. „Bei Torhütern ist es immer ein Dominospiel. Einer geht weg und ein anderer kommt. So ist Fußball“, sagte Gikiewicz und lachte, während er beim Interview auf dem Rasen des Trainingsplatzes hockte, den die Kollegen schon gen Hotel verlassen hatten.

In Berlin ist alles größer

„Ich freue mich jetzt nur auf den Saisonstart. Das ist ein geiles Stadion, tolle Zuschauer“, sagte Gikiewicz. Er giert schon jetzt auf die ersten Punktgewinne mit Union im Stadion An der Alten Försterei. Dort ist er bislang immer leer ausgegangen. In seiner Braunschweiger Zeit kassierte der Torwart mit der Eintracht dort nur Niederlagen.

Und noch etwas ist jetzt für ihn anders. Berlin an sich. „Freiburg hatte nur knapp 300.000 Einwohner. Hier ist alles viel größer. Oft brauche ich für fünf Kilometer 45 Minuten. Es ist halt eine große Stadt“, sagte er über seine ersten Eindrücke von seiner neuen Heimat.