Catch me, if you can! Lennart Moser beim täglichen Bällefangen im Trainingslager der Eisernen in Bad Wörishofen.
Foto:  Matthias Koch

Bad WörishofenLennart Moser sitzt lässig auf der steinernen Begrenzung, die die Sonnenterrasse des Mannschaftshotels in Bad Wörishofen umgibt. Ein aufgeschlossener, nachdenklicher junger Mann mit einem Gardemaß von 1,96 Metern. Das ist nicht die schlechteste Grundvoraussetzung, wenn man den Beruf als Torsteher ergreifen will.

Wer sich in den höheren Nachwuchsjahrgängen einer Bundesligamannschaft tummelt, träumt von einer Karriere als Profi. Und Nachwuchskräfte haben gern mal das Zeug zum Publikumsliebling, weil sie aus dem eigenen Stall stammen. Auch der 20-Jährige genießt bei der Anhängerschaft der Köpenicker einen Stellenwert, ohne je ein einziges Pflichtspiel für den Bundesligisten bestritten zu haben.

Junge Talente haben aber auch ein Problem. Den Übergang aus dem Juniorenbereich zu den Herren. Nirgends ist der so schwer wie bei Torhütern. Weil die nicht umschulbar oder flexibel auf mehreren Positionen einsetzbar sind. Zudem haben sie bei den Profis unvermittelt ein bis zwei gestandene Mannsbilder vor sich, an denen schlecht vorbeizukommen ist. „Ich kann ja nicht auf einmal als Mittelstürmer ran“, weiß Moser um die Problematik aus eigener Erfahrung.

Die Ausnahme von der Regel spielte übrigens bis vor kurzem noch bei Union. Sebastian Polter hütete 2004/05 den Kasten von Bremens U14. Durchaus talentiert, wie Werders langjähriger Nachwuchsübungsleiter Thorsten Bolder einschätzte. Weil Polter aber aus dem Gehäuse raus wollte, ging er zurück nach Wilhemshaven, um dort in Folge einzunetzen, anstatt die Bälle aus dem Netz zu fischen. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Moser erkrankte am Pfeifferschen Drüsenfieber

Derzeit ackert der 20 Jahre alte Moser als dritter Keeper hinter Andreas Luthe und Jakob Busk im Unterallgäu in Bad Wörishofen, wo sie von Torwarttrainer Michael Gspurning mächtig getrietzt werden. Eine Tour, die Moser fast nicht hätte mitmachen können. In der Sommerpause erkrankte er am Pfeifferschen Drüsenfieber. „Fünf Wochen lang durfte ich gar nichts machen. Kein Sport, nix. Nur schlafen oder liegen“, erinnert sich Moser an diese Zeit. Selbst der Gang zum Kühlschrank fiel anfangs schwer. Erst wenige Tage vor der Abreise nach Bayern gaben die Ärzte grünes Licht für den Trip. 

Bei den Profis durfte er schon früher mal eine Vorbereitung bestreiten. „Das erste Mal war es mit 17 ins Wintertrainingslager nach Spanien. Da war ich schon am Anfang ein bisschen aufgeregt. Aber ich denke, das ist normal. Wenn du dann angekommen bist, legt sich das auch“, sagt das eiserne Eigengewächs. 

Das erste Jahr nach der A-Jugend hat der Fachabiturient bei Unions Profis bewusst als Schnupperjahr verstanden. „Mit 17, 18 gleich den ganz, ganz großen Sprung schaffen ist halt nicht einfach. Da braucht man auch mit Glück ein, zwei Jahre. Das erste Jahr war so, dass ich erst einmal alles kennenlernen wollte. Wie läuft das da? Wie lerne ich meinen Körper kennen unter Profibedingungen? Ich denke aber jetzt, dass das keinen Unterschied mehr macht, ob ich 20 bin oder die anderen 30“, so Moser.

Nach dem Lehrlingsjahr wollte er verständlicherweise mehr. Union verschaffte ihm die Chance, lieh ihn zu Regionalligist Energie Cottbus (16 Spiele) aus. Auf die Stammkraft der Lausitzer wurde Bernd Storck aufmerksam, der den belgischen Erstligisten Cercle Brügge vor dem Abstieg bewahren sollte. Die größte Schwierigkeit dort war eher die Landesprache, weniger die runde Kugel. „Mein Französisch ist nicht so gut, ich habe mich meist auf Englisch verständigt“, erklärt Moser.

Sieben Mal stand er in Belgien bei Pflichtspielen im Tor, drei Mal stand die Null. Und am Ende stand die Rettung, ehe Corona alles unterbrach. „Als junger Keeper brauchst du einen Trainer, der dir vertraut, der dir gestattet, auch den einen oder anderen Fehler mehr zumachen als am Anfang“, sagt er mit einem versteckten Dank an Storck. Der lockt ihn derzeit mit einem Engagement in der Slowakei beim dortigen Spitzenreiter Dunajska Streda. Auch andere Klubs zeigen Interesse.

Freut  sich im Allgäu des Lebens, obwohl die Arbeit dort schweißtreibend ist: Lennart Moser.
Foto:  Matthias Koch

Da die Aussichten auf Einsätze in der Elf von Urs Fischer derzeit eher gering sind, tut wohl eine erneute Luftveränderung not. So wie im Vorjahr. Selbst wenn Manager Oliver Ruhnert das Eigengewächs jüngst im Kicker über den grünen Klee lobte: „Moser ist ein richtig guter Torwart. Ich sehe ihn absolut in der Lage, in der Bundesliga ins Tor zu gehen. Da habe ich überhaupt keine Bauchschmerzen. Der Torwart ist gut, für sein Alter von erst 20 Jahren sogar sehr gut. Mit seiner Erfahrung in Belgien hat er das untermauert.“

Ob das Lob ausreicht, Moser zum Bleiben zu bewegen? „So wie es das letzte Jahr lief, war es optimal für mich“, meint Moser. Ob auf Leihbasis oder als Transfer mit Rückkaufoption, was Ruhnert jüngst als Variante ins Gespräch gebracht hatte, ist ihm dabei egal.

Spielpraxis ist das A und O, um sich weiterzuentwickeln. Als Nummer drei bei einem Bundesligisten droht die Gefahr, zu versauern oder überflügelt zu werden. Moritz Nicolas konnte in der Vorsaison ein Lied davon singen. Moser weiß das und sagt daher: „Ich will spielen.“ Und irgendwann dann als klare Nummer eins in die Wuhlheide zurückkehren.