Berlin - Peyton Siva ist pünktlich. Er parkt sein Auto vor der Trainingshalle, fingert vom Beifahrersitz einen Zettel, der sein Programm für den Nachmittag bestimmt. Die Diagnose, sie lautet: Prellung der rechten Schulter mit leichter Einblutung. Henrik Lange weiß, was jetzt zu tun ist.

Alba Berlins Physiotherapeut erwartet den Spielmacher bereits, sie gehen durchs Foyer, die Halle, verschwinden im Behandlungsraum. „Wir machen eine Elektrotherapie“, sagt Lange, „außerdem Lymphdrainagen, um die Blutung rauszukiegen.“ Das Gelenk hat Stress, so nennt Lange das. Sie fangen gleich mit dem Stressabbau an.

Im professionellen Sport zählen vor allem Siege, stehen daher Spiele im Fokus wie Albas Duell im Eurocup gegen die Basketballer von Darüssafaka Istanbul am Mittwoch Abend (20.15 Uhr Arena am Ostbahnhof). Und damit diejenigen, die für die Siege sorgen sollen, die Spieler, Peyton Siva etwa. Zum Erfolg eines Profiteams tragen aber noch etliche andere bei, Henrik Lange zum Beispiel, im Hintergrund, weniger sichtbar, aber nicht weniger wichtig, gerade in dieser Saisonphase.

Vom Fußball zum Basketball

Selten sind die Momente, in denen Lange ins öffentliche Blickfeld gerät. Momente wie am Sonntag in der Schmelinghalle beim Sieg gegen Ludwigsburg. Siva war umgerammt worden, lag auf dem Parkett, krümmte sich. „Im ersten Moment ist man erschrocken. Peyton hatte ja schon ein bisschen Pech und ist ein wichtiger Spieler“, sagt Lange.

Doch sofort beginnt die Arbeit, rekonstruiert Lange im Geiste den Unfallhergang, zieht erste Schlüsse daraus, die sich durch Abtasten der verletzten Körperpartie und das Gespräch mit dem Spieler konkretisieren. Es läuft eine Routine ab.

Seit einem Jahrzehnt betreut Lange nun schon Profiteams. Acht Jahre kümmerte er sich um die Elf des SC Paderborn, danach zwei Jahre um den Kader des Fußball-Bundesligisten FC Augsburg. Dann der Wechsel in den Basketball. „Ich hatte Lust, mal etwas anderes zu machen: eine andere Sportart, eine andere Stadt.“ Lange lacht: „Damit ich im Kopf beweglich bleibe.“

Basketball ist Neuland für den 48-jährigen Bielefelder, der früher in der Landesliga kickte, bis ein Kreuzbandriss ihn stoppte. Nach einem Sportstudium, der Ausbildung zum Physiotherapeuten und einem kurzzeitigen Engagement in einer Praxis zog es ihn in den Profisport.

„Ich habe einen Fulltime-Job“

Beim FC Augsburg war Lange einer von drei Physiotherapeuten, der Kader umfasste dort auch 25, 26 Mann. Für die 12, 13 Alba-Spieler ist er nun allein verantwortlich. Das reizt Lange an der Aufgabe. Außerdem: „Man ist näher an den Spielern dran.“ Ein Vorteil fiel ihm erst auf, als er schon im neuen Job war: „Beim Fußball sitzt man bei Minusgraden dick eingepackt auf der Bank, hier arbeite ich in einer beheizten Halle.“ Lange schmunzelt.

Manchmal wirft er mit Albas Betreuer Tommy Thorwarth im Trainingszentrum auf den Korb. Aber es bleibt dafür kaum Zeit. „Ich habe einen Fulltime-Job“, sagt Lange. Nicht nur, wenn sich die Verletzungen häufen wie zuletzt mit den Ausfällen von Niels Giffey, Bogdan Radosavljevic, Bennet Hundt, Spencer Butterfield und Peyton Siva. Dann, wenn Henrik Lange mit Teamarzt Moritz Morawski und Athletiktrainer Pepe Silva Moreno die angeschlagenen Spieler wieder fit machen für Training und Spiel.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Vor Peyton Siva war Steve Vasturia da, der junge, talentierte Guard, der sich nach einem individuellen Training durchkneten ließ. Regeneration ist ein wichtiges Thema für eine Mannschaft, die zwei Spiele pro Woche bestreitet. In einer Sportart, die ohnehin Blessuren durch Beanspruchung begünstigt: Das Parkett ist stumpf, der Druck auf die Gelenke hoch, den hundert Kilogramm Körpergewicht und mehr erzeugen.

Mit Langes Verpflichtung haben sich die Berliner Basketballer bei Regeneration und Therapie neu aufgestellt. „Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt Lange. Medizinische Abteilung und Trainerteam arbeiten eng verzahnt: von der Ernährung der Spieler bis zur Behandlung von Wehwehchen. Für die Jugendteams wurden ebenfalls Physiotherapeuten engagiert.

Ein Partner des Klubs baute im Trainingszentrum einen Gerätepark auf. „Geräte zur Stoßwellen-, Laser- und Elektrotherapie“, sagt Lange. „Wir haben den Behandlungsraum komplett umgestaltet.“ Vor ihm steht ein Gerät, mit dem sich die Muskelkraft in den Beinen messen lassen. „Wir sehen damit, wie stark ein Muskel belastbar ist.“

Ein ehrgeiziger Plan

Auf Auswärtsfahrten nimmt Lange eine Art mobile Praxis mit, in Kisten und Koffern verstaut. Immer dabei: die Massageliege. Dort hat er sie dann vor sich, die Alba-Profis, einen nach dem anderen, knetet sie durch, eine halbe Stunde lang. Gespräche ergeben sich, manchmal geht es um Privates. „Ein Physio“, sagt Lange, „erfährt meist mehr von einem Spieler als ein Trainer.“

Er weiß, wie er mit jedem Profi umgehen muss. Wer aus einer Blase am Fuß eine große Sache macht. Und wer humpelnd den Behandlungsraum verlässt und sagt, es sei alles okay. Siva ist so einer, sagt Lange: „Ein harter Hund.“ Den wollen sie binnen zwei Wochen wieder hinbekommen. Beim Top 4 im Pokal am 17./18. Februar soll er auflaufen. „Das schaffen wir“, sagt Lange, und dabei klingt sein beruflicher Ehrgeiz durch.

Mit einem ehrgeizigen Plan ist er nach Berlin gekommen, einem privaten. „Ich habe mir eine Liste mit Orten gemacht, die ich mir in der Stadt ansehen will.“ Bisher konnte er kaum einen Punkt abhaken. Auch an diesem Nachmittag wird er sich nur vom Trainingszentrum in Mitte zur Geschäftsstelle in Charlottenburg bewegen. Es ist sein freier Tag – „eigentlich“, sagt Henrik Lange und lacht.