Berlin - Die Aussicht auf den Eiffelturm und die Seine wecken nicht die ganz großen Glücksgefühle bei Angelique Kerber. Schließlich kam die deutsche Nummer eins in den vergangenen Jahren stets enttäuscht aus Paris zurück. Wenn die 33-Jährige nun am Mittwoch in den Flieger steigt, hat sie nicht die großen Titelträume im Gepäck. Alles kann, nichts muss, ist vielmehr Kerbers Motto bei den French Open ab Sonntag.

„Ich versuche, das Turnier dieses Jahr mit weniger Druck und etwas mehr Gelassenheit anzugehen“, sagte die dreimalige Grand-Slam-Siegerin: „Also nicht mit den ganz großen Erwartungen und dem Gedanken, dass es mir noch in meiner Grand-Slam-Sammlung fehlt.“

Boris Becker sieht jedes Match für Angelique Kerber als Bonus

Die Erwartung, dass Kerber nach den Australian Open, Wimbledon und den US Open ihren Major-Satz in Paris komplettieren kann, äußert derzeit kein Experte. Nach zwei Erstrundenniederlagen nacheinander auf der roten Asche von Roland Garros sind die Ziele erstmal klein gesteckt. „Dort ist jedes Match, das sie gewinnt, ein Bonus“, sagte Eurosport-Experte Boris Becker am Dienstag.

Deutschlands Tennis-Ikone sieht hingegen eher Alexander Zverev für die French Open gerüstet und traut ihm einiges zu. „Die Bühne ist bereitet. Jetzt liegt es an ihm, einfach den nächsten Schritt zu gehen“, sagte Becker bei einer Medienrunde des TV-Senders Eurosport. Zu Zverevs erstem Grand-Slam-Titel fehle „nicht mehr viel“.

In Roland Garros ist Zverev bislang noch nie über das Viertelfinale hinausgekommen. Zuletzt hatte der 24-Jährige stark aufsteigende Form bewiesen und auf dem Weg zum Turniersieg in Madrid unter anderem Sandplatz-König und Paris-Rekordsieger Rafael Nadal bezwungen. 

„Er ist wieder da, wo er sein müsste, um zum Kreis der Favoriten zu zählen“, sagte Becker über Zverev, der im vergangenen Jahr bei den US Open sein erstes Grand-Slam-Finale knapp gegen den Österreicher Dominic Thiem verloren hatte: „Aber er muss dann gewinnen, wenn er mal nicht so gut spielt. Und das wird über sieben Matches, wenn er ins Finale kommt, zwangsläufig passieren.“

Während Zverev also durchaus berechtigte Hoffnungen auf erfolgreiche French Open haben kann, nimmt sich Angelique Kerber vor, sich „auf jede einzelne Runde zu fokussieren, vielleicht bin ich für eine Überraschung gut“, fügte sie in dem Gespräch am Rande eines Sponsorentermins für Peloton an: „Es ist einfach der nächste Grand Slam, den ich gut spielen möchte.“ Nach einem schwierigen Start in die Saison mit strikter Quarantäne in Melbourne sieht sich die Kielerin immerhin im Aufwärtstrend.

„Ich brauchte eine etwas längere Anlaufzeit, um wieder in den Matchrhythmus zu finden. Es waren in den letzten Wochen gute Matches auf Sand dabei, mit steigender Formkurve, selbst wenn ich einige davon nicht gewinnen konnte“, sagte Kerber, einst als Nummer eins geführt und jetzt 27. der Weltrangliste: „Es liegt noch viel Arbeit vor mir, aber ich fühle mich körperlich schon ganz gut.“ Gegen die Tschechin Marketa Vondrousova, Paris-Finalistin von 2019, gelang ihr zuletzt in Madrid ein kleines Ausrufezeichen. Die ganz großen Turnierergebnisse kann Kerber in diesem Jahr aber noch nicht vorweisen.

Tritt Kerber in Wimbledon tatsächlich mit Alexander Zverev an?

Doch auch die kleineren Fortschritte der vergangenen Wochen sind für sie schon bedeutend, denn das langjährige Aushängeschild des deutschen Damen-Tennis hat noch viel vor in dieser Saison. „Nach Paris geht es Schlag auf Schlag weiter, dann direkt von Sand ohne Pause auf Rasen, und ich freue mich, dass ich zwei Turniere in Deutschland habe mit Berlin und natürlich meinem Turnier in Bad Homburg“, sagte sie: „Das wird ein besonderes Highlight für mich und umso schöner, dass wahrscheinlich auch einige Zuschauer bei der Premiere mit dabei sein werden.“

Und dann sind da ja auch noch Wimbledon, wo sie 2018 gewann, und die Olympischen Spiele in Tokio. Kerber, 2016 in Rio dekoriert mit Silber, plant dabei auch Auftritte an der Seite von Alexander Zverev. „Die Verabredung steht auf jeden Fall, mit Alex im Mixed anzutreten“, sagte sie: „Und zwar schon seit einigen Jahren.“