Für all diejenigen, die es mit RB Leipzig halten, war dieser Sonnabendabend ein großartiger Abend. Für all diejenigen, die diesen Klub für eine Ausgeburt des Fußball-Kapitalismus halten, war dieser Abend hingegen wohl eher ein Graus. Es war jedenfalls so, dass RB aus dem im Berliner Olympiastadion ausgespielten Pokalfinale gegen den SC Freiburg als Sieger hervorging und den ersten wichtigen Titel in der gerade mal 13 Jahre währenden Vereinsgeschichte feiern konnte. Ein Elfmeterschießen musste vor 74.475 Zuschauern beim Stand von 1:1 nach Verlängerung die Entscheidung bringen, bei dem Freiburgs Kapitän Christian Günter und sein Kollege Ermedin Demirovic schließlich zu  den tragischen Helden avancierten. Beide verschossen, während die Leipziger nervenstark blieben. Als Endergebnis stand ein 1:1 (1:1, 0:1) n.V., 4:2 i.E.

Just als schließlich die Sieger-Zeremonie vollzogen werden sollte, legte sich aber plötzlich eine gespenstische Stille über das weite Rund. Die Spieler beider Mannschaften standen gebannt vor der Haupttribüne, unterhielten sich im Flüsterton. Der Grund: Mehrere Sanitäter versorgten am Spielfeldrand hinter einer flugs aufgebauten Sichtsperre aufgrund eines medizinischen Notfalls eine Person.

Nach einer Viertelstunde des Schweigens fuhr schließlich auch noch ein Krankenwagen vor. Schlimmstes stand zu befürchten. Doch es folgte eine leise Entwarnung: Der Patient, so viel war über den Stadionsprecher zu erfahren, sei in einem stabilen Zustand. Es gab Applaus für die Rettungskräfte, gefolgt von einer weiteren Wartezeit in Stille, bis der Fußballabend unter einer doch etwas gedrückten Stimmung mit dem handelsüblichen Gold-Konfetti-Regen ein Ende fand.

Bericht über Buttersäure-Attacke gegen Leipziger Fans

Es waren also dieses Mal anlässlich dieses Hochfestes des deutschen Klubfußballs tatsächlich keine Bayern in die Hauptstadt gekommen, auch keine Dortmunder. Gescheitert waren die beiden Klubs so früh im Wettbewerb wie schon lange nicht. Ja, erstmals seit elf Jahren hatte keiner der beiden Großklubs das Endspiel erreicht. Und im Nachhinein lässt sich Folgendes festhalten: auch mal schön!

Das Duell Südbaden gegen Sachsen brachte also eine vollkommen neue Gemengelage mit sich. Auch für die Berliner Polizei, die allerdings ein ähnliches Konzept wie in den Jahren zuvor verfolgte und die beiden Fangruppen über den ganzen Tag hinweg so lang wie nur irgendwie möglich voneinander getrennt hielt. Die Freiburger hatten also ihr Fanfest rund um die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, die Leipziger das ihrige auf dem Hammarskjöldplatz in unmittelbarer Nähe zum Messegelände. Dort wurde am Nachmittag von einer Buttersäure-Attacke auf die RB-Fans berichtet, wobei es glücklicherweise keine Verletzten gegeben haben soll. Ansonsten war es im Prolog des Finals offensichtlich ruhig geblieben.

Im Stadion selbst, was tatsächlich nicht verwundern konnte, gaben die Freiburger Fans den Ton an. Laut waren sie, sehr laut sogar. Und auch ziemlich unanständig, weil sie in der Ostkurve wiederholt Bengalos und dergleichen abfackelten. Sie wollten halt nichts unversucht lassen, um ihre Mannschaft nach vorne zu treiben, wollten mit ihrem Support zumindest ein klein bisschen Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen.

Schlotterbeck klärt auf der Linie

Inwieweit ihnen das gelungen ist, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Fakt ist, dass die Leipziger in der ersten Hälfte die besseren Chancen hatten, die Freiburger allerdings zur Halbzeit 1:0 führten. In der 14. Minute hatte RB innerhalb weniger Sekunden zwei gute Abschlussmöglichkeiten. In Gestalt von Emil Forsberg, der an Keeper Mark Flekken scheiterte, sowie in Gestalt von Christopher Nkunku, der beim Nachschuss nicht gefasst genug war.

In der 24. Minute versuchte sich Freiburgs Nicolas Höfler aus unerfindlichen Gründen im dichten Gedränge an einer Hinterkopfrückgabe auf seinen Keeper, was misslang und Nkunku in Szene setzte. Der allerdings scheiterte mit seinem Schuss aus Nahdistanz am handlungsschnellen Flekken, schließlich konnte Nico Schlotterbeck die Situation endgültig klären, indem er den in Richtung Tor trudelnden Ball mit einem wuchtigen Schlag aus dem Strafraum beförderte. Schlotterbeck, der in der kommenden Saison für die steten Berlin-Gäste aus Dortmund spielen wird, ballte die linke Hand zur Faust, schrie, klopfte sich mit der Faust auf die Brust.

Zu diesem Zeitpunkt lagen die Freiburger bereits 1:0 in Führung. Durch einen richtig feinen Schuss von Mario Eggestein aus 20 Metern ins linke untere Eck, wobei es im Nachgang noch mal allerlei Aufregung um die Vorarbeit von Roland Sallai gegeben hatte. Die Leipziger monierten, dass Sallai mit der Hand am Ball gewesen war, Schiedsrichter Sascha Stegemann wollte dies auch gar nicht verneinen, war aber zu dem Schluss gekommen, dass der ungarische Nationalspieler sich und seiner Mannschaft dadurch keinen entscheidenden Vorteil verschafft hatte.

Halstenberg sieht Rot

Die Leipziger versuchten sich an diesem Abend, wohl auch, weil sie gar nicht anders können, an spielerischen Lösungen, die Freiburger hingegen gingen auch mal etwas grober zu Werke. Es darf eben auch mal ein Befreiungsschlag sein oder eine schlichte Grätsche, wenn man so ein 1:0 über die Zeit bringen will. Und so ein Befreiungsschlag führte dann doch auch tatsächlich dazu, dass die Freiburger ab der 57. Minute aus einer Überzahlsituation heraus agieren konnten.

Vincenzo Grifo hatte die 08/15-Lösung gewählt, den Ball über 60 Meter hinweg in die gegnerische Hälfte geschlagen. Ohne konkretes Ziel, und doch gelang es Lucas Höler, Leipzigs Abwehrmann Marcel Halstenberg in ein Laufduell zu verwickeln. Höler entwischte dabei Halstenberg, sodass sich der Düpierte zu einem Foul, Stegemann wiederum zu einem Platzverweis gezwungen sah. 57 Minuten waren zu diesem Zeitpunkt gespielt.

Leipzigs Trainer Domenico Tedesco versuchte nun mit nur allen erdenklichen Mitteln sein Team zu einer Reaktion zu animieren. Er gestikulierte wild, brachte mit Nordi Mukiele und Dominik Szoboszlai gleich mal zwei frische Kräfte (61.), und schließlich auch mit Dani Olmo in der 69. Minute einen weiteren Offensivspieler. Und siehe da: Tedesco bekam das, was er wollte, nämlich in der 76. Minute den Ausgleich durch Nkunku, der in Folge eines Freistoßes und einer Kopfballvorlage von Willi Orban das Durcheinander in der Freiburger Abwehr nutzen konnte. Flekken wirkte in dieser Szene desorientiert.

Demirovic und Haberer treffen nur den Pfosten

Die Freiburger, zuvor noch ziemlich souverän wirkend, wirkten nun plötzlich schwer angeschlagen, konnten von Glück sprechen, dass Olmo ihnen in der 85. Minute mit einem Fehlschuss aus zehn Metern zumindest den Gang in die Verlängerung ermöglichte.

In dieser Verlängerung war es nun keineswegs so, dass eine der beiden Mannschaften nur das Elfmeterschießen im Sinn hatte. Beide Mannschaften suchten die Entscheidung. Freiburgs Ermedin Demirovic traf bei diesem Bestreben gleich mal mit seinem Kopfball den Pfosten (93.), in der 104. Minute brachte Leipzigs Keeper Peter Gulacsi noch einen Finger an den Schuss von Janik Haberer, sodass der Ball gegen den Pfosten ging, von dort Richtung Demirovic trudelte, der im Nachschuss allerdings Gewalt anwendete und den Ball in die Kurve jagte. Haberer war es auch, der in der 115. mit einem wuchtigen Schuss aus 20 Metern auch noch die Oberkante der Querlatte traf. Pechvogel nennt man so etwas. Wobei an diesem Abend auf Freiburger Seite noch zwei von der Sorte dazukommen sollten.