Das Lieblingswort von Urs Fischer in seinen ersten 45 öffentlichen Minuten in Köpenick ist „spannend“. Der Zweiten Liga, in der er fortan für den 1.FC Union als Cheftrainer tätig sein wird, verleiht er dieses Attribut, vor allem aber ein ums andere Mal dem Kader, den er tunlichst innerhalb der beiden Vertragsjahre eine Etage höher bringen soll. Fischer, 52, Rekordspieler der ersten Schweizer Liga, Meister und Pokalsieger als Trainer des FC Basel, ist einer, der die Spannung liebt. Ja, der sie braucht. Ein Wort, das den neuen Union-Coach hingegen zusammenzucken lässt, ist „Mutlosigkeit“.

Sportchef Oliver Ruhnert und Präsident Dirk Zingler haben sich Zeit gelassen bei der wichtigsten Personalie in der Leistungssportsektion des Vereins. Dass die Spieler im Fußballorbit nach einer neuen Betätigung suchen, auf klare Signale warten und dass der Trainer eines dieser Signale ist, wissen sie. Auch dass Union ein paar neue Spieler braucht, um die angepeilten Erfolge realisieren zu können. Dennoch ließen sich die Union-Verantwortlichen nicht vom Kalender ihre Entscheidung diktieren. Ihnen war es lieber, ein paar Tage mit der Nachricht an die Spieler da draußen (und drinnen im bisherigen Kader) zu warten und dafür dann mit einer überzeugenden Lösung dazustehen. Die haben sie aus ihrer Sicht nun mit dem Schweizer gefunden. Vieles passt ja auch bestens zueinander.

Urs Fischer ist in Zürich aufgewachsen oder besser gesagt beim FC Zürich. 30 Jahre verbrachte er dort als Spieler und Trainer, überhaupt spielte er nur für einen anderen Verein (FC St. Gallen), und Union ist nun seine erst vierte Trainerstation, die erste im Ausland. Verbundenheit ist bei Fischer keine Phrase, sondern Realität. Genauso wie seine Leidenschaft für Fußball und sein Ehrgeiz. Um eine Selbstcharakterisierung gebeten, antwortet er bei seiner Vorstellung am Freitagmittag im Presseraum: „Korrekt, konsequent, mit Ambitionen, aber auch bescheiden.“

Ihm wurde seine Bodenständigkeit vorgehalten

Den FC Zürich führte er in der Gruppenphase der Europa League, ebenso danach den FC Thun, ehe er mit dem FC Basel in zwei Jahren zweimal Meister wurde und einmal Pokalsieger, Champions-League-Expertise inklusive. Der Vertrag wurde nicht verlängert, da die neue Klubführung einen Impuls setzen wollte.

Vorgehalten wurde ihm gerne seine Bodenständigkeit. Was ihn jedoch nicht an seiner Haltung zweifeln ließ, sondern mehr an der Einstellung der Kritiker. „Was ist schlecht an Bodenständigkeit“, fragt er in die Köpenicker Presserunde und erntet die stille Zustimmung seines neuen Präsidenten. Klubchef Dirk Zingler lehnt versonnen auf seinem Stuhl in der dritten Reihe zwischen den Journalisten und vor den Kameraleuten, die Augen geschlossen. Die Zufriedenheit, den richtigen Mann gefunden zu haben, ist ihm anzusehen.

Diese Zufriedenheit in Worte zu fassen, gebührt an diesem Tag Oliver Ruhnert. „Wir haben nach Attributen gesucht, die zum Verein passen“, sagt der Geschäftsführer Sport. Und er hat sie bei Fischer gefunden: „Bodenständigkeit, Klarheit, Disziplin, Konsequenz.“ Die Prämisse erscheint eindeutig: Nach Norbert Düwel, Sascha Lewandowski und Jens Keller möchte Union wieder zu sich selbst zurückkehren. Und da es mit André Hofschneider nicht geklappt hat, und nun mal nicht jeder im Umfeld der Alten Försterei geboren sein kann, ist der Versuch mit einem logisch, der charakterlich schon immer ein Unioner war, nur eben bei einem anderen Verein. Die mediale Feuertaufe am ersten Arbeitstag besteht er mit Lockerheit und Ironie.

„Für mich ist es wichtig, wie die Mannschaft im Spiel auftritt“

Eingangs fragt er den Pressesprecher, ob er sein Alter verraten dürfe. Was er tut (obwohl es natürlich bekannt ist) und da er schon dabei ist, gleich von seinem glücklichen Familienstand (verheiratet, zwei Töchter) berichtet. Er erzählt, dass Lucien Favre leider „bei der anderen Mannschaft in Berlin“ war und Fischer deshalb bei Hertha BSC hospitieren musste und Union nicht schon vor zehn Jahren kennenlernte. Was übrigens trotzdem interessant und ganz bestimmt spannend war, weil dieser andere Verein in der Bundesliga spielte. Und als er bei der Nachfrage nach dem Alter seiner Töchter ein langes „uuuuhhhhh“ aus dem Körper tönen lässt, spätestens da ist klar, dass er Lacher produzieren kann, wenn er will. Den Hinweis, dass alle Kontaktaufnahmeversuche über den Vater zu laufen haben, fügt er mit einem Augenzwinkern an.

Trainer, die ihre Fähigkeiten in der Schweiz unter Beweis gestellt haben, sind im deutschen Fußball en vogue. Zuletzt waren es Jeff Saibene (Bielefeld), René Weiler (Nürnberg), Martin Schmidt (Mainz) und jetzt aktuell Adi Hütter (Eintracht Frankfurt). Auch Favre, der einst vom FC Zürich zu Hertha nach Berlin kam, kehrt zu Borussia Dortmund in die Bundesliga zurück. Auch wenn die Qualität der Schweizer Super League nicht ganz so super ist wie die von Premier League, La Liga oder Bundesliga, so ist sie offenbar doch ein gutes Betätigungsfeld, um erfolgreiche Strategien und einen guten Führungsstil zu entwickeln. Dass selbst mit dem besten Kader eine Meisterschaft kein Selbstläufer ist, musste Fischers Nachfolger Raphael Wicky bei Seriensieger Basel in der abgelaufenen Saison feststellen: erstmals nicht Meister nach acht Titeln in Serie. 86 Punkte hatte Basel 2016/17 unter Fischer in 36 Spielen geholt. „92 Tore zu schießen und der Spielaufbau – da steht ein System dahinter“, lobt Unions Ruhnert.

Trotz des Erfolgs wurde Fischer in der Heimat von Journalisten „Mutlosigkeit“ und „Beamtenfußball“ vorgeworfen. Er interpretierte die Kritik als persönlichen Angriff. Wie sehr sie ihn wohl getroffen haben muss, lässt sich erahnen, da er auch in Köpenick leicht zuckt, als das verhasste Wort „Mutlosigkeit“ fällt. „Ich sehe das anders“, sagt er dann und lässt die oben genannten Zahlen für sich sprechen. 86 Punkte, 92 Tore. Mit Angst und Abwarten ist das tatsächlich nicht zu schaffen. „Für mich ist es wichtig, wie die Mannschaft im Spiel auftritt“, sagt er. „Dominant und aktiv.“

Fischer will sein Können außerhalb der Heimat unter Beweis stellen

Genau das will Zingler in der Alten Försterei sehen, genau daran scheiterte Jens Keller. Wie genau das funktionieren soll, ließ Fischer an seinem ersten Tag bei den Eisernen noch offen. Wenn der „spannende“ Kader um ein paar Zugänge erweitert worden sein wird und der vorhandene Gestaltungsraum „klug genutzt“ wurde, will er definieren, welche taktischen Maßnahmen zur Mannschaft passen.

In Basel hatte er den besten Kader der Liga, das wird in Köpenick nicht der Fall sein. Trotzdem – Stichwort Mutlosigkeit – nutzt er die Vorlage von Sportchef Ruhnert nicht, um sich hinter vorsichtigen Worten zu verstecken. „Unsere Aufgabe nach der letzten Saison ist es, eine Saison zu spielen, die wieder in die andere Richtung geht, nicht schwer auf dem Herzen liegt und nicht für Unruhe sorgt“, hat Ruhnert gesagt. „Es ist einiges möglich. Die Ambitionen dürfen wir ganz sicher haben“, sagt hingegen der neue Trainer und meint den Aufstieg. „Das Bestreben ist, dass wir da ein Wörtchen mitreden können. Wenn schon dieses Jahr, wieso nicht?“

Das kommt gut an beim Präsidium, das sich hinten im Raum versammelt hat. Es gab andere Vereine, die in der einjährigen Auszeit von Fischer Interesse an einer Verpflichtung bekundet haben, beim 1. FC Union ist man daher ein bisschen stolz, den Meistertrainer bekommen zu haben. „Wir waren als Verein gespannt, ob der Trainer das will“, gibt Ruhnert zu. In die Karten gespielt hat Union neben den Vereinswerten, in denen sich Fischer wiedererkennt, der Wunsch des Schweizers, sein Können außerhalb der Heimat unter Beweis stellen zu dürfen. Und die Sehnsucht, die Fischer in sich hat. Der Aargauer Zeitung hat er zu Jahresbeginn verraten, was ihm seit dem Abschied aus Basel am meisten gefehlt hat: Ergebnisdruck. Den wird er bei den Eisernen haben. Vom ersten Spieltag an. Es wird spannend.