Rafal Gikiewicz klärt per Faustabwehr, bringt damit aber Benjamin Pavard (nicht im Bild) ins Spiel, der zum 1:0 für die Bayern trifft.
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MünchenZeit ist auch im Fußball relativ. Es kommt eben darauf an, wie sinnvoll man sie nutzt. So in etwa geht die Relativitätstheorie, die der Schweizer Sportwissenschaftler Urs Fischer im Nachgang der Bundesligapartie zwischen dem FC Bayern und dem 1. FC Union in den Raum warf, wobei es sich bei diesem Raum ganz konkret um den Presseraum in der Münchner Arena handelte.

Fischer war dorthin als Verlierer gekommen, ohne sich so fühlen zu müssen, weil seine Mannschaft beim 1:2 (0:1) gegen den deutschen Rekordmeister erneut ihre Wettbewerbsfähigkeit auf höchstem nationalen Niveau unter Beweis gestellt hatte. Aber eines ärgerte den Fußballlehrer dann doch sehr, nämlich die in der Schlussphase verspielte Chance auf ein Remis. „Zehn Minuten sind im Fußball eine lange Zeit, um noch einen Ein-Tore-Rückstand wettzumachen“, sagte der 53-Jährige. Aber: „Das war mir zu hektisch. Da brauchst du mehr Geduld, mehr Cleverness. Aber schlussendlich war das eine tolle Leistung meiner Mannschaft, auf die ich richtig stolz bin. Wir haben alles abgerufen und den Bayern es so schwer wie nur irgendwie möglich gemacht.“ Und es war ja in der Tat so, dass Union nach dem Anschlusstreffer, den Sebastian Polter in der 86. Minute durch einen von ihm gezogenen und selbst verwandelten Strafstoß erwirkt hatte, dem 2:2 so nahe war wie die erneut doch ziemlich wackligen Münchner dem 3:1.

Ein zu hastiger Gikiewicz

Wenig später ging Fischer auch noch ins Detail. In diesen zehn Minuten, die nach Verrechnung der vierminütigen Nachspielzeit letztlich dann doch nur acht waren, habe insbesondere Keeper Rafal Gikiewicz die Präzision und das richtige Timing bei der Spieleröffnung gefehlt. „Lass die Jungs, bevor du den langen Ball schlägst, aufrücken, formier dich, damit du dann auch für den zweiten Ball bereit bist“, sagte Fischer. Was Gikiewicz, der mit zahlreichen Paraden erst die Voraussetzung für Fischers Ansatz einer Relativität der Zeit im Fußball geschaffen hatte, freilich im Hinblick auf das am Dienstagabend ausgetragene Zweitrundenspiel im DFB-Pokal beim SC Freiburg als Handlungshinweis verstehen durfte.

Wenige Minuten vor Fischer war auch der bereits erwähnte Polter als Antwortgeber in der Mixed Zone auf den Schlussakt dieses intensiven und dadurch auch sehr kurzweiligen Spiels eingegangen. Der Stürmer beklagte dabei die Unentschlossenheit von Sheraldo Becker, der in der 70. Minute mit einer unbrauchbaren Mischung aus Torschuss und Querpass einen aussichtsreichen Konter verspielte. „Sheraldo muss dabei meiner Meinung nach mit direktem Zug auf das Tor gehen und ihn selber machen. Oder eben den Ball besser quer spielen. Das weiß er auch, da wir im Training schon öfter darüber gesprochen haben“, sagte Polter, um noch schnell im Sinne des Kabinenfriedens dies hier anzufügen: „Ich will ihn aber jetzt nicht damit anmahnen, wirklich nicht. Wir alle hätten in der einen oder anderen Szene einfach ruhiger spielen müssen. Ja, mit ein bisschen mehr Cleverness und mit ein bisschen Matchglück wäre hier heute mehr zu holen gewesen.“

Implizit bleibt nach diesem forschen Auftritt der Unioner in der Münchner Arena festzuhalten, dass Fischers Lehre und sein Personalmanagement auch in der Bundesliga offensichtlich die gewünschte Wirkung nach sich zieht. So setzte er in München je nach Lesart auf ein 4-2-3-1 beziehungsweise 4-3-3-System, in dem er durch die Hereinnahme von Felix Kroos das Zentrum stärkte und damit den Spielraum von Coutinho und Thomas Müller einschränkte. Kroos, der dabei an der Seite von Christian Gentner und dem erneut sehr präsenten Robert Andrich jede Menge Fleißarbeit verrichtete, bekam dann auch auf Nachfrage ein Sonderlob von Fischer. „Felix hat das sehr gut gemacht. Er hat auch schon vergangene Woche nach seiner Einwechslung gezeigt, dass er für einen Startelfeinsatz bereit ist.“

Zudem ist Fischers Coaching auch von jeder Menge Mut gekennzeichnet. Nachdem Robert Lewandowski in der 53. Minute aus dem Zufall heraus das 2:0 erzielt und Sebastian Andersson einen von Ivan Perisic (65.) verursachten Handelfmeter verschossen hatte, gab er sich nicht verzagt, sondern setzte mit Doppel-Einwechslung von Polter und Anthony Ujah (67.) sowie einer Systemumstellung auf ein 4-4-2 ein offensives Zeichen. Lasst Euch nicht schrecken, auch in München sind wir trotz des negativen Spielverlaufs noch zu allem fähig, sollte dies seinem Team bedeuten. Denn Fischer weiß: Nicht nur die Zeit ist im Fußball relativ, sondern auch hin und wieder die Größe des Klubs.