Urs Fischer wehrt sich gegen eine vermeintliche Favoritenrolle seiner Eisernen gegen Köln.
Matthias Koch

Berlin-KöpenickEr will die Rolle nicht annehmen, wehrt sich immer wieder entschieden dagegen. Favowaaass? Favower? „Wir werden die ganzen 34 Spiele in dieser Saison nicht Favorit sein. Unser Ziel ist der Ligaerhalt, da bist du nie in der Situation, in eine Favoritenrolle zu kommen“, sagte Urs Fischer, der Schweizer Fußballlehrer in den Diensten des Aufsteigers 1. FC Union, auch vor dem Duell am Sonntag gegen Mitaufsteiger 1. FC Köln.

Gut, wäre das geklärt. Zumindest aus seiner Sicht. Aber wenn es nach der Fischer’schen Lesart geht, könnten die Köpenicker – Klassenerhalt vorausgesetzt – frühestens am 22. August 2020 mal in diese Rolle geraten. Falls sie dann am ersten Spieltag der kommenden Spielzeit zu Hause gegen einen möglichen Aufsteiger wie Arminia Bielefeld oder gar Erzgebirge Aue spielen sollten.

Die Vorzeichen  auf die Begegnung mit den Domstädtern sind aber eindeutig. Ein einfacher Blick auf die Tabelle genügt, auch wenn Fischer das als „Momentaufnahme“ abtun will. Köln ist Vorletzter, hat magere acht Zähler aus den bisherigen 13 Runden geholt. Der obligatorische Trainerwechsel ist von den chronisch unruhigen Rheinländern auch schon vollzogen worden.

So kurios es klingt, Union kann an diesem Wochenende sogar Hertha Schützenhilfe leisten. Hätte vor der Saison auch keiner für möglich gehalten. Mit 16 Punkten holten Fischers Eleven schon doppelt so viele Zähler wie die Rheinländer. Und die schwächeln in schönster Regelmäßigkeit in der Fremde, während die Köpenicker nach anfänglichen Schwierigkeiten das heimische Stadion in eine schwer zu schleifende Festung verwandelt haben. Drei Mal in Folge spielten Rafal Gikiewicz, Sebastian Andersson & Co. zuletzt dort zu Null. Der letzte Gegentreffer datiert von Ende September, beim 1:2 gegen Eintracht Frankfurt.

„Die Fans dürfen das“

Nicht außer Acht lassen sollte man auch, dass die Geißböcke eben auch nur ein Mitaufsteiger, kein gestandener Erstligist sind. Der sprichwörtliche 12. Mann wird am Sonntag ebenfalls dafür Sorge tragen wollen, dass die Kölner bei den Eisernen keinen Boden gutmachen werden.

Natürlich weiß Fischer auch, dass mit einem Heimdreier ein dickes Polster zu den Abstiegsrängen gelegt werden kann. Ihm ist aber bewusst, dass das kein Selbstgänger wird. Und so tut er alles in seiner Macht stehende, um ein Nachlassen bei seiner Truppe zu unterbinden. Mögen die Fans („Die dürfen das“) noch so sehr träumen oder gestiegene Erwartungsansprüche hegen, Fischer will vermeiden, dass die Schwere der Aufgabe unterschätzt wird. Er weiß nur zu genau, dass ein Ausrutscher gegen den Effzeh fatal sein könnte, Union weiterhin ein Lernender im Elitezirkus ist.

„Das wird ein ganz schwieriges Spiel“, gibt der Eidgenosse daher den eifrigen Mahner, der die Gäste durchaus offensiv erwartet. Was sie zuletzt schon seit dem Trainerwechsel von Achim Beierlorzer zu Markus Gisdol gegen Augsburg und Leipzig zart andeuteten. Ein notwendiger Rollenwechsel. Eben auch, weil diese langsam ins Rollen kommen müssen, um nicht schon zur Winterpause abgeschlagen dem Feld hinterherzuhecheln.

Da wiederum würde Union sehr zupasskommen, die sich gegen solche Spielweisen besser zu behaupten wissen, als gegen einen Gegner, der sich massiv hinten reinstellt und stur Beton anrührt.

„Wir müssen wieder unser Gesicht zeigen. So wie in de ersten Hälfte gegen Schalke“, so seine Forderung. „Bereitschaft“, „Leidenschaft“, und „unermüdliches Arbeiten“ sind die Vokabeln, die Fischer leichter über die Lippen gehen als das ungeliebte Substantiv „Favorit“.

Wobei er im Erfolgsfalle Gefahr laufen würde, dass mit dann 19 Zählern auf der Habenseite Union in der kommenden Woche endgültig zu einem Favoriten mutiert. Dann nämlich geht es zum Schlusslicht nach Paderborn.