Wenn Urs Fischer bei seiner Berufswahl ein anderes Betätigungsfeld gewählt hätte – sagen wir spaßeshalber mal, er hätte sich der Berliner Blödelbarden-Combo Gebrüder Blattschuss angeschlossen –, würde sich dieses Problem für ihn nicht stellen. Jürgen von der Lippe & Co. überlieferten ja mit den Zeilen „Ich trinke schnell, obwohl ich's nicht vertrag', weil ich weder volle noch leere Gläser mag“ der Nachwelt ihren ganz persönlichen Umgang mit Trinkgefäßen. Doch ist der 52-Jährige Fußballlehrer, und da stellt sich ihm in seiner Eigenschaft als Trainer des Zweitligisten 1. FC Union derzeit ganz ernsthaft die Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer sei.

Denn seine Fußball-Combo kam aus Magdeburg mit einem 1:1 zurück. Ein Unentschieden, durch das die Rot-Weißen weiterhin auf Rang drei liegen, immer noch als einzige in der Zweiten Liga ungeschlagen sind und zudem mit zwölf Gegentoren unverändert über die beste Defensive der Liga verfügen. All das liest sich alles andere als schlecht, der Wermutstropfen: Die Masse an Unentschieden – schon zehn an der Zahl – lässt Union auf der Stelle treten. Die beiden Topfavoriten Köln und HSV enteilen gerade ein wenig, haben jetzt schon fünf beziehungsweise sechs Punkte Vorsprung.

Sichtlich gut gelaunter Fischer

Außerdem versäumten es die Köpenicker – vom Fachmagazin „Kicker“ immerhin als Spitzenreiter der Verfolger geadelt –, sich ein Polster auf Rang vier zuzulegen. Von hinten pirscht sich einiges heran. Was Fischer nicht groß verwundert: „Diese Liga ist so ausgeglichen. Der Kampf um Platz zwei geht für mich bis Rang elf“, ist sich der 52-Jährige sicher.

Diese zwiespältige Situation − unbesiegt, aber den Anschluss verlierend − mit einem halbvollen Glas zu vergleichen, liegt dem Schweizer nicht. Fischer, Berufsoptimist, sieht das Glas als halbvoll an. „Wir sind“, so sein Credo, „weiter auf einem guten Weg. Es sind noch 18 Runden, da sind noch sehr viele Punkte drin.“

Sichtlich gut gelaunt präsentierte er sich also am Tag nach dem Magdeburg-Auftritt. „Der Beginn war nicht so gut. Aber das ist durch Eigenverschulden entstanden. Das hat sich wie ein roter Faden durch die erste Halbzeit gezogen. Das war auch das Thema der heutigen Besprechung, wie wichtig so ein Start in ein Spiel ist. Aber wie wir zurückgekommen sind, das hat bei mir ein gutes Gefühl hinterlassen. Die Mannschaft hat es immer probiert, selbst nach dem Ausgleich hat sie sich nicht zurückgezogen“, meinte Unions Chefcoach.

Und das Remis hat aus seiner Sicht obendrein noch einen Vorteil: „Es ist ja gut so, dass immer etwas zu verbessern geht. Sonst könnte ich ja viel früher in die Ferien gehen“, sagte Fischer. Wobei für andere ein Urlaub in den Schweizer Bergen sicherlich eine verlockende Belohnung für einen schnellen Leistungsschub wäre.