WM-Halbfinale 2002 gegen Südkorea: Schiedsrichter Urs Meier zeigt Michael Ballack Gelb. Der weiß genau, was das bedeutet.
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BerlinEs gibt ein berühmtes Foto von der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea, das die Fans in Deutschland beim Betrachten in Wut und Wallung versetzte. Es ist eine Szene, die zu unzähligen Diskussionen an ebenso unzähligen Stammtischen führte, zu Kritik an Schiedsrichter Urs Meier aus der Schweiz und zu Mitleid mit Michael Ballack, dem damals besten Spieler der deutschen Nationalelf.

Was ist auf dem Foto zu sehen? Referee Meier zückt die Gelbe Karte, zeigt sie Ballack, dessen Mitspieler Carsten Ramelow die Aktion entsetzt beobachtet und sich abwendet.

Ballack sieht Gelb und trifft gegen Südkorea

Passiert ist das im Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Südkorea, das Meier souverän leitete. Nach 71 Minuten foulte Ballack beim Stand von 0:0 einen Südkoreaner, der in den deutschen Strafraum eindringen wollte. Die Gelbe Karte war berechtigt, hatte aber schwere Folgen, da Ballack in der Finalrunde schon zuvor im Spiel gegen Paraguay verwarnt worden war. Die zweite Gelbe Karte zog eine Spielsperre nach sich, der gebürtige Görlitzer musste sich ausgerechnet das WM-Finale gegen Brasilien von der Tribüne aus ansehen. Ein Traum war geplatzt. Kurios: Nur vier Minuten nachdem Ballack den gelben Karton kassiert hatte, traf er zum 1:0 für die Mannschaft von Teamchef Rudi Völler. So blieb es gegen Südkorea bis zum Abpfiff. Das Endspiel gegen Brasilien aber ging mit 0:2 verloren.

„Michael Ballack hat das damals akzeptiert, ihm ist nach dem Foul sofort klar gewesen, was passieren wird“, sagt Urs Meier, 61, jetzt im Telefonat mit der Berliner Zeitung, „das war natürlich eine Entscheidung von mir mit Folgen. Ich werde noch immer oft darauf angesprochen. So was macht man nicht gerne. Aber als Schiedsrichter musste ich es tun, es war eine Szene, in der Ballack eine klare Torchance der Südkoreaner verhindert hat.“

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Das aufregende Halbfinale bei der WM vor 18 Jahren war aber nur eines von sehr vielen wichtigen Duellen, die Urs Meier, einer der weltbesten Referees, geleitet hat. Seine Bilanz: 883 Spiele bis zu seinem altersbedingten Rücktritt Ende 2004, in denen er mehr als 1 000 Gelbe Karten verteilte, rund 40 Mal die Rote Karte zückte und etwa 80 Strafstöße verhängte. Der charismatische Schweizer pfiff bei den Weltmeisterschaften 1998 und 2002, leitete das Champions-League-Finale 2002 zwischen Real Madrid und dem Team von Bayer Leverkusen mit Michael Ballack  (2:1), wurde siebenmal zum „Schiedsrichter des Jahres“ in seinem Heimatland gekürt. Er kann unzählige Geschichten erzählen, lustige und tragische, kuriose und beklemmende.

Meier ist ein Mensch, der immer in Bewegung war und ist. Einst als populärer Fifa-Referee, bis heute als viel gefragter Vortragsredner vorwiegend über Probleme der Motivation und als TV-Experte im deutschen und im Schweizer Fernsehen.

Jetzt aber geht es Meier wie unzähligen Menschen auch: er ist zur Untätigkeit verurteilt. Der Schweizer lebt mit seiner Familie im Nobelort Marbella an der spanischen Costa del Sol. „Wir sind schon viele Tage wegen des Coronavirus in strenger Quarantäne“, erzählt Meier, „nur eine Person darf zum Einkaufen fahren, mehr ist nicht erlaubt.“

Einige seiner vielen gebuchten Vorträge – auch in Deutschland – sind bereits vom Monat Mai in den Herbst verschoben worden, etwa ein Vortrag in Stuttgart, Thema: „Du bist die Entscheidung“. Es geht dabei um Kardinalfragen der Entscheidungsfindung, wie diese einst auf dem Rasen beim Fußball funktionierte und was sich davon auf den Alltag übertragen lässt. Wichtige Entscheidungen musste Meier ja in den Stadien vor Tausenden Zuschauern in jedem Spiel treffen, meist in Sekundenschnelle.

Für mich war es faszinierend, immer schwierigere Aufgaben lösen zu müssen. Man wird als Schiedsrichter süchtig nach neuen Herausforderungen."

Urs Meier

Was hat ihn angetrieben, ausgerechnet Schiedsrichter zu werden und sich häufig heftiger Kritik auszusetzen?

„Da gibt es bei jedem andere Gründe. Für mich war es faszinierend, immer schwierigere Aufgaben lösen zu müssen. Man wird als Schiedsrichter süchtig nach neuen Herausforderungen. Man will schwierige Spiele leiten, Finals oder Duelle, in denen es um den Abstieg geht. Man muss aber wissen, die Zuschauer kommen nicht wegen des Schiedsrichters. Deshalb darf man sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen.“

Ist es von Vorteil, vor der Schiedsrichter-Karriere ein guter Fußballer gewesen zu sein? „Naja“, sagt Meier, „es ist schon wichtig, wenigstens ein Fußballfan zu sein als Referee.“ Er selbst hat einst auch Fußball gespielt. „Ich war nicht so gut. In Deutschland hätte es vielleicht für die sechste Liga gereicht. Ich habe auf fast allen Positionen gespielt, rechter Verteidiger, Torwart, rechter Außenstürmer. Das war meine Lieblingsposition. Ich war recht schnell und konnte gute Flanken schlagen“, erzählt Meier. Als er 14 Jahre alt war, merkte er aber, dass es für eine größere Karriere nicht reichen würde. „Mein Traum, als Profi einmal im Mailänder San Siro-Stadion aufzulaufen, war unrealistisch. Aber ich dachte, als Schiedsrichter könnte ich das vielleicht doch schaffen.“

Urs Meier in politisch heikler Mission

Der Weg dahin war lang. Zwei Spiele aus seiner langen Karriere möchte Meier hervorheben. Bei der WM 1998 in Frankreich leitete er das Duell zwischen den USA und dem Iran, dass die Iraner mit 2:1 gewannen. Mit dabei damals in Lyon: der ehemalige Hertha-Stürmer Ali Daei. „Das war eine politisch sehr wichtige, ja, historische Begegnung. Es lief friedlich und absolut fair ab. Die Brisanz war schon enorm hoch“, erinnert sich Meier, „vor dem Anpfiff habe ich beide Teams zu einem gemeinsamen Gruppenfoto zusammengeführt.“ Die ruhige und starke Leitung dieses Spiels, das im Fokus der Weltöffentlichkeit stand, brachte Meier damals viel Anerkennung ein.

Blanker Hass schlug dem Schweizer aber nach der Europameisterschaft 2004 in Portugal entgegen. Im Viertelfinalspiel zwischen Portugal und England in Lissabon hatte er beim Stand von 1:1 in der 90. Minute das vermeintliche Siegtor für England durch Sol Campbell nicht gegeben, weil er zuvor ein Foul von John Terry an Portugals Keeper Ricardo gesehen hatte. Die meisten Experten bewerteten diese Entscheidung als korrekt. Das Spiel ging bis ins Elfmeterschießen, dass Portugal mit 8:7 gewann. „Danach bekam ich 16 000 Hass-Mails von englischen Fans“, sagt Meier. Er wurde mehrere Wochen unter Polizeischutz gestellt.

Meier plädiert auch angesichts der aktuellen Diskussionen über den Videobeweis für eine Stärkung des Schiedsrichters auf dem Platz. „Die Probleme sind noch nicht gelöst, es gibt immer mehr Diskussionen. Die Referees stehen viel im Fokus, was wir eigentlich nicht wollen.“ Die Torkamera sieht Meier dagegen als „sehr gut und gelungen“ an, aber viele Schiedsrichter seien durch den Einsatz des Video-Assistenten unsicherer geworden. Er fordert deshalb: „Der Referee muss im Mittelpunkt der Entscheidungsfindung stehen.“

Und die Anweisung, gestenreiches Reklamieren der Spieler strenger zu ahnden? Meier: „Man muss im Spitzensport respektvoll miteinander umgehen. Für mich ist Rugby das große Vorbild. Eigentlich sollte nur der Kapitän mit dem Schiedsrichter reden und kurz diskutieren dürfen. Wir sollten insgesamt drei, vier Schritte zurückgehen und zum Kern des Fußballs kommen.“

Übrigens, seinen Traum vom Mailänder San Siro-Stadion, den Meier als junger Bursche hatte, konnte er sich schon Anfang der 1990er Jahre erfüllen. Er war Assistent beim Europapokalspiel des AC Mailand gegen KV Mechelen. „Ich musste Schwerstarbeit leisten“, erinnert sich Meier genau, „es gab gleich 36 Abseitsentscheidungen.“

Vermisst Urs Meier das Agieren auf dem Rasen? Das blitzschnelle Entscheiden? Den engen Kontakt mit den Spielern?

Ballack macht einen Witz und lacht

„Nein, die Zeit in kurzen Hosen ist für mich lange vorbei. Ich habe gute Erinnerungen“, sagt Meier. Sein letztes Spiel leitete er am 11. Dezember 2004 in der Schweizer Meisterschaft beim 3:3 zwischen dem FC Basel und dem FC Thun. Seitdem ist er nicht mehr rückfällig geworden. „Kein Pfiff mehr, nein!“

Und wie ist sein Verhältnis zu Michael Ballack? „Den Michael habe ich vielleicht vor drei Jahren zum letzten Mal getroffen“, sagt Urs Meier, „er kam auf mich zu und sagte ‚böser Mann‘. Dann hat er gelacht.“