Von den Emotionen überwältigt: die Finalfreunde Dominic Thiem (l.) und Alexander Zverev.
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BerlinAm Morgen danach stand Dominic Thiem in einer Suite des leeren Arthur-Ashe-Stadions mit dem silbernen Pokal im Arm und schoss ein Selfie. Er sieht ein wenig müde aus auf diesem Bild, aber seine Augen leuchten, und das Lächeln passt dazu. Tage nach großen Siegen sind meist gefüllt mit allerlei Verpflichtungen, aber dafür reicht der letzte Rest von Energie dann schon. Zumal in einem Fall wie diesem nach einem sehr speziellen Sieg in einem denkwürdigen Spiel. Nach fünf Sätzen in vier Stunden hatte der Österreicher im Finale der US Open nur vier Punkte mehr gewonnen als Alexander Zverev (2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6), und jeder einzelne dieser Punkte schien beim ersten Sieg im Finale eines Grand-Slam-Turniers eine besondere Bedeutung zu haben.

Es wird eine Weile dauern, bis sich die Freunde von diesem Spiel erholt haben werden, das so viele Wendungen und Wechsel zu bieten hatte, dass einem beim Zuschauen schwindelig werden konnte. Er sei unglaublich nervös gewesen vor dem Spiel, gab Thiem zu, und in der ersten Stunde ließ diese Nervosität nicht nach. Zverev legte, im Gegensatz zu den Auftritten zuvor im Viertelfinale und im Halbfinale, einen höchst konzentrierten, schwungvollen Start hin und hätte die ersten beiden Sätze noch klarer gewinnen können als 6:2 und 6:4. Hätte er einen jener drei Satzbälle zum 6:1 im zweiten Satz genutzt, als der Gegner in seiner ganzen Anspannung und Verkrampfung kaum zu erkennen war. „Ich wollte diesen Titel so sehr“, sagt Thiem, „und natürlich hatte ich im Kopf, dass ich vielleicht auch das vierte Finale nicht gewinne. Und ob ich vielleicht je wieder so eine Chance kriege – das sind sicher nicht die tollsten Gedanken, wenn man sein bestes Tennis spielen will.“

Dominic Thiem scheiterte bei drei Anläufen

In den drei Finals zuvor hatte er zweimal in Paris gegen Rafael Nadal und einmal zu Beginn dieses Jahres in Melbourne gegen Novak Djokovic gespielt, und er wusste, dass er diesmal im Gegensatz zu den ersten drei Versuchen als Favorit gesehen wurde. Was, wenn ich es wieder nicht schaffe? Dieser Gedanke ging ihm eine Stunde lang nicht aus dem Kopf.

Nie in der Zeit des Profitennis war es einem Spieler bei den US Open gelungen, nach einem Rückstand von 0:2 Sätzen den Titel zu gewinnen, und bei den anderen drei Grand-Slam-Turnieren lag ein vergleichbarer Fall vom Finale der French Open 2004 zwischen den Argentiniern Gaston Gaudio und Guillermo Coria auch schon eine kleine Ewigkeit von 16 Jahren zurück.

Zverev hatte im Halbfinale zum ersten Mal ein Spiel nach 0:2 gewonnen, und er hatte sicher mehr als nur eine Ahnung, was es bedeutete, als der andere zu Beginn des dritten Satzes besser in Schwung kam und so spielte wie der echte Dominic Thiem. Das sei die Phase gewesen, in der sich das Spiel gedreht habe, gab Zverev später zu, aber er ärgere sich weniger über diesen dritten als über den fünften Satz. „Da hatte ich viele Chancen und hab nichts daraus gemacht. Ich war so nah dran, ein Grand-Slam-Champion zu sein, ein paar Spiele nur entfernt, vielleicht nur ein paar Punkte.“

Im fünften standen beide auf wackligen Beinen, Krämpfe meldeten sich hüben wie drüben. Zverev schlug bei 5:3 zum Titel auf, der Österreicher konterte; zu diesem Zeitpunkt hatten beide gleich viele Punkte auf dem Konto. Thiem schlug bei 6:5 zum Titel auf, der Deutsche konterte, und spätestens in diesem Moment mit dem Start in einen historischen Tiebreak hätte die große Schüssel, wenn sie wie sonst bei großen Spielen mit mehr als 20.000 Menschen gefüllt gewesen wäre, gewackelt wie verrückt.

Als 1970 bei den US Open der Tiebreak installiert wurde, das verkürzte Spiel beim Stand von 6:6 im entscheidenden Satz, hatten sie vermutlich im Sinn, dass eines Tages auch ein Finale auf diese Art entschieden werden könnte. Aber es dauerte dann doch 50 Jahre bis zum ultimativen Showdown zwischen Zverev und Thiem in einem Spiel.

Zverev ging wieder in Führung, doch sie hielt nicht lange. Waren es am Ende die beiden Doppelfehler zum 2:2 und 3:5, die ihn den Titel kosteten? Hatte er sich entschieden, das Tempo aus den ersten Aufschlägen zu nehmen, um Thiem zu überraschen? „Nein“, meinte Zverev am Ende sichtlich angegriffen, weil er doch so verdammt nah dran gewesen war, den ersten Grand-Slam-Titel seines Lebens zu gewinnen. „Ich hatte Krämpfe im Oberschenkel. Ich konnte nicht mehr anders aufschlagen.“ Nach vier Stunden und zwei Minuten landete sein letzter Ball neben der Seitenlinie. Wie sehr ihm dieses Ende zusetzte, sah man nicht nur bei der Siegerehrung, als er über seine Eltern sprechen wollte, die wegen positiver Corona-Tests zu Hause in Monte Carlo geblieben waren, als seine Stimme stockte und ihm Tränen in die Augen stiegen.

Kein Zweifel, nach dem letzten Abend der sehr speziellen US Open 2020 ist die Vorstellung, den Besten des deutschen Männertennis in nicht allzu ferner Zukunft mit einer Grand-Slam-Trophäe in den Händen zu sehen, konkreter als je zuvor. Zverev hat völlig recht, wenn er sagt: „Ich bin 23, und ich denke nicht, dass das meine letzte Chance war. Ich glaube fest daran, dass ich irgendwann ein Grand-Slam-Champion sein werde.“ Das sieht Dominic Thiem genauso, der drei Jahre älter ist und der weiß, wie lange es dauern kann, bis alles zusammenpasst. Vor vier Jahren, als er bei den French Open in Paris zum ersten Mal das Halbfinale erreichte, hatte er gewagt, daran zu denken, vielleicht habe er irgendwann tatsächlich die Chance, ein großes Ding zu gewinnen. Ob er sich dabei tatsächlich mit einem silbernen Pokal in der Hand auf der Tribüne des Arthur-Ashe-Stadions stehen sah, verriet er nicht.