New York Während Chris Evert, die ehemalige Weltklassespielerin, im Studio des US-amerikanischen Sportsenders ESPN noch an ihrer Fönfrisur zupft, Mats Wilander, der ehemalige Weltklassespieler, an den Übungsplätzen vorbei zum Studio von Eurosport hetzt, gleiten die Zuschauer an der Südseite des Arthur Ashe Stadium auf Rolltreppen nach oben. Je weiter nach oben, desto weniger wichtig, wahrscheinlich auch weniger gut betucht. Noch ein kaltes Bier im Pappbecher, noch eine Schale Macaroni & Cheese. Die Vorfreude steigern, bevor man in der riesigen, nur auf Funktion ausgerichteten Betonschüssel seinen Garantieschein für kindliches Staunen einlöst.

Es ist Night Session bei den US Open, Tennis- und Sternegucken in einem. Was 1975 noch an der alten Spielstätte in Forest Hills zum ersten Mal ausprobiert wurde, hat sich zum Klassiker entwickelt. Die New Yorker lieben dieses sportliche Naturschauspiel im Flushing-Meadows-Park.

Wunderbare Möglichkeiten für Kerber

Fast immer ausverkauft, immer mit Leben und dem daraus resultierenden Lärm erfüllt. Man spielt gern schon mal bis Mitternacht und darüber hinaus. Weltklassetennis trifft auf amerikanisches Lebensgefühl und beides paart sich zur bisweilen doch etwas überdrehten Show. Die Nachtschicht unter freiem Himmel ist das Alleinstellungsmerkmal der offenen amerikanischen Meisterschaften.

Folgende Paarungen stehen an diesem Donnerstag auf dem Spielplan: zunächst Roger Federer aus der Schweiz gegen Björn Phau aus Darmstadt, im Anschluss Angelique Kerber aus Kiel gegen Venus Williams aus Palm Beach Gardens/Florida. Für Federer ist die Angelegenheit Routine, für Phau stellt dieses Erlebnis die Ausnahme in seinem Touralltag dar, für Kerber würden sich mit einem Sieg bei diesem Turnier wunderbare Möglichkeiten eröffnen. In beiden Fällen handelt es sich um Begegnungen der zweiten Runde.

Federer schlägt auf. Er ist der Liebling der Fans, seine US-Open-Bilanz ist beeindruckend: 61:7. Phau ist die Nummer 83 der Welt. 2001 debütierte er bei den US Open, bisher ist er noch nicht über die zweite Runde hinausgekommen. Er überrascht Federer mit einem Cross gespielten Passierschlag. 0:15. Die Partie nimmt aber den erwarteten Verlauf. Federer wird glatt in drei Sätzen siegen und Folgendes sagen: „Ich habe es wirklich genossen. Wie ich es immer tue, wenn ich bei einer Night Session spiele.“

Der Aufreger des Abends

So kann in den Logen, wo schon mal aus peinlichen silbernen Bechern getrunken wird, aber auch auf weniger exklusiven Plätzen erst einmal über den Aufreger des Abends parliert werden. Und das ist dieser: Der US-Amerikaner Andy Roddick beendet seine Karriere. Wie auch immer er bei diesen US Open abschneiden werde, dieses Turnier sei sein letztes. Definitiv. In den vorigen Wochen sei seine Entscheidung gereift, hat er eine Stunde vor dem Beginn der Night Session auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz gesagt.

Er wisse einfach nicht, ob er im kommenden Jahr gesundheitlich und mental noch in einer entsprechenden Verfassung sein werde. Alle sind geschockt. Roddick, der 2003 die US Open gewinnen konnte, ist erst 30. Schließlich wird Roddick auch noch mal auf seine Erfahrungen mit den Night Sessions angesprochen. Er sagt: „Es ist mit Abstand die elektrisierendste Atmosphäre in unserem Sport.“

Um 21.20 Uhr kommen Angelique Kerber und Venus Williams in die Arena. Williams schlägt auf, Kerber gelingt das Break. Die Deutsche nimmt bei ihrer ersten Night Session die Energie des Moments auf, spielt nicht ihr bestes, aber zwingendes Tennis, auch weil die fahrige Williams das zulässt, und gewinnt den ersten Satz 6:2. Kerber, in diesem Jahr auf Platz 6 der Weltrangliste vorgedrungen, hat offensichtlich die Nerven und die Klasse, um bei diesem Auswärtsspiel zu bestehen. Doch plötzlich lässt sich die 24-Jährige irritieren.

Karaoke XXL

Von den respektlosen Zuschauern, die ihre Aufschlagfehler beklatschen. Von Venus Williams, die zur Rhythmusstörung bei ihrem ersten Aufschlag gern das Spielchen vom schlechten Wurf spielt und die Bewegungskette noch einmal von Neuem startet. Und vielleicht auch vom Terror, der in den Spielpausen vom Stadionchoreographen verursacht wird. Karaoke XXL, bis der Schiedsrichter die Leidenden mit der Aufforderung „Time“ erlöst. Kerber gibt den zweiten Satz ab. 5:7.

Die Trunkenbolde in der Loge unter den Kommentatorenplätzen nehmen das zum Anlass für eigenartige Brunfttänze, viel lustiger sind hingegen die Ausdruckstänze vereinzelter Senioren, die in den Spielpausen in die Stadionkamera drängen und auf der großen Leinwand für 30 Sekunden zum umjubelten Star werden.

Doch Kerber kommt schließlich über alle Widrigkeiten hinweg, hat in einem intensiven Spiel erstaunlicherweise doch noch einmal die Kraft zur Konzentration und dreht nach einem 2:4 im dritten Satz doch noch die Partie. 7:5 für die Deutsche, die beim obligatorischen Siegerinterview am Netz so furchtbar aufgeregt ist, dass sie einen unangenehmen Gruß in die Runde schickt. „Ich habe gewonnen, obwohl die Zuschauer ja alle gegen mich waren.“

Schlaflose Nacht

Es ist 0.45 Uhr. Kerber sitzt nach ihrer ersten Nachtschicht im Interview-Room 2. „Gegen Venus, hier in New York, und dann noch das Spiel gedreht – dieses Match zählt auf jeden Fall zu meinen Top Five“, sagt sie. Und, dass ihre erste Nachtschicht bei den US Open „echt ein Erlebnis“ gewesen sei.

Ein Eisbad habe sie unmittelbar nach der Anstrengung genommen, sagt sie, folgen würden noch eine Massage und intensive Dehnübungen. Denn schlafen könne sie in so einer Nacht ohnehin nicht.