New York - Sieht es nicht so aus, als könne es ein spannender Abend werden an diesem Sonnabend beim Finale der Frauen in New York? Auf der einen Seite die schillerndste und erfolgreichste Spielerin der Geschichte, Serena Williams, die endlich ihren 24 Grand-Slam-Titel gewinnen will; auf der anderen eine kaum bekannte, junge Frau aus Kanada, die noch nicht geboren war, als Williams vor genau 20 Jahren in diesem Stadion ihren ersten großen Titel gewann, Bianca Andreescu. Es ist ein rasanter Aufstieg, den die Herausforderin in diesem Jahr hinter sich hat.

Sieg gegen Venus Williams

Vor einem Jahr um diese Zeit stand sie in der Weltrangliste auf Platz 208, bei den US Open verlor sie in der ersten Runde der Qualifikation, und in ihrem Leben passte wenig zusammen damals. Doch beim ersten Turnier 2019 bog sie in eine andere Richtung ab. In Auckland/Neuseeland landete sie als Qualifikantin im Finale, besiegte auf dem Weg dorthin erstmals eine Top-Ten-Spielerin, Caroline Wozniacki, danach Venus Williams, und alles, was danach passierte, wäre ohne diese Tage vielleicht nicht möglich gewesen.

Es war die Woche, in der sie begriff, aus ihrem Traum könne was werden; zu den besten zu gehören, sie herausfordern zu können. Damals in Neuseeland trug sie übrigens zum erstem Mal ein schwarzes, elastisches Plastik-Haarband am Arm, zuerst am Handgelenk, später weiter oben, das seither so etwas wie ihr Glücksbringer geworden ist.

Andreescu spielt variabel

Spätestens zwei Monate später zeichnete sich ab, dass es tatsächlich eine große Geschichte werden könnte mit Bianca Andreescu, deren Eltern fünf Jahre vor ihrer Geburt mit zwei Koffern aus Rumänien in Kanada eingewandert waren. Beim traditionell erstklassig besetzten Turnier in Indian Wells Anfang März gewann sie sieben Spiele, zuletzt auch das Finale gegen Angelique Kerber.

Es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie sie frech, abwechslungsreich und unberechenbar spielt, es machte auch Spaß, ihr nach den Siegen zuzuhören. Nach dem Finale erinnerte sie an die komplizierte Zeit zwölf Monate zuvor, und prustete los: „Hej, das ist verrückt, was in einem Jahr alles passieren kann. Vor einem Jahr hab ich bei einem kleinen Turnier in Japan gespielt, jetzt bin ich der verdammte Champion in Indian Wells. Echt verrückt; das ist mein Wort des Turniers.“

Die nächste Begegnung mit Angelique Kerber gab es gleich danach beim Turnier in Miami, sie endete mit einem weiteren Sieg von Andreescu und mit schlechter Laune von Kerber, die sie nach dem Spiel wissen ließ: „Du bist die größte Drama-Queen überhaupt.“ Im nächsten Spiel gab die Kanadierin wegen einer Schulterverletzung auf, danach fiel sie ein paar Wochen aus, spielte in Paris, nicht in Wimbledon, kehrte erst Anfang August beim Turnier in ihrer Heimatstadt Toronto zurück.

Serena Williams als Fan

Wie in Indian Wells war sie auch in Kanada nicht zu bremsen, selbst in den komplizierten Spielen nicht, in denen sie stets so aussah, als sei sie am Ende. Im Finale traf sie auf Serena Williams, doch das währte nicht lange, denn die gab wegen einer Rückenverletzung auf. Williams outete sich danach als Fan der jungen Gegnerin, die ihre Tochter sein könnte, und sie wiederholte die Einschätzung in New York nach ihrem ungefährdeten Sieg im Halbfinale gegen Jelina Switolina (6:3, 6:1). „Sie ist eine tolle Spielerin; du weißt nie, was du von ihr zu erwarten hast. Sie schlägt gut auf, bewegt sich gut, hat eine Menge Kraft. Es ist aufregend, ihr zuzusehen. Aber vor allem mag ich sie als Person; sie ist toll.“ Wie viel Druck sie machen kann, das sah man auch beim umkämpften Sieg im Halbfinale gegen Belinda Bencic (7:6, 7:5).

Der 24. Grand-Slam-Titel?

Es ist cool, dass die Herausforderin aus Kanada und die große amerikanische Favoritin das abgebrochene Finale von Toronto nun gewissermaßen auf allerhöchster Ebene nachholen können – im entscheidenden Spiel der US Open. Es ist der vierte Versuch von Serena Williams, den 24. Grand-Slam-Titel zu gewinnen, den sie nach der Geburt ihrer Tochter Olympia vor ziemlich genau zwei Jahren jagt. In drei Versuchen scheiterte sie an Gegnerinnen, die am Tag des Finales besser spielten: Vor einem Jahr in Wimbledon an Angelique Kerber, später bei den US Open an Naomi Osaka und vor ein paar Wochen wieder in Wimbledon an Simona Halep. Mit Nummer 24 würde sie in den Rekordlisten rein rechnerisch auf der Ebene der Australierin Margaret Court landen. Aber gefühlt hat sie alle längst, längst hinter sich gelassen.