Valentin Stocker von Hertha BSC: Was falsch ist an der Art, wie über Fußballer berichtet wird

Am Ende reicht mir Valentin Stocker also doch wieder die Hand und verabschiedet sich mit den Worten: „Tschüss, mach was Gutes.“ An Anfang sagte er: „Ich bin nicht nachtragend.“ Die Sache hat nämlich eine Vorgeschichte. Sie liegt bereits über ein Jahr zurück.

Wie damals war es auch diesmal ein offenes Gespräch. Es ging wieder um die Höhen und Tiefen eines normalen Profifußballerlebens. Darum, wer wie warum mit welchem und worauf begründeten Recht festlegen kann, was hoch steigen und was tief fallen bedeutet. Auch darum, ob eine grundsätzliche Trennung zwischen Nachricht und Meinung und Gegenmeinung nicht fairer wäre in der Sportberichterstattung. Das heißt: Müssen wir Kritiker auch mal Selbstkritik üben?

Aber was meint er mit: Mach was Gutes?

Es gibt im Fußball die Nettospielzeit, die abzüglich aller Unterbrechungen wie Tor, Elfmeter, Eckball usw. die tatsächliche Spiellänge ermittelt. Ein Spiel dauert keine neunzig Minuten. Es sind meist weniger als sechzig. Bei (nicht nur) Fußballern gibt es eine Nettoredezeit. Abgezogen werden müssen Floskeln, Plattitüden und andere Sätze wie: „Ich denke (wahlweise schaue) von Spiel zu Spiel (wahlweise Woche).“ Am Ende eines zwanzigminütigen Gesprächs sind es oft nur wenige Sekunden, in denen Gedanken ungefiltert auf Band laufen.

Ein Interview ist eine Bühne

Die Motive zur Vereinfachung (häufig) oder Verschleierung (selten) irgendeiner Wahrheit sind vielfältig. Hier eine unvollständige Liste: allgemeine Medienscheu oder Wortkargheit; Sorge, (wieder) falsch oder aus dem Zusammenhang gerissen zitiert zu werden; Antipathie; nur Lustlosigkeit; kein Verständnis für die Fragen, für eine Tendenz, die dahinter lauern könnte. Jedes Motiv hat seine Berechtigung. Es gibt keine Pflicht zur Offenheit. Ein Interview ist ein freiwilliges Angebot. Und Vertrauen eine wichtige Voraussetzung. Wenn es gut läuft, haben alle etwas davon.

Ein Interview ist aber auch eine Plattform, eine Bühne. Man präsentiert sich, man verkauft sich. Spitzensport und Medien brauchen einander. Zusammen sind sie willkommene Zerstreuung, gute Unterhaltung. Zusammen haben sie aber auch die Blase geschaffen, in die immer mehr Geld gepumpt wird. Versuche, mehr aus Sport zu machen, ihm eine gesellschaftliche Relevanz zuzuschreiben, gehen oft schief. Wenn das betrügende und korrumpierte Sportbusiness, wie hier und da behauptet, ein Spiegel der Gesellschaft wäre, bliebe wenig Hoffnung.

Er bietet an, gibt preis, steckt ein

Bei Stocker, 27, der seine dritte Saison für Hertha BSC spielt, am Sonnabend beim Auswärtsspiel in Augsburg wahrscheinlich auf der Spielmacherposition, ist es anders. „Speziell“ ist das Wort, das er bei seiner Vorstellung in Berlin selbst gewählt hat.

Unser Gespräch hatte kaum Leerlauf. Stocker ist keiner, der mit seiner Meinung geizt. Dass er meist eine hat, wo andere mit den Achseln zucken, macht ihn zu einer spannenden Person für Journalisten. Er hat das Image, der etwas andere Profi zu sein. Streitbar auch. Und nicht immer beliebt bei den Fans. Einer, der seine Karriere und die Branche mit distanziertem Blick reflektiert. Er bietet an, gibt preis, steckt ein, teilt aber auch aus, wenn er findet, dass es sein muss. Man findet viele lange Interviews mit Stocker. Er ist ein Fall für das Fußballfeuilleton. Es macht Spaß, mit ihm zu reden und dann über ihn zu schreiben.

Die Frage, die ich mir dabei jedes Mal stelle, lautet: Hat er dieses Image selbst geschaffen oder ist es ihm übergestülpt worden (auch von mir?) wie eine zweite Haut, die er nicht mehr loswird? Die Neue Zürcher Zeitung zitiert Stocker mit diesem Satz: „An mir bleiben gewisse Dinge einfach immer länger hängen.“