Die Technik macht's: Kugelstoßerin Valerie Adams.
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ChristchurchWenn man den Willen hat, sagt Valerie Adams, kann man alles erreichen. Im Fall der zweifachen Olympiasiegerin im Kugelstoßen bedeutet das: Familie, Kinder, Olympia. Gerade hat die 35 Jahre alte Vorzeige-Athletin Neuseelands bei der nationalen Leichtathletik-Meisterschaft in Christchurch ihren 16. Titel gewonnen; die Qualifikationsweite für die Olympia in Tokio hatte sie bereits im Januar bei ihrem Comeback nach 20 Monaten Pause übertroffen. „Ich hoffe, ich kann damit Sportlerinnen, die Kinder haben wollen, inspirieren. Sie können Kinder haben und trotzdem in die Weltspitze zurückkehren.“

Die vor drei Jahren zur „Dame“ geadelte viermalige Weltmeisterin (2007, 2009, 2011, 2013) hat es schon zweimal vorgemacht. Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter Kimoana Josephine im Oktober 2017 holte sie Silber bei den Commonwealth-Spielen. Ihr Sohn Kepaleli Tava Sydney wurde vor einem Jahr geboren.

Adams ist stets an der Seite ihrer Schwester

Doch auch während ihrer Schwangerschaft war Adams, die seit vier Jahren in zweiter Ehe mit ihrem Jugendfreund Gabriel Price verheiratet ist, allgegenwärtig in Neuseelands Leichtathletik-Stadien – als Trainerin ihrer kometenhaft an die Weltspitze geschossenen jüngeren Schwester Lisa, die in Christchurch ihren eigenen Weltrekord in der Behindertenklasse F37 (infantile Zerebralparese) um 48 Zentimeter auf 15,28 Meter verbesserte. Die 29 Jahre alte Para-Weltmeisterin, die mit der ein Kilo leichteren Drei-Kilo-Kugel stößt, wurde mit einer Bewegungsstörung geboren und benötigt im Wettkampf eine Stützschiene am linken Fuß, aber sie hat das Gardemaß der Adams-Familie geerbt, das ideal zum Kugelstoßen ist: Lisa ist 1,89 Meter groß, Valerie 1,93 Meter – und Bruder Steven Adams, 26, der in der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA bei den Oklahoma City Thunder ein Superstar ist, misst 2,13.

Die zusätzliche Aufgabe ist Teil einer Organisationsstruktur, die Valerie Adams ihrem Leben gegeben hat. „Vor der Geburt meiner Kinder hat das Kugelstoßen mein Leben rund um die Uhr bestimmt, selbst an meinen freien Tagen“, sagt sie, „jetzt ist alles strikt getrennt. Wenn ich trainiere, trainiere ich, und ich genieße es total. Dort haben die Kinder nichts zu suchen. Wenn ich mit Lisa arbeite, arbeite ich mit Lisa. Wenn ich nicht trainiere, bin ich hundertprozentig Mutter und für meine Kinder da. Es gibt keine Ablenkung und kein Durcheinander.“

Das alles funktioniert aber nur, weil sich die Familie dem sportlichen Streben der Topathletin unterordnet. „Ich habe ein tolles Netzwerk von Leuten um mich, die mich in die Lage versetzen, das zu tun, was ich tue, und ohne die Unterstützung meiner Schwiegermutter ginge es überhaupt nicht“, sagt Adams, deren Mutter Lilika Ngauamo starb, als die Kugelstoßerin 15 Jahre alt war. „Mein Team ist jetzt viel größer und ich muss weitaus mehr Dinge berücksichtigen als nur mich selbst. Das Schönste daran, Kinder zu haben, ist, dass mein Leben viel ausgeglichener ist, und es ist genau zur richtigen Zeit gekommen.“

Die Ausgeglichenheit ist Adams ins Gesicht geschriebe

Diese innere Ruhe ist der erschlankten Athletin anzumerken. Sie war nie eine unfreundliche Person, aber jetzt stehen ihr Ausgeglichenheit und unbändige Freude ins Gesicht geschrieben. Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Sie lacht viel, hat die Familienidylle gebraucht nach dem frühen Tod der Mutter, der Entfremdung vom mittlerweile ebenfalls verstorbenen Vater, der mit fünf verschiedenen Frauen insgesamt 18 Kinder hatte, und der unglücklichen Ehe mit dem neukaledonischen Diskuswerfer Bertrand Vili, von dem sie sich 2010 scheiden ließ.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. 

Doch mit den neuen Rahmenbedingungen betritt Valerie Adams, die mit ihrer Größe für die alterhergebrachte Angleittechnik wie geschaffen ist, vor jedem Großereignis Neuland. „Es war so nach dem ersten Kind, und es ist auch jetzt so mit zwei Kindern“, sagt sie, „ich war zwar schon dreimal bei Olympischen Spielen, aber noch nie als zweifache Mutter.“ Jetzt mit den Auswirkungen des Coronavirus auf Sportveranstaltungen und das tägliche Leben kommen weitere Unwägbarkeiten hinzu, die ihre Saisonvorbereitung beeinflussen. Nach einer kurzen Erholungsphase hatte die Kugelstoßerin vor, in die Schweiz zu fliegen und ihr übliches Trainingscamp in Magglingen zu beziehen, wo sie bis zu dessen Ruhestand 2017 unter Startrainer Jean-Pierre Egger trainierte.

Noch ist sie weit von ihren Leistungen entfernt, die internationalen Erfolg verheißen würden. Ihre Bestmarke von 2011 steht bei 21,24 Metern, und die letzte vergleichbare Weite (20,90) stammt aus dem Jahr 2013. Der letzte große Erfolg war die olympische Silbermedaille von Rio 2016 mit 20,42 Metern hinter Michelle Carter (USA/20,63). Jetzt ist Adams, die nach Goldmedaillen im Jugend- und Juniorenbereich mit der Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften 2005 in Helsinki das erste Ausrufezeichen in ihrer langen Karriere setzte, bei 18,81 Metern angelangt, bei den nationalen Titelkämpfen kam sie auf 18,73 Meter. Damit musste sie sich der außer Konkurrenz angetretenen Kanadierin Brittany Crew (18,88) geschlagen geben.

Solche Niederlagen versteht sie als Motivation. „Ich kann mich nicht beklagen“, sagt sie, „die Beständigkeit ist da, aber die Arbeit geht natürlich weiter. Ich muss Geduld haben. Das habe ich im Lauf der Jahre gelernt, es war vor jedem Großereignis so.“ Sie hat viele Verletzungen weggesteckt, musste sich vor den Olympischen Spielen in Rio sogar Operationen an der Schulter, am Ellbogen und am Knie unterziehen. Insofern gesehen ist es ein Klacks, plötzlich zwei Kinder um sich zu haben, denn Kimoana und Kepaleli sind für Valerie Adams positive Energie.