BerlinVor 20 Jahren wäre das derzeitige Corona-Reisechaos für die Darts-WM überhaupt kein Problem gewesen. Die Spieler stammten eh fast ausnahmslos von der Insel und hätten so unkompliziert zu ihren Familien reisen können. Inzwischen – und in diesem Corona-Jahr 2020 besonders – sieht die Darts-Tour aber ganz anders aus. Was früher ein verrauchtes Kneipenvergnügen für Briten war, ist heute bunt und international. Die Chance, dass der neue Weltmeister am 3. Januar nicht aus Großbritannien stammt, stehen extrem gut.

Der „Auberginen-König“ überzeugt

Beispiele für die neuen nicht-britischen Stars der Tour gibt es zur Genüge. Dirk van Duijvenbode ist als „Auberginen-König“ nicht nur ein exzellenter Marketing-Gag, sondern auch an der Scheibe eine große Erfolgsstory. Der Niederländer, der nebenbei auf einer Auberginen-Farm arbeitet, bezwang vor den Feiertagen Englands Ex-Weltmeister Rob Cross und darf bei der Fortsetzung auf einen WM-Coup hoffen. Wenn er gefragt wird, warum er so wenige Interviews gibt, begründet er dies gerne mit seinem Hauptjob: „Ich habe eine halbe Stunde Pause – und da muss ich auch noch essen.“ Bevorzugt Auberginen – wofür er sehr gerne wirbt.

Da Ein- und Ausreise in Großbritannien gerade coronabedingt schwierig bis unmöglich sind, verbrachten die Internationalen die Feiertage im Spielerhotel. Die neue Kultfigur van Duijvenbode dinierte entspannt mit dem Weltranglistenersten und Landsmann Michael van Gerwen, der in diesem Jahr schwächelte und häufiger gegen Außenseiter verlor. Auch für weitere Shootingstars wie Dimitri Van den Bergh aus Belgien oder Devon Petersen aus Südafrika gab es ein Weihnachten mit Kollegen statt große Familienbescherung mit den Liebsten.

Doch woher kommen die einstigen Exoten plötzlich – und warum hat das Corona-Jahr 2020 so kräftig an der Darts-Hackordnung gerüttelt? Darts-Experte Elmar Paulke sieht die pandemiebedingten Pausen als wichtigen Grund. „Corona hat die Tour verändert. Ich glaube, das größte Problem der Top Guns ist, dass sie nicht mehr den gewohnten Turnier-Rhythmus haben“, sagte Paulke. Das fehlende Publikum, das von den Rängen üblicherweise zusätzlich Druck erzeugt, wird in diesem Jahr von einer konstanten Geräuschkulisse über Lautsprecher im Alexandria Palace ersetzt und das wirke sich zusätzlich negativ für die bisherige Weltelite aus.

Dieses Schwächeln wurde schon mehrfach von Neulingen genutzt. Neben van Duijvenbode waren es auch Van den Bergh und Petersen, die das Jahr prägten. Der belgische Youngster verbrachte im Frühjahr mehrere Wochen auf dem Bauernhof von Schottlands Weltmeister Peter Wright, weil er es vor dem Lockdown nicht in die Heimat schaffte.

Als vier Monate Spielpause vorbei waren, kehrte „The Dreammaker“ Van den Bergh furios auf die Tour zurück und gewann beim World Matchplay, dem zweitwichtigsten Darts-Turnier überhaupt. Mit seinem lässigen Auftreten und seiner wilden Tanzshow auf der Bühne ist Van den Bergh ein Star der Szene geworden – und spannender als viele Engländer wie Cross oder Michael Smith, die bei dieser WM schon vor Weihnachten scheiterten.

Eine interessante Figur ist auch Petersen, der als Gute-Laune-Bär den Pfeilesport in Afrika populär machen will. Nach seinem Premierensieg auf der Tour im September hat der 34-Jährige noch lange nicht genug. „Mein Ziel war immer, eines Tages Weltmeister zu werden. Ich will der erste afrikanische Weltmeister werden, das wäre monumental für den ganzen Kontinent. Das würde so viele Türen öffnen“, sagte Petersen. Wenn er das schaffe, „schaffen es auch andere“.