Dem Bundesligisten Hamburger SV ist es am Wochenende gelungen, aus der größten Krise der 125-jährigen Vereinsgeschichte eine noch viel größere zu machen. Wofür zum einen René Adler die Verantwortung trägt, der Nationaltorhüter, der beim 2:4 in Braunschweig zwei Mal kräftig patzte und mit seiner indiskutablen Leistung einen Sieg unmöglich machte. Zum anderen natürlich aber auch der Aufsichtsrat des Traditionsvereins, das oberste Kontrollgremium, das mit seiner inneren Zerrissenheit das heillose Durcheinander beim Tabellenvorletzten nur noch befördert.

Das 2:4 beim Konkurrenten um einen Nichtabstiegsplatz hatte die Demission von Bert van Marwijk zur Folge, der nach der achten Pflichtspielniederlage in Serie trotz aller Treueschwüre des Klubvorstandes nicht mehr zu halten war und erwartungsgemäß durch Mirko Slomka ersetzt wurde. Der 46-jährige Fußballlehrer, der erst in Winterpause von Hannover 96 den Laufpass bekommen hatte, soll übereinstimmenden Medienberichten zu Folge gestern Nachmittag seinen Namenszug unter einen Kontrakt gesetzt haben und schon morgen Nachmittag das Training des HSV leiten. Eine Bestätigung vonseiten des Vereins lag bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe allerdings noch nicht vor.

Warum Bert van Marwijk trotz der mitunter desaströsen Auftritte seiner Mannschaft von einem Rücktritt absah, ist klar: Nur so kommt er an das monetäre Glück einer satten Abfindung, das ja an die Laufzeit seines nun gekündigten Vertrages (bis 2015) gekoppelt ist. Von bis zu drei Millionen Euro war gestern die Rede. Carl Jarchow, der Vorstandsvorsitzende, der in diesen Tagen den Eindruck erweckt, als habe er den Ernst der Lage noch gar nicht geblickt, sagte: „Er hat sehr nüchtern und verständnisvoll reagiert. Wir wissen alle, dass wir uns gegenseitig schätzen.“

Van Marwijk wünscht viel Glück

Bei der Mannschaft, das will die Hamburger Morgenpost erfahren haben, soll sich der 61-Jährige, der mit neun Niederlagen, drei Siegen und drei Unentschieden in 15 Ligaspielen eine niederschmetternde Bilanz vorzuweisen hat, mit folgenden Worten verabschiedet haben: „Ich glaube auch weiterhin an euch, wie ich es die ganze Zeit gemacht habe. Ich gönne es euch und wünsche euch viel Glück.“

Ob das reicht, wenn man bedenkt, dass die Voraussetzung für Glück letztlich doch immer noch eine gewisse Qualität ist? Qualität, die zuletzt weder bei der total verunsicherten Mannschaft noch beim Trainer noch beim Manager Oliver Kreuzer auszumachen war. Slomka, der nach seinem Aus beim FC Schalke im Jahr 2008 beim HSV schon mal als Wunschkandidat gehandelt worden war, hat immerhin den Vorteil, dass er nichts zu verlieren hat. Gelingt ihm der Klassenerhalt, dürfte er als Held gefeiert werden, scheitert er, kann er sich noch immer auf die ungenügende Personalpolitik seiner Vorgänger berufen.

Am ehesten hätte man eine Trendwende wohl noch Felix Magath zugetraut, der in der vergangenen Woche zunächst seine Bereitschaft zur Rückkehr als Generalkrisenmanager signalisiert, dem HSV aber dann doch eine Absage erteilt hatte. Wohl auch, weil er offensichtlich einen Tipp bekommen hatte, dass sich im elfköpfigen Aufsichtsrat keine Mehrheit pro Magath ergeben hatte. Mit Vergnügen teilte Magath am Freitagabend deshalb via Facebook mit, dass er mit sofortiger Wirkung beim englischen Premier-League-Klub FC Fulham anheuere. Magaths Grußworte an den HSV: „Leider beharren im HSV zu viele der alten Kräfte auf ihren Positionen, sind an einem ehrlichen Neuanfang nicht interessiert.“

Ein bisschen Hoffnung gibt es allerdings doch, wenngleich der Neuanfang im Aufsichtsrat wohl kaum freiwilliger Natur ist. Aber immerhin: Wie es aussieht, löst sich der Kreis durch mehrere Rücktritte von selbst auf. Hans-Ulrich Klüver hat gestern jedenfalls schon mal mit seiner Absichtserklärung einen Anfang gemacht. (BLZ)