Berlin - Manchmal ist der Mittelpunkt des Spiels ein Menschenknäuel aus weit aufgerissenen Mündern und Augen, aus wild herumwedelnden Armen und aufeinanderprallenden Oberkörpern. Der Fachbegriff Rudelbildung hat sich hier durchgesetzt. So ein Rudel bildet sich häufig, wenn Spieler eine zum Fußballhimmel schreiende Ungerechtigkeit empfinden oder ein Foul ihre subjektive Grenze zur Brutalität überschreitet. Und genau dann muss er dort stehen, mitten im Rudel, das Alphatier, der Kapitän einer Mannschaft. So gesehen ist die Entscheidung, Vedad Ibisevic die Binde anzuvertrauen, eine konsequente. Sie kam trotzdem überraschend.

Pal Dradai, Trainer von Hertha BSC und früher selbst ein ausgewiesener Rudelbilder, hat den alten Amtsträger Fabian Lustenberger nach drei Jahren seines Amtes enthoben. Im Fußball sagt man: Er wurde rasiert. Möglicher Zusatz: eiskalt. Lustenberger, der Mann mit der längsten Vereinszugehörigkeit im Kader, war Dardai immer schon zu brav, nur die Betaversion eines Anführers, mehr Leichtmatrose als Kapitän. Zuletzt war er ihm auch fußballerisch nicht mehr gut genug.

Wunsch nach aggressiverer Körpersprache

Bereits in der vergangenen Saison ließ der Trainer die K-Frage provozierend lange offen, bevor er Lustenberger doch wieder ernannte. In einer Klubmitteilung heißt es nun, man wünsche sich eine deutlich aggressivere Körpersprache des gesamten Teams. Dardai ergänzte: „Vedad hat seine Fähigkeiten als Motivator und Anführer unter Beweis gestellt.“

Die Steigerung von eiskalt rasieren heißt: demontieren.
Was Aggressivität auf dem Platz angeht, ist Ibisevic, 32, bosnischer Nationalspieler, tatsächlich ein echtes Vorbild. Er rennt, er kämpft, er grätscht im Grenzbereich und beschwert sich, wenn ihm etwas nicht passt, was nicht selten vorkommt. Er ist so ein Typ Bösewicht, den jede Mannschaft braucht, die sich zu schnell ihrem Schicksal ergibt und ängstlich zuckt, wenn es wehtut. Ein Drecksack, sagt man auch. Ibisevic, und das passt zusammen, ist ein fairer Drecksack. Und sehr umgänglich nach dem Abpfiff.

Er ist erst vor einem Jahr vom VfB Stuttgart nach Berlin gewechselt. Er hat dann vom ersten Spiel an gezeigt, dass er mehr will als nur mitlaufen. Von seiner Erfahrung, seiner professionellen Einstellung hat Hertha profitiert. Von seinen Toren ist der Klub abhängig. Neun waren es in der vergangenen Saison, es sollen mehr werden. Vedator ist sein Spitzname. Dardai sagte neulich einen Tick zu ehrlich: „Wir können eigentlich nur gewinnen, wenn Vedad trifft.“ Manchmal trifft er halt auch mal ein Bein. Aber er entschuldigt sich sofort.