Christian Prokop wirkt bei der EM häufig frustriert.
dpa

WienVor zwei Jahren gehörte Hendrik Pekeler noch zu den schärfsten Kritikern von Handball-Bundestrainer Christian Prokop. Vor der aktuellen Europameisterschaft standen die Zeichen indes schon etwas anders. Man habe sich ausgesprochen und Probleme behoben, hieß es. Nach dem 34:22-Erfolg am Montagabend gegen Österreich stellte sich der Kieler Kreisläufer nun gänzlich hinter seinen Coach: „Auf der Trainerposition brauchen wir keine Veränderung.“ Damit sprach Pekeler aus, was viele seiner Mannschaftskollegen bekräftigten. Eine Debatte über Prokop würde teamintern nicht geführt werden.

Turniere ohne Medaillen

Ein paar Kritikpunkte muss sich der 41-Jährige Köthener indes gefallen lassen. Seit seinem Amtsantritt im Juli 2017 konnte die deutsche Nationalmannschaft in keinem Turnier etwas Handfestes mitnehmen. Auf die desaströse EM in Kroatien, welche die DHB-Auswahl nur als Neunter beschloss, folgten der vierte Platz bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land und nun das vorzeitige Wettbewerbs-Aus in der Europameisterschaft, bei der das bestmögliche Auskommen im Rahmen eines fünften Ranges liegt.  Anspruch und Wirklichkeit liegen auseinander.

Möchte man den Bundestrainer verteidigen, wird verständlicherweise gerne auf die WM im letzten Jahr verwiesen, bei der in Deutschland zumindest kurzfristig ein Handball-Hype ausgelöst wurde und Pekeler und Co. mit ihrer leidenschaftlichen Spielweise Werbung für den Sport betrieben haben. Dennoch bleibt auch dieser Sport ergebnisorientiert, und wieder reichte es nicht für eine Medaille. Bei der aktuellen Drei-Länder-EM stehen vier Siege zu Buche: gegen die EM-Debütanten Holland und Lettland sowie gegen Österreich und Weißrussland. Alles keine Gegner, die zum engeren Favoritenkreis gezählt werden können. Gegen den amtierenden Europameister Spanien ging Prokops Team in der Vorrunde hingegen mit einer 26:33-Niederlage regelrecht unter. Und der beherzte Auftritt gegen die starken Kroaten endete mit einem schmerzhaften 24:25-Misserfolg. Gegen Ende der Partie zeigte sich dabei deutlich, dass eine führende Hand fehlt – sowohl auf dem Feld als auch an der Seitenlinie.

Die Formsteigerung in der Hauptrunde täuscht jedenfalls nicht darüber hinweg, dass Prokop das Potenzial seiner Mannschaft anscheinend nicht richtig ausschöpfen kann. Natürlich ist der Einwand, dass der Bundestrainer auf sieben Stammkräfte verzichten muss, gerechtfertigt. Allerdings gelang es Dagur Sigurdsson 2016, seine „Bad Boys“ in einer ähnlichen Situation zum Titel zu führen.

Die von DHB-Vizepräsident Bob Hanning für die Olympischen Spiele in Tokio ausgegebene Erwartung einer Goldmedaille scheint in weite Ferne gerückt. Bisher ist die deutsche Mannschaft  nicht einmal qualifiziert. Um sich einen Startplatz zu sichern, gilt es, sich bei dem Turnier vom 17. bis 19. April in Berlin gegen eine afrikanische und zwei europäische Nationen durchzusetzen. Als Kontrahenten um die zwei Olympia-Tickets könnten mit Kroatien, Schweden und Spanien zwei Gegner auf Deutschland warten, gegen die man bei der EM unterlag. Vorteilhaft ist – und das haben Prokop und seine Schützlinge just wieder gezeigt – der Heimvorteil. Mit der Unterstützung der eigenen Fans steigen die Emotionen.

Damit diese Souveränität auch ohne die Zuschauerunterstützung, die in Tokio höchstwahrscheinlich geringer ausfallen wird, ausgestrahlt werden kann, ist es umso wichtiger, die letzten beiden EM-Spiele siegreich zu gestalten und das Turnier mit einem positiven Gefühl abzuschließen. Das Duell am Mittwoch gegen Tschechien (20.30 Uhr, ZDF) ist sportlich nur insofern von Bedeutung, um Erfahrungswerte zu sammeln und spieltechnische Abstimmungsprobleme zu beheben – ein Testspiel mit Wettkampf-Charakter.

Immerhin: Am Dienstag erhielt Prokop Rückendeckung von Axel Kromer. Der DHB-Sportvorstand erklärte: „Wir als Verbandsführung wollen klarstellen, dass es intern nie eine Diskussion darüber gab, mit welchem Trainer wir künftig die Nationalmannschaft prägen wollen. Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen und die Sommerspiele anpeilen.“ Aber was passiert mit Prokop, wenn dieses Ziel verfehlt wird?